Film über Lindaus Flüchtlinge berührt Zuschauer

Lesedauer: 6 Min

Zwar sind sie in Deutschland nicht mehr von Krieg oder Hunger bedroht. Frei sind die jungen Flüchtlinge im Landkreis Lindau aber auch nicht. Einigen von ihnen sitzt die Angst vor der Abschiebung im Nacken, andere dürfen wegen ihres Aufenthaltsstatus’ Bayern nicht verlassen. Und alle vermissen ihre Familie, ihre Heimat. Über all diese Gefühle sprechen sie in einem Film, den sie im Sommer produziert haben. Was darin passiert, ergreift die gut 200 Zuschauer, die zur Premiere in den Club Vaudeville gekommen sind, sichtlich.

Dabei passiert nicht viel. Der knapp zwölf Minuten lange Film zeigt nur wenige, symbolische Szenen. Daneben stehen die jungen Flüchtlinge, die einfach erzählen. Davon, wie die Eltern sie aus der Heimat geschickt haben, in der Hoffnung auf ein besseres Leben für ihre Kinder. „Die Entscheidung war nicht einfach, aber ich musste an meine Zukunft denken“, sagt der Afghane Shoaib Paidaesh im Interview – und deutet auf eine Tätowierung auf seiner Stirn. „Das bedeutet Mama. Sie ist immer hier.“

Andere erzählen von zermürbendem Warten. Auf die Entscheidungen der Ausländerbehörde, auf einen Ausbildungsplatz, auf Arbeit. Darauf, sich in der neuen Heimat endlich frei bewegen zu dürfen. Mitten in all dieser Perspektivlosigkeit kamen dem einen oder anderen sogar Gedanken an Selbstmord. Der Filmtitel „Goldener Käfig“ könnte daher passender nicht sein. „Wir wollen zeigen, dass wir keine Freiheit haben, wir sind in einem goldenen Käfig“, erklärt einer der Darsteller nach dem Film.

Die Idee zum Film kam von den jungen Geflüchteten selbst, wie Jugendberufshelferin Leah Raasch am Freitagabend erzählt. „Vier von ihnen hatten bereits angefangen, ein Drehbuch zu schreiben.“ Die Mitarbeiter des Kreisjugendrings erklärten sich bereit, den Geflüchteten bei der Umsetzung des Projekts zu helfen. „Beim ersten Treffen gab es viele Emotionen, da war klar: Die Power ist da“, sagt Martina Stock. Klar war aber auch: Allein können die Geflüchteten ein solches Mammut-Projekt nicht stemmen. „Da mussten Profis ran“, so Stock. Mit einem professionellen Kameramann und einer Medienpädagogin verwirklichten 16 junge Flüchtlinge – darunter eine junge Frau aus Eritrea – schließlich in sechs Tagen ihren Film.

Film bei mehreren Festivals eingereicht

Wie viel dieser Film jedem von ihnen bedeutet, wird am Freitagabend sehr deutlich. Zur Premiere haben sich alle schick gemacht, die meisten tragen Hemden, manche sogar komplette Anzüge. Auf der Bühne des Club Vaudeville stellen sie sich nach der Filmvorführung den Fragen der Zuschauer. Was der Film verändert habe, will eine Frau aus Weiler wissen. „Ich glaube daran, dass er was verändert“, sagt Mohammad Jusafzai. „Ich hoffe, dass die Regierung zu uns schaut.“

Shoaib Paidaesh erzählt, dass es unter den jungen Flüchtlingen vor allem in der Zeit, in der der Film geschnitten und die Interviews gekürzt wurden, viel Streit gegeben habe. „Jeder wollte seine Geschichte erzählen“, erklärte er.

Und das, obwohl es für keinen von ihnen einfach gewesen war, über die Vergangenheit zu sprechen. „Es war wie eine Narbe, die aufgerissen wurde“, sagt Ramin Wakili. „Über die Vergangenheit nachzudenken macht richtig aggressiv. Darüber zu reden tut richtig weh.“ Dass ihre Geschichten noch nicht zu Ende erzählt sind, auch das wird am Freitagabend deutlich. Shekib Noori zum Beispiel stellt sich spontan auf die Bühne, um ein afghanisches Lied zu singen.

Einige Zuschauer wollen wissen, was sich die jungen Flüchtlinge für die Zukunft wünschen. „Ich wünsche mir Arbeit“, sagt Zabi Haidari. Einen Schulabschluss habe er bereits in der Tasche, auch sonst habe er alles gemacht, um hier in Deutschland zu bleiben. „Ich wünsche mir ein ruhiges Leben.“ Denn dass sich die jungen Geflüchteten in der Region mittlerweile zu Hause fühlen, auch das zeigt der Freitagabend.

„Als der Film fertig war, war klar, dass das kein Ende, sondern ein Anfang ist“, sagt Martina Stock. „Wenn ein junger Mensch einmal die Erfahrung von Teilhabe gemacht hat, dann will er das nicht mehr missen.“ So wolle sich die Filmgruppe in Zukunft weiterhin treffen. Und wer weiß, vielleicht entsteht dabei ein zweiter Film. Ihr Debüt jedenfalls haben die Mitarbeiter des Kreisjugendrings bei verschiedenen Film-Festivals eingereicht. Mit dem Wunsch, dass noch mehr Menschen die Geschichten der jungen Flüchtlinge in Lindau hören.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen