Fukushima: Wo Strahlen lange Schatten werfen

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Warnt in Lindau nicht nur am Beispiel Fukushimas eindringlich vor Atomkraft: Kazuhiko Kobayashi.
Warnt in Lindau nicht nur am Beispiel Fukushimas eindringlich vor Atomkraft: Kazuhiko Kobayashi. (Foto: Maria Luise Stübner)
Schwäbische Zeitung
Maria Luise Stübner

Nebenan in der Inselhalle ist am Freitagabend festliche Kleidung angesagt – im Nebenzimmer des Inselhallenrestaurants reicht der Wille, sich zu informieren. Über „Fukushima, mehr als eine Warnung zur Atomkraft in der Welt“. Rund 50 Besucher wollen wissen, was Kazuhiko Kobayashi, eingeladen von Bund Naturschutz, attac und der Anti-AKW-Initiative Westallgäu-Lindau, zu sagen hat. Was er an Bildern aus der Präfektur Fukushima mitgebracht hat.

Kleine Kinder putzen lachend Postkästen – dann muss ja eigentlich alles in Ordnung sein. Nach Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe im März 2011. Aber das sind die Fotos, mit denen dort die Bevölkerung beruhigt wird. Der Wahrheit näher kommen die Bilder mit den blauen Abfallsäcken an den Straßenrändern, teilweise zu Bergen aufgetürmt. Drinnen kontaminierte Erde und Trümmerstücke.

Die Regierung spreche von vorübergehenden Abstellplätzen, sagt Kobayashi, der die Region im Mai mit einem Reporter bereist hat. Aber sie sage nicht, wann das verstrahlte Material weg kommt und wohin. Riesige schwarze Wassertanks, aufeinandergetürmt, gefüllt mit kontaminiertem Wasser. Auf die Behälter gibt die Herstellerfirma fünf Jahre Garantie, berichtet Kobayashi. Fünf Jahre sind nach der Katastrophe noch nicht um – aber die ersten Tanks seien schon undicht. Er befürchtet, dass irgendwann alles im Pazifik landet. Dass der ja groß genug sei, soll sogar schon einmal ein Tepco-Mitarbeiter einem Journalisten geantwortet haben. Tepco, die Betreiberfirma der havarierten AKWs, die für eine Erdbebenregion Standardausführungen eingekauft hat. Und wie die japanische Regierung die Gefahren herunterspielt.

Kobayashi hat die öffentlichen Messgeräte, an denen die Bevölkerung die Strahlenbelastung in Mikrosievert ablesen kann, fotografiert. Und daneben die Werte gestellt, die er an den gleichen Messpunkten gemessen hat. Sie waren in der Regel doppelt so hoch.

Ob am Eingang einer Bibliothek oder einem Kinderspielplatz im Park, wo das Fünffache des Grenzwertes erreicht wurde. Er hat mit Menschen gesprochen, sie auf die Gefahr aufmerksam gemacht. Es gab Mütter, die erzählten, dass sie sich große Sorgen machen und weg aus Fukushima wollen. Aber sie können nicht. Weil der Mann woanders keine Arbeit findet. Oder das (inzwischen unverkäufliche) Haus noch abbezahlt werden muss.

Er hat aber auch Mütter sagen hören: „Wenn die Regierung sagt, dass man hier mit Kindern ohne Gefahr leben kann, dann muss es so sein.“ Weit verbreitet, weil Obrigkeitsglaube der Mentalität der Japaner entspricht. Kobayashi hat Interviews mit Opfern innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone gemacht. Mit dem Bauer, dessen Rinder weiße Flecken am Körper haben – Strahlungsschäden. Der Mann wollte nicht evakuiert werden, kommt immer wieder. Lieber will er mit seinen Tieren sterben. Und er wird ziemlich sicher im nächsten Jahr sterben, sagt Kobayashi.

Er berichtet, dass von 150 000 Kindern und Jugendlichen, deren Schilddrüsen untersucht worden sind, 40 Prozent kleine Knoten im Hals haben. Wenn Eltern um ausführlichere Untersuchungen bäten, sagten die Ärzte, die unter Druck der Regierung stünden: „Nein das brauchen ihre Kinder nicht.“ Langsam formten sich Initiativen, die weiter helfen, erklärt der Wissenschaftler und Atomkraft-Kritiker. So seien aus Spendengeldern inzwischen zwei kleine Kinderkliniken errichtet worden, in denen gewissenhafte Ärzte aus anderen Präfekturen auf ehrenamtlicher Basis untersuchen und beraten.

Auch er, der gerade seine dritte Vortragsreise in Europa macht, sammelt seit dem vergangenen Jahr Spenden für die Kliniken. Dieses Jahr soll die Hälfte des Geldes einer Bürgerinitiative zugute kommen, die Müttern mit Kindern zur Kur verhilft.

Seit Anfang ihrer Geschichte sei die Atomkraft die verantwortungsloseste aller Techniken gewesen, voll von Lügen und Verbrechen. Das macht der 67-Jährige, der 27 Jahre in Deutschland gelebt und früher Unternehmen beraten hat, an vielen Beispielen deutlich. Ob Atomwaffentests im Pazifik oder die Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki: „Die ungünstigen Fakten werden verheimlicht und vertuscht.“ Da seien alle Atomländer gleich.

Bei der Nutzung als Energie würde immer wieder behauptet, dass es ohne Atomkraft nicht gehe. Aber als nach der Katastrophe in Fukushima die Atomkraftwerke abgeschaltet worden seien, habe es keinerlei Probleme mit der Stromversorgung gegeben. Und das, obwohl nicht mal die Hälfte der konventionellen Kraftwerke im Einsatz war. Seine deutschen Freunde bittet Kazuhiko Kobayashi am Schluss seines Referats: „Wir müssen mit aller Kraft gegen diese Atommafia kämpfen.“ Der Beifall zeigt, dass seine Worte angekommen sind.

Spenden für Kinder in Fukushima können auf folgendes Konto der Commerzbank Hamburg eingezahlt werden: Kontoinhaber: Kazuhiko Kobayashi, Konto: 0966002101, Bankleitzahl: 20080000, Verwendungszweck: Spenden für Kinder in Fukushima.

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