Frieden wäre für Syrien das höchste Geschenk

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Evi Eck-Gedler

Adnan Wahhoud ist von seiner jüngsten Syrien-Reise gesund nach Lindau zurückgekehrt. Er hat in seinen Ambulanzen nach dem Rechten geschaut, Waisenkinder besucht, aber auch die Mitte November teilweise zerbombte Stadt Atareb. Der Deutsch-Syrer aus Lindau hat mit vielen Syrern gesprochen – manche hat er immer noch verängstigt erlebt, auch wenn die Waffenruhe derzeit halte. Wichtig für Wahhoud: Die Finanzierung der Lindauhilfe für Syrien ist fürs kommende Jahr weitgehend gesichert. Das auch dank jenes Geldes, das Wahhoud aus den Leserspenden im Rahmen der Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ erhalten wird.

„Ich bin sehr zufrieden mit dem Erreichten“, schildert Adnan Wahhoud im Gespräch mit der LZ. Immerhin hat der heute 66-Jährige in den vergangenen Jahren in seinem bürgerkriegsgeschüttelten Geburtsland sieben Medical Points aufgebaut. Fünf davon werden von Spenden aus Lindau und den Nachbargemeinden getragen. Wobei dort eine Änderung ansteht: Eine internationale Hilfsorganisation hat ein ehemaliges Krankenhaus in Orum wieder aufgebaut und nimmt es in Kürze in Betrieb, berichtet Wahhoud. „Damit endet unsere Arbeit dort“, ist für den Lindauer klar: Wahhoud wird seine Ambulanz in dieser Stadt westlich von Aleppo zum Jahresende schließen.

Doch die Zahl der Medical Points insgesamt – auch in den Städten Roth und Krumbach engagieren sich Menschen für Wahhouds Lindauhilfe für Syrien – wird nicht reduziert: Anstelle von Orum wird ein Teil des bisherigen Personals künftig im Ort Blanda im Westen der Provinz Aleppo Patienten behandeln. Ein Gebäude für diese neue Ambulanz hat Wahhoud bereits gefunden. Derzeit wird das Haus saniert und ausgebaut, damit dort Anfang Januar die Arbeit des neuen Medical Point Lindau starten kann.

Zwar geht der bisherige Arzt nicht mit: Er arbeitet künftig im Krankenhaus in Orum. Doch Wahhoud ist sicher, dass er Ersatz für ihn findet: „Unsere Medical Points genießen im Nordwesten Syriens einen sehr guten Ruf“, sagt er im Gespräch mit der LZ. Und die syrischen Ärzte würden sehr gerne in den Ambulanzen arbeiten – auch deshalb, weil „weil wir zuverlässig jeden Monat die Gehälter bezahlen“, wie Wahhoud lächelnd anmerkt. Er hat sogar eine Gehaltsliste für seine Medical Points entwickelt: Mediziner, die an sechs Tagen in der Woche täglich vier Stunden in einer Ambulanz Patienten behandeln, bekommen dafür monatlich 900 US-Dollar, also rund 760 Euro. „Das ist vergleichbar mit den Gehältern in syrischen Kliniken, sogar etwas besser“, stellt der Lindauer fest.

Was ihn regelmäßig tief bewegt, sind die alltäglichen Begegnungen und Gespräche mit den Menschen, die eben nicht aus ihrer Heimat Syrien geflohen sind. So hat Wahhoud auch den Standort seines Schularztprojekts in Atareb aufgesucht – jener Stadt südwestlich von Aleppo, die Mitte November von Fliegerbomben schwer beschädigt worden ist. „Drei dieser Bomben sind mitten in der Stadt eingeschlagen“, schildert er, wieder sei die Zivilbevölkerung getroffen worden.

Ein Foto zeigt ihn vor den Trümmern der Häuser. Was Wahhoud schwer durchatmen lässt: Die über sein Hilfsprojekt betreute Schule steht nur 500 Meter von einem der Bombeneinschläge entfernt. Auch wenn es sich um ein „stabiles Gebäude“ handle mit einem bunker-ähnlichen Keller: Der 66-Jährige – selbst Vater zweier (längst erwachsener) Kinder – ist froh, dass die Schulkinder das Gebäude schon verlassen hatten, als die Bombe am frühen Nachmittag in der Nachbarschaft explodiert war.

Wobei in der Stadtmitte Atarebs seit jenem Angriff im November eine „Zeitbombe“ ticke: Eine vierte Bombe sei nämlich nicht explodiert, sondern stecke in einem etwa vierzehn Meter tiefen Krater fest. Da es im Nordwesten Syriens keinen Kampfmittelräumdienst gebe, müssten die Bewohner dieses Stadtviertels sich selbst helfen und mit dieser täglichen Gefahr leben: „Sie begießen die Bombe mit Wasser und Sand“, hat Wahhoud erlebt.

Dennoch versuchten sie, ihre Stadt wieder aufzubauen. Bilder davon hat er nicht aufnehmen können: „Die Menschen fühlen sich verstört und verängstigt, wenn sie fotografiert werden.“ Denn sie würden neuerliche Angriffe befürchten, hat sich Wahhoud erzählen lassen.

Den Lesern der Schwäbischen und Lindauer Zeitung ist er sehr dankbar, dass sie wieder für seine Lindauhilfe für Syrien spenden. „So steht die Hilfe im kommenden Jahr finanziell wieder auf einer recht guten Basis“, freut sich Adnan Wahhoud. Für die Menschen in Syrien sei aber nicht nur medizinische Hilfe wichtig: „Sie hoffen, dass die Waffenruhe endlich hält und Frieden im Land einkehrt.“ Das wäre für Syrien das größte Geschenk, ist Wahhoud überzeugt.

Wer die Arbeit von Adnan Wahhoud unterstützen möchte, erreicht ihn telefonisch unter 08382 / 897 32 oder per E-Mail an

wahhoud@aol.com

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