Frischhalten nach Tante Idas Rezept

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Bienenwachstücher als Ersatz für Frischhaltefolie

Die Wohnung von Rosemarie Jürgens hat sich in eine Werkstatt verwandelt. Zusammen mit ihrer Tochter Angelika stellt sie dort Bienenwachstücher her.

Schwäbische Zeitung

Im Haus ihres Freundes findet die Nonnenhornerin Angelika Jürgens ein altes, zerfleddertes Tagebuch. Es gehörte der Großtante ihres Freundes, die Ida hieß. Als sie darin stöbert, entdeckt Angelika Jürgens eine Methode, um Brot, Gemüse und Obst frisch zu halten: In Bienenwachs getränkte Leinentücher. Ein Jahr lang doktert sie mit ihrer Mutter Rosemarie an der Rezeptur herum. Mittlerweile stellt das Mutter-Tochter-Gespann den Frischhaltefolien-Ersatz professionell her.

Das Wohnzimmer von Rosemarie Jürgens ist dafür zu einer kleinen Werkstatt geworden: Wo sonst ein Sofa steht, ist jetzt eine Werkbank. An ihr schneiden die beiden Frauen die Bienenwachstücher zu und verpacken sie. Gegenüber haben sie den Esstisch gedeckt, mit Honigzopf, Salat, Gemüse und kleinen Schälchen voll Heidelbeerjoghurt. Das Essen ist teilweise mit bereits fertigen Wachstüchern abgedeckt. „Ich mache später noch Fotos für Instagram und die Homepage“, erklärt Angelika.

Die beiden Frauen verkaufen ihre Tücher übers Internet und auf verschiedenen Märkten. „Und es läuft sehr gut“, sagt Angelika. Tante Idas Trick scheint anzukommen. „Ich glaube, das trifft auch ein bisschen den Zeitgeist der Leute, die wieder umweltbewusster leben möchten“, sagt Rosemarie. Alle „Zutaten“ für ihre Bienenwachstücher beziehen die beiden Frauen aus Deutschland.

Die modernen Tücher sind aus Baumwolle

Der moderne Frischhaltefolienersatz ist nicht aus Leinen, sondern aus Bio-Baumwolle. „Wir haben einfach keine Druckerei gefunden, die uns Leinen bedruckt“, erklärt Angelika. Dass die Tücher ein Muster haben, ist der jungen Frau, die eigentlich Grafikerin ist, aber sehr wichtig. Schließlich hat sie die verschiedenen Designs selbst entworfen.

Zum Bienenwachs mischt das Mutter-Tochter-Gespann immer noch ein wenig Baumharz und Jojobaöl, ansonsten halten sich die beiden aber an das Rezept von Großtante Ida. Die Bienenwachs-Harz-Öl-Mischung tragen sie auf die bedruckten Tücher auf, bis der perfekte Härtegrad irgendwo „zwischen fest und anschmiegsam“ erreicht ist. Das genaue Herstellungsverfahren verraten die beiden Frauen aber nicht.

Am besten eignen sich die Tücher für Brot, Käse, Obst oder Gemüse. „Wenn man sie mit den Händen ein bisschen erwärmt, werden sie weich und man kann sie an die Form der Lebensmittel anpassen“, erklärt Angelika. Im kälteren, festen Zustand behalten die Tücher ihre neue Form dann bei. „So kann man sie auch als Deckel für eine Salatschüssel oder einen Kuchen benutzen.“ Nur warm sollte der Kuchen nicht mehr sein, denn dann zerläuft die Öko-Frischhaltefolie. Auch für Fleisch seien die Tücher nicht geeignet.

Die Bienenwachstücher sind wiederverwendbar. „Man kann sie nach Gebrauch einfach mit kaltem Wasser und einer milden Seife auswaschen“, erklärt Angelika. Im Laufe der Zeit wasche sich das Wachs allerdings raus. „Wenn sie nicht mehr funktionieren, kann man sie in den Kompost werfen oder als Grill- und Ofenanzünder benutzen.“ Die beiden Nonnenhornerinnen sind von ihren Wachstüchern überzeugt. „Die Lebensmittel halten darin länger frisch, denn das Bienenwachs wirkt antibakteriell“, sagt Rosemarie, die selbst Imkerin ist.

Tatsächlich scheint es in Deutschland einen regelrechten Bienenwachstücher-Boom zu geben: Im Internet ploppen die ersten Läden auf, es wimmelt von Anleitungen zum Selbermachen. „Wir haben die Tücher nicht erfunden“, sagt Angelika Jürgens. „Aber wir machen sie eben nach Tante Idas Rezept.“

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