Flucht verhindern durch faires Wirtschaften

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 Begeisterte mit seinem Vortrag die rund 70 Zuhörer in den Friedensräumen: Wolfgang Kessler.
Begeisterte mit seinem Vortrag die rund 70 Zuhörer in den Friedensräumen: Wolfgang Kessler. (Foto: Ulrich Stock)
Ulrich Stock

„Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen.“ Dies sagen fast alle Politiker, wenn von der Flüchtlingsproblematik die Rede ist. Konkrete Schritte in diese Richtung bleiben jedoch meistens aus, kritisiert Wolfgang Kessler, Ökonom und langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift Publik-Forum. In seinem Vortrag „Damit sie bleiben können“, den er in den Lindauer Friedensräumen vor rund 70 Interessierten hielt, machte er klar, „warum die Bekämpfung der Fluchtursachen wichtiger ist als ein Einwanderungsgesetz“.

Als Eckpfeiler für eine Politik, die helfen könnte, Flucht zu verhindern, nannte Kessler eine „echte Entwicklungspolitik“ (Hilfe zur Selbsthilfe), einen „fairen Handel“ (für mehr Gerechtigkeit und Umweltschutz), einen „besseren Schutz vor den Klimafolgen“ und eine Politik des „Frieden first“, die Waffenexporte in Krisengebiete verbietet.

Kessler sprach von einer „völlig widersprüchlichen Politik“ im Umgang mit Flüchtlingen und Zuwanderung. Zum einen versuche die Regierung, durch verschiedene Maßnahmen und Vereinbarungen dafür zu sorgen, dass weniger Flüchtlinge zu uns kommen. Dafür arbeite man sogar mit autoritären Regimen wie dem der Türkei oder mit Gewaltstaaten wie Libyen zusammen. Andererseits würde ein Einwanderungsgesetz auf den Weg gebracht, um Fachkräfte aus der ganzen Welt anzuwerben und so den Fachkräftemangel zu lindern. „Dabei geht es jedoch weniger um das Wohl der Zuwanderer, sondern um das Wohl der Deutschen“, betonte Kessler und ergänzte, dass die Forderung „Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen“ wohl eher als Ausrede diene.

Tatsächlich ließen sich die Menschen weder durch Militär, Kriegsschiffe oder Grenzzäune von der Flucht aus einer Heimat abhalten. Kessler zählte Fälle aus seinem Bekanntenkreis auf, beispielsweise eine syrische Arztfamilie, die nach Deutschland geflohen ist, weil ihr Haus zerbombt wurde. So wie sie sind zurzeit rund 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht.

Wer den Ursachen für Flucht und Vertreibung auf den Grund gehen wolle, müsse die politischen Verhältnisse und Lebensbedingungen in den Heimatländern der Flüchtlinge hinterfragen, gleichzeitig aber auch „unsere Politik, unsere Wirtschaftsweise und unseren Lebensstil, die diese Verhältnisse stützen“. Denn die Flüchtenden seien die Spitze und Opfer eines Eisbergs, den die globale wirtschaftliche und soziale Entwicklung seit den Neunzigerjahren angehäuft hat. Westliche Regierungen hätten die Überwindung des Sozialismus genutzt, um den „ungebändigten Kapitalismus über die ganze Welt zu verbreiten“.

Kluft wird immer größer

Der Welthandel habe sich seit 1995 versechsfacht – mit positiven wie negativen Folgen, sagte Kessler. In Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien oder Indonesien hätten Hunderte Millionen Menschen von dieser Entwicklung profitiert, die größtenteils auch mit einer Demokratisierung einherging. Gleichzeitig habe aber die Kluft zwischen Arm und Reich extrem zugenommen. Dazu beitragen würden auch Kriege um Rohstoffe, um Machterhalt autoritärer Herrschaft, oft auch Stellvertreterkriege. „1000 Milliarden Dollar werden für Waffen ausgegeben, sechsmal so viel wie für Entwicklungshilfe.“ Dazu komme eine Wirtschaftsproduktion, die das Klima weltweit aufheizt und somit für Überschwemmungen im Himalaja und für Dürren in Afrika sorgt.

Es seien viele Faktoren, welche die Menschen veranlassen, ihrem Land den Rücken zu kehren. Aber es gebe auch eine Reihe von Beispielen, wie man sie zum Bleiben bewegen kann, erklärte der Referent und berichtete von „Modellen in armen Ländern und Regionen, aus denen niemand flieht“. Beispiel Mexiko: Dort schlossen sich Indigene, die Tzeltales, zu Genossenschaften zusammen, die auf eigenem Boden anfangs Fair-Trade-Kaffee anbauten. Später kamen weitere Kooperativen mit Seifen-, Honig- oder auch Textilprodukten hinzu. Inzwischen gebe es dort eine Schule bis zum Abitur, Ausbildungsstätten und ein kleines Gesundheitszentrum.

Auch in Namibia habe es ein erfolgreiches Modell gegeben, so Kessler. Dort hätte die evangelische Kirche im Rahmen eines auf drei Jahre angelegten Experiments den Bewohner eines Dorfes umgerechnet zehn Euro pro Monat zur Verfügung gestellt, eine Art Grundeinkommen. Die Folge war, dass die geschäftlichen Aktivitäten rasant zunahmen – vom Brotbacken über einen Kaufladen bis hin zu Reparaturarbeiten aller Art. Weitere Effekte waren, dass anders als früher sämtliche Kinder zur Schule gingen und der Zusammenhalt im Dorf gewachsen ist. Laut Kessler wird dieses Modell inzwischen auch in Kenia erfolgreich erprobt – in 300 Dörfern mit rund 20 000 Menschen.

Es seien vorerst nur kleine Schritte. Die meisten Initiativen kämen aus dem Hause von Entwicklungsminister Gerd Müller: Ein Marshallplan für Afrika, die Abschaffung der Kaffeesteuer für fair gehandelten Kaffee oder auch die Einführung des „Grünen Knopfes“ für nachhaltig und fair produzierte Kleidung. Kessler abschließend: „Maßnahmen wie diese sind allemal besser als ein Einwanderungsgesetz, das vielen Ländern jene Arbeitskräfte entzieht, die dort für eine bessere Zukunft dringend benötigt werden.“

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