Falscher Amok-Alarm: Täter ist noch unbekannt

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Polizisten in Uniform
Die traumatischen Erlebnisse vom Amok-Alarm am Mittwoch werden die Kinder noch eine Weile verfolgen. (Foto: Christian Flemming)
Florian Bührerund Yvonne Roither

Die Polizei weiß noch nicht, wer den Alarmknopf an der Grund- und Mittelschule im Stadtteil Reutin gedrückt hat. Spuren am Knopf haben die Beamten sichergestellt. Die Schule versucht nun, den Schulalltag so normal wie möglich zu gestalten. Helfen sollen den Schülern Gespräche mit Schulpsychologen und Schulsozialarbeitern.

Der Amok-Alarm wird die betroffenen Schüler, Eltern und Lehrer noch eine Weile beschäftigen. Am Tag danach sitzt bei der Mutter einer Erstklässlerin die Angst um ihre Tochter immer noch tief. Sie muss ihre Erzählung immer wieder unterbrechen, weil ihr Tränen in die Augen kommen. Das Schlimmste war die Unsicherheit. „Wir wussten ja nichts.“ Zwei unendliche Stunden lang. Das Kind ist in Gefahr, und die Eltern erfahren nichts – das ist der Vorwurf, den viele Eltern äußern.

Zwei Stunden können lange sein. Sehr lange. Das weiß auch Ulrich Kunstmann, Schulleiter der Mittelschule Lindau. Er selbst ist zum Zeitpunkt des Alarms nicht vor Ort, geht aber sofort zur Schule, als er informiert wird. Hinein kommt er natürlich nicht, er muss hinter den Absperrungen ausharren. Regelmäßig telefoniert er mit Lehrern im Schulgebäude. Und was er von denen hört, beruhigt ihn. Sie hätten auf die Schüler beruhigend eingewirkt. Er lobt die Lehrer und vor allem die Polizei, die sehr besonnen und beruhigend reagiert und agiert hätten. Auch Ute Müller, Schulleiterin der Grundschule Reutin, lobt die Lehrer, die sehr gut reagiert hätten.

Von einer solchen Ruhe war bei einigen Eltern vor der Schule nichts zu sehen. Aufgewühlte Frauen und Männer standen in Reihen hinter den Absperrungen, starrten im Sekundentakt auf ihr Handy oder versuchten, ihre Kinder zu erreichen. Die Mutter der Erstklässlerin schildert ihre Erlebnisse: Als sie ihre Tochter von der Schule abholen will, ist die Straße gesperrt. Die Polizei riegelt umgehend die Schule und sämtliche Zufahrtsstraßen ab. Statt lachender Kinder sieht sie schwer bewaffnete Polizisten, Krankenwagen und weinende Eltern. Ein bedrohliches Szenario. Die junge Frau versucht verzweifelt, an Informationen zu kommen. „Ist etwas passiert?“, fragt die Mutter immer wieder. Doch die Polizisten sagen nichts, mahnen nur zur Ruhe. Unter den verzweifelten Eltern machen indes schlimme Gerüchte die Runde: Erst hört die Mutter, dass ein Kind ein anderes gewürgt haben soll. Dann ist erstmals von einem Amoklauf die Rede. „Ich dachte nur, hoffentlich ist meiner Tochter nichts passiert.“ Ihre Angst wird konkreter: „Man sieht ja so viel im Fernsehen.“

Der Soziologe und Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der Verfasser des Vorworts der deutschsprachigen Ausgabe von „Amok im Kopf“, kann das nur zu gut verstehen. Denn nicht nur für die Kinder, auch für die Eltern sei das eine Extremsituation gewesen. Objektiv gesehen leben wir in einer der sichersten Zeiten jemals, erklärt er. Auf Schulhöfen gebe es beispielsweise so wenig Gewalt wie nie zuvor. Aber in einer solchen Situation wie am Mittwoch würden sich die Eltern schlicht hilflos fühlen, da sie sie nicht einschätzen können. Rund ein Drittel würden sich „richtig tief verunsichert fühlen“, schätzt Hurrelmann. Ihr Instinkt sagt ihnen: „Ich muss mein Kind beschützen“ – wohl wissend, dass sie gerade machtlos sind.

Auch die kleine Tochter der Frau hat Angst in der Schule. Wie die Mutter später von der Kleinen erfährt, sitzen die Erstklässler im Klassenzimmer auf dem Boden, die Tür ist von innen abgesperrt. „Die meisten Kinder haben wohl geweint“, sagt die Mutter. Die Kinder seien vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben mit solch einer lebensbedrohlichen Situation konfrontiert, erklärt Hurrelmann. Vor allem die ersten Minuten, wenn der Alarm losgehe, seien für die Kinder sehr schlimm. Sie seien sich der Gefahr unmittelbar bewusst.

Die Mutter sieht ihre Tochter rund zwei Stunden später, als Polizisten die Mädchen und Jungs von der Turnhalle ins Pfarrzentrum St. Josef bringen. Dort haben über 30 Kräfte des Roten Kreuzes eine Sammel- und Betreuungsstelle für die evakuierten Schüler eingerichtet. Markus Natterer, Kreisbereichsleiter des Bayerischen Roten Kreuzes in Lindau, kommt direkt vom Arbeitsplatz dorthin und kümmert sich um die Kinder. Trotz des Schreckensszenarios, „die Stimmung war den Umständen entsprechend ruhig. Nicht sonderlich emotional.“

Auch währenddessen fahren immer wieder Polizei- und Rettungswagen mit Blaulicht zur Schule. Entspannt wirkt die Szenerie immer noch nicht – wobei von sämtlichen Seiten schon durchsickert, dass es ein Fehlalarm ist. Trotzdem sind viele Eltern weiterhin verunsichert. Wenn alles unter Kontrolle ist, warum dann noch zusätzliche Kräfte an der Schule? Dazu, und wie die Polizei solch eine Evakuierung angeht – darüber will Polizeisprecher Holger Stabik aus polizeitaktischen Gründen keine Auskunft geben.

In der Betreuungsstelle will die Kleine sofort in die Arme ihrer Mama. Aber sie darf nicht. Zuerst muss sie zur Registrierung. Erst dann werden die Eltern aufgerufen, um einzeln ihre Kinder in Obhut zu nehmen, berichtet die Mutter weiter. Nach zwei Stunden des Bangens kann sie endlich ihr Kind in die Arme schließen. „Mir läuft immer noch ein Schauer über den Rücken“, sagt sie. Stabik bestätigt der Lindauer Zeitung, dass es zu solchen Situationen gekommen ist. Die Eltern seien aber darüber informiert worden, dass zuerst die Registrierung erfolgen müsse und dann erst die Kinder zu ihren Eltern dürften. Die Grundschüler hätten bis etwa 17 Uhr warten müssen, die älteren Schüler hätten nach der Registrierung selbst heimgehen dürfen.

Auf den Schrecken gibt es erst einmal Donut, Tee und Kuscheleinheiten. Nachts wacht die Mutter auf und geht zu ihrer Tochter. „Ich habe alles wieder Revue passieren lassen.“ Die Kleine will am Tag danach nicht zur Schule gehen. Doch die Mama bringt sie – zur Verstärkung hat sie Kuscheltiere dabei. Und bereits am Eingang wird sie von Pädagogen empfangen, die gemeinsam das Erlebte mit den Kindern aufarbeiten wollen.

Wie soll man an der Schule am darauffolgenden Tag damit umgehen? Diese Frage stellen sich auch die beiden Schulleiter. Morgens hätten sich alle Lehrkräfte getroffen und sich zusammen beraten. Ganz wichtig: Viel reden. Und der Schulalltag solle so normal wie möglich sein. Den ganzen Tag über kümmern sich Schulpsychologen um die Kinder. „Die sind eine große Hilfe,“ sagt Kunstmann. Ziel ist es, den Kindern Sicherheit und Raum für Gespräche zu geben. Einzelne Schüler hätten dieses Angebot auch genutzt. Angst hätten sie, sagt Müller. „Angst, alleine in den Keller zu gehen.“

Auch wenn es ein Fehlalarm war, auf die leichte Schulter dürfe man ihn nicht nehmen, sagt Jugendforscher Hurrelmann. Die Schüler würden wohl noch ein oder zwei Wochen brauchen, bis sie zur Ruhe kommen. „Die große Mehrheit steckt das ohne Probleme weg“, ist er sich sicher. Aber, und davor warnt er, bei einem von fünf Schülern könne „etwas hängen bleiben.“ Das seien statistische und Erfahrungswerte. Solch ein Erlebnis könne eine „tiefe Verunsicherung“ bei den Kindern auslösen. Die schulischen Leistungen der Kinder können plötzlich schlechter werden, oder Panikattacken oder Depression können auftreten. Im schlimmsten Falle sogar noch Jahre später. „Das muss unbedingt im Auge behalten werden“, sagt Hurrelmann.

Dass das geschieht, darauf achten die beiden Schulleiter. Auch sie glauben, dass in ein bis zwei Wochen wieder Normalität in der Schule einkehren werde. Wenn nicht – Hilfe sei jederzeit gewährleistet. Wichtig sei, sagt Müller, dass man miteinander im Gespräch bleibe. Niemand dürfe sich alleine fühlen.

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