Fichten sterben bei Lindau beim Sonnenbaden im Schneeanzug

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Lindauer Zeitung

Fichten wird es in den Wäldern am bayerischen Bodensee schon bald keine mehr geben. Sogar im Westallgäu verdrängt der Klimawandel die Baumart. Das sagen die Förster des Staatlichen Forstamtes voraus.

Angesichts von Dürreperioden und Extremwetterereignissen bekomme die Fichte auch in den Wäldern des Landkreises Lindau zunehmend Probleme, schreibt das Forstamt in einer Pressemitteilung. Die Folgen des Klimawandels machen der Baumart zu schaffen, die einen kühlen und feuchten Standort braucht. Millionen von Käfern fallen über Fichten her, die zudem unter Schneemassen zusammenbrechen oder von Orkanen entwurzelt werden. In den heimischen Wäldern sieht man deshalb jetzt viele braune, absterbende oder bereits abgestorbene Fichten. „Daran erkennt man: Der Borkenkäfer hat wieder zugeschlagen“, weiß Förster Marcus Fischer vom staatlichen Forstrevier Lindenberg. Waldbesitzer müssten schnell handeln.

Die Fichte ist eine Baumart, die vor allem im Gebirge und in Skandinavien, dem Baltikum und in Russland verbreitet ist. Sie braucht niedrige Temperaturen und viel Niederschlag. In Deutschland gab es Fichten früher natürlicherweise nur in höheren Lagen der Mittelgebirge und Alpen und am Rand von Mooren. Ohne Einfluss des Menschen würden in den anderen Wäldern hierzulande hauptsächlich Buchen wachsen. Weil die Deutschen nach den beiden Weltkriegen große Kahlflächen schnell wieder aufforsten mussten, setzte man bevorzugt auf die Fichte, da sie gut auf großen Kahlflächen wächst, vielseitig einsetzbares Holz produziert und relativ wenig vom Schalenwild verbissen wird. Deshalb entstanden vielerorts reine Fichtenbestände. Lange ging das gut, aber der Klimawandel macht der Fichte zu schaffen. „Der Fichte wird es zu warm, sie steht sozusagen im Schneeanzug beim Sonnenbaden“, formuliert es Fischer.

Deshalb verabschiedet sich die Fichte aus den Wäldern am Bodensee und gerät auch im Westallgäu immer mehr unter Druck. Wenn zur Hitze noch immer häufiger Wasserknappheit hinzukommt, sind Fichten so schwach, dass Borkenkäfer leichtes Spiel haben und ganze Fichtenbestände zum Absterben bringen. Dazu kommen Schäden durch Sturmwurf und Schneebruch, sodass Förster und Waldbesitzer auf manchen Flächen alle Bäume fällen müssen, damit sich Schädlinge nicht auf den gesunden Wald ausbreiten.

„Diese Kahlflächen sind ein großes Problem“, erklärt Fischer, denn auf Kahlflächen wachsen junge Bäume nur schwer nach. Nicht nur, dass damit an Hanglagen Erdrutsche drohen, weil der Boden keinen Halt hat, wenn Wurzelwerk fehlt. Wucherndes Unkraut raubt auf den Kahlflächen jungen Bäumen das Licht, die Sonne verbrennt die jungen Blätter, und der Spätfrost zerstört im Frühjahr die Triebe der kleinen Bäume. Gerade die für einen stabilen Wald dringend nötigen Mischbaumarten wie Weißtanne und Buche kommen ins Hintertreffen. Damit herrscht auch in der Kinderstube der Wälder die Fichte, die aber kaum über das Jugendalter hinaus kommen wird.

Förster Fischer mahnt deshalb alle Waldbesitzer, sie sollten frühzeitig auf einen stabilen und artenreichen Mischwald setzen, in dem Weißtanne und Laubbäume in großer Zahl wachsen. Der Laubholzanteil sei im Landkreis Lindau noch viel zu gering. Da der Borkenkäfer nur etwa sechs Wochen von der Eiablage bis zum Schlüpfen benötigt, müssen Waldbesitzer regelmäßig den eigenen Wald kontrollieren. Frischen Käferbefall erkennen sie am feinen, braunen Bohrmehl in den Rindenschuppen und an Wurzelanläufen. „Das Bohrmehl ähnelt Schnupftabak“, erklärt Fischer. Schauen sollten Waldbesitzer vor allem dort, wo es bereits Borkenkäferbefall gab oder wo die Fichten besonders Trockenheit und Wärme ausgesetzt sind.

Tritt der Borkenkäfer auf, ist schnelles Handeln nötig, um die noch gesunden Bäume zu schützen. Waldbesitzer sind gesetzlich verpflichtet, vom Borkenkäfer befallene Fichten unverzüglich, sachgemäß und wirksam zu beseitigen. Dies erfordert das Fällen der befallenen Bäume und die unverzügliche Abfuhr des Holzes mitsamt der Äste in eine Entfernung von mehr als 500 Meter zum Wald. Alternativ können Waldbesitzer die Borkenkäfer durch sofortiges Entrinden des Holzes und Häckseln der Äste und Gipfelstücke an einer weiteren Vermehrung hindern. Dies gelte mittlerweile auch für Weißtannen, die Opfer von speziellen Tannenborkenkäfern geworden sind.

Sind die Bäume gefällt, können Waldbesitzer gemeinsam mit Fachleuten planen, wie es mit dem Wald weitergehen soll. Die staatlichen Förster der Reviere Lindenberg und Lindau beraten kostenfrei und neutral. Marcus Fischer weist zudem darauf hin, dass sein Lindauer Kollege Christian Müller und er Ansprechpartner sind, wenn Waldbesitzer auf staatliche Zuschüsse für Wiederaufforstungen hoffen. Vermeiden können Waldbesitzer das Risiko der Kahlschläge nur, wenn sie den Wald frühzeitig umbauen. Auch dabei bieten die staatlichen Förster Hilfe an.

Als Grundregel gilt: Je niedriger Höhenlage und Niederschlag, desto mehr Mischbaumarten sind nötig. Die Fichte werde es bald nur noch in Lagen über 800 Metern geben, sagt Fischer voraus. Solche Lagen gibt es Landkreis Lindau bei Grünenbach, Stiefenhofen, Simmerberg, Oberreute und Scheidegg. Am Bodensee würde Fischer keine Fichte mehr pflanzen.

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