Wie diese Lindauerin schon zwei Menschenleben gerettet hat

„Man kann gar nicht genug darüber reden, wie wichtig es ist, einfach nur zu handeln“ sagt Jenin Bohle. Die 21Jährige wurde von i
„Man kann gar nicht genug darüber reden, wie wichtig es ist, einfach nur zu handeln“ sagt Jenin Bohle. (Foto: Susi Donner)

Eigentlich wollte sich Jenin Bohle vor ihrem Dienstantritt nur noch schnell etwas zu Essen besorgen. Als die junge Krankenschwester in Ausbildung mit ihren Einkäufen wieder aus dem Einkaufsmarkt in Aeschach herauskommt, fällt ihr eine Menschentraube auf, die um einen am Boden liegenden Mann steht.

Schnell geht sie zu der Gruppe aus etwa acht Leuten, fragt „kann ich etwas helfen?“ –und erntet Schulterzucken. Ein Blick auf den älteren Mann am Boden zeigt ihr, dass sie keine Zeit mehr mit Fragen verlieren darf. Sein Gesicht ist bereits blau angelaufen.

Das ist fast ein Jahr her. Sie erinnert sich noch gut an diesen kalten und nassen 5. Januar, an dem sie ein Leben gerettet hat. Beherzt kniet sie sich neben den Mann auf den Boden, kontrolliert, ober er atmet und Puls hat, stellt fest, dass er keinen Herzschlag mehr hat, nicht atmet und nicht ansprechbar ist, und beginnt sofort mit der Herzdruckmassage.

Gleichzeitig delegiert sie, dass jemand der Herumstehenden sofort die Rettung alarmieren soll. „Am meisten war ich geschockt, dass das noch niemand gemacht hatte. Dass alle nur geschaut haben und keiner sich auch nur irgendwie bewegt hat, um zu helfen“, erinnert sich 21-Jährige.

Rippen dürfen brechen

Wie lange ihre Wiederbelebungsversuche gedauert haben, weiß sie nicht genau. Sie schätzt aber, dass sie etwa 15 bis 20 Minuten gedrückt habe, was kräftezehrend ist. Sie hört eine Rippe knacken, wahrscheinlich ist sie gebrochen, aber die Lebensretterin macht weiter, weiß, dass das im Moment nicht wichtig ist.

Im Gegenteil: Bei einer korrekt durchgeführter Herzdruckmassage kommen Rippenbrüche besonders bei älteren Menschen häufig vor. Das ist sogar ein Zeichen dafür, dass im Brustkorb genügend Druck aufgebaut wird.

Einmal kommt der Mann kurz zu sich, ist aber gleich wieder bewusstlos. Als der Notarzt eintrifft, führt dieser mit ihr gemeinsam die Intubation durch und leitet die Beatmung ein. Währenddessen setzt sie die Herzdruckmassage fort. Es beginnt wie aus Kübeln zu regnen und die beiden Helfer tragen den Bewusstlosen in den Laden.

Dann kommt der Rettungsdienst, und Jenin Bohle übergibt die Verantwortung für den Mann. Erst jetzt wird ihr bewusst, was da gerade passiert ist. Dass in Aeschach in der Sparkassse ein ein automatisierter externer Defibrillator (AED) hängt, wusste sie damals nicht. „Hätte ich das gewusst, hätte ich jemanden hingeschickt, um ihn zu holen. Aber zum Glück haben auch meine Ersthelfermaßnahmen ausgereicht“, sagt sie heute.

Jede Minute zählt

Als sie zwei Stunden später ihren Dienst antritt, fragt sie zuerst, ob jemand nach einer Reanimation eingeliefert wurde. Dass die Antwort „Ja“ lautet, erleichterte sie. Der Mann hat also überlebt. Er ist auf die Intensivstation verlegt worden, und wird längere Zeit weiter behandelt.

Ein Kollege vom Rettungsdienst wird ihr ein paar Wochen später erzählen, dass der Mann das Krankenhaus gesund verlassen habe. Dank der schnellen Hilfe ohne bleibende Gesundheitsschäden. Denn bei einem Herz-Kreislaufstillstand kommt es auf jede Minute an. Bereits nach drei bis fünf Minuten ohne Reanimationsmaßnahmen können Personen, die einen Herz-Kreislaufstillstand erlitten haben, irreversible Hirnschäden davontragen. Ohne Herzdruckmassage sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um etwa zehn Prozent pro Minute.

Erste-Hilfe-Kurse sind wichtig

Die Frage, ob Jenin Bohle ohne ihre Ausbildung zur Krankenschwester ebenso besonnen gehandelt hätte, beantwortet sie selbstsicher mit „Ja“. „Weil ich schon Schulsanitäterin war“, sagt sie. „Ich habe jedes Jahr zwei Erste-Hilfe-Kurse gemacht.“ Und das glaubt sie, sollten alle viel häufiger machen.

„Wenn jemand Hilfe benötigt, aber keiner traut sich, dann ist das sehr schlimm. Man braucht keine Angst zu haben, denn man kann nichts falsch machen. Das einzige Falsche, was man tun kann, ist nichts zu tun“, sagt die 21-Jährige. Und betont, dass die Situation auf der Straße ein völlig andere ist, als wenn es im Krankenhaus zu einem Notfall kommt.

Dort arbeitet man im Team, hat alle Gerätschaften und Medikamente zur Verfügung. Auf der Straße hatte auch sie nur ihre beiden Hände und ihre Muskelkraft zur Verfügung. Wichtig sei einfach, dass man nicht einfach vorbeigeht und wegschaut. Allein den Rettungsdienst anzurufen, sei erste Hilfe. Oder einem Menschen in Not sagen, dass er nicht allein ist.

Wie bei einem anderen Vorfall im vergangenen September, als sie einem jungen Mädchen beistand, das sich das Leben nehmen wollte und schon Tabletten und Alkohol zu sich genommen hatte. Hier konnte Jenin Bohle auch nur die Rettung verständigen.

Ich liebe meinen Beruf

Jenin Bohle ist in Lindau aufgewachsen. An ihre Schulzeit hat sie vor vier Jahren ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) angeschlossen, das sie in der Lindauer Asklepios-Klinik in der Notaufnahme absolviert hat. „Danach wusste ich, dass ich Krankenschwester werden möchte, dass die Pflege mein Ding ist. Meine Kollegen waren super, haben mich viel machen lassen und mir viel gezeigt.“

Dabei sei ihr klar geworden, dass sie genau das tun wollte: Menschen in Notlagen helfen, Schmerzen lindern, Ängste nehmen, dabei helfen, sie wieder heil zu machen, sie wieder lächeln zu sehen, ihre Freude zu sehen. Nahtlos nach dem FSJ hat sie ihre Ausbildung an der Berufsfachschule für Pflege in Lindenberg begonnen. In diesem Herbst hatte sie ihr Staatsexamen. Jenin Bohle ist mittlerweile also examinierte Krankenschwester und arbeitet also solche in der Notaufnahme in Lindau – wo sie vor vier Jahren ihren Weg in die Pflege begonnen hat.

Es ist schön zu wissen, dass er irgendwo in Lindau herumspaziert. Jenin Bohle, Krankenschwester in Ausbildung

„Ich liebe meinen Beruf sehr – ich gehe jeden Tag gern zur Arbeit“, sagt die21-Jährige und strahlt über ihr ganzes hübsches Gesicht. Die Notaufnahme habe sie gewählt, weil sie das abwechslungsreiche und schnelle Arbeiten mag „diesen Adrenalinkick, die schnelle Reaktion, für den Patienten in der akuten Not da zu sein, und gleich zu helfen“, sagt sie selbstbewusst.

„Man kann gar nicht genug darüber reden, wie wichtig es ist, einfach nur zu handeln“ sagt Jenin Bohle. Die 21Jährige wurde von i
„Man kann gar nicht genug darüber reden, wie wichtig es ist, einfach nur zu handeln“ sagt Jenin Bohle. (Foto: Susi Donner)

Das Wichtigste sei dabei den Patienten zuzuhören, sie als Individuum zu sehen. „Sie sind krank und brauchen Hilfe – aber sie sind auch Mutter, Vater, Oma, Opa, Kind, Freund, Ehemann“, sagt sie und möchte mehr junge Menschen für ihren Beruf gewinnen. Natürlich sei er anstrengend, mit Schichtarbeit, Wochenend- und Feiertagsdiensten verbunden. Aber vor allem sei der Pflegeberuf sehr sinnstiftend.

Den Mann, den sie wiederbelebt und dem sie damit das Leben gerettet hat, hat sie nicht mehr gesehen. „Aber es ist schön zu wissen, dass er irgendwo in Lindau herumspaziert. Dass einer Familie der Vater, der Opa, der Ehemann erhalten geblieben ist.“

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