„Es war ein langer Weg sich von Entschlüssen loszusagen“

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Carina Müller

Mit fünf Jahren fasste Karla Ahansal den Entschluss, naturwissenschaftliche Professorin zu werden. Heute lebt die Lindauerin in der marokkanischen Wüste. Mit der Zeit hat sie gelernt, dass sich Lebenspläne ändern, wenn sie auf ihre Intuition hört. „Ich habe mich einfach führen lassen.“

Lange hat es bis dahin gebraucht. Mit 30 Jahren entschied sie sich für eine neue Richtung. „Das war ein langer Weg, sich von Entschlüssen los zu sagen und auf den Bauch zu hören“, sagt sie und lacht. Nachdem sie ihren Doktor in Chemie gemacht hatte, wurde sie Heilpraktikerin und Do-Meisterin, eine Meditations-Lehrerin, die dem taoistischen Weg folgt, einer chinesischen Philosophie und Religion, deren zentrale Aufforderung es ist, dem Leben gelassen zu begegenen. Während sie so ruhig erzählt, merkt man, dass sie eine Frau ist, die bewusste Entscheidungen trifft. Schon bald hegte sie mit ihrem damaligen Mann den Traum eines eigenen Retreat-Zentrums in Italien. Dann reiste sie in die marokkanische Wüste.

Bei einer Wüstentour lernte sie Brahim Ahansal kennen. Als Kind einer Nomaden-Familie ist er in der Wüste aufgewachsen. Sein Wissen nutzte er, um von Zagora aus Touristen durch die Wüste zu führen. Auf einer solchen Tour traf sie Brahim. Die Meditations-Meisterin verliebte sich in die Wüste und spielte mit dem Gedanken, das Retreat-Zentrum dort zu verwirklichen, denn „die Wüste ist genial zum Meditieren“. Ihr war klar, dass ihr damaliger Mann nicht in die Wüste ziehen würde.

Brahim Ahansal hatte den Wunsch eine eigene Karawanserei, eine Art Herberge, mit Gleichgesinnten aufzubauen. In Karla Ahansal fand er eine Gleichgesinnte. Von Anfang an hatten die beiden eine tiefe Verbindung, weshalb auch der Austausch zwischen den beiden, trotz der unterschiedlichen Sprachen, einfach gewesen sei, bis heute haben sie eine eher wortlose Kommunikation, erzählt sie. Heute, 14 Jahre später, wohnen sie mit ihrer Tochter Zahra kurz vor der Sahara. Sie haben ihre eigenen Karawanserei mit 29 Kamelen und bieten Touren durch die Wüste an, natürlich auch mit Meditationen.

„In Deutschland wird meistens Freiheit gleichgesetzt mit Reisefreiheit“, sagt sie. Das sei aber nicht das Gleiche wie die innere Freiheit, die sie in Marokko erlebe. „Wir brauchen nicht viel, wir haben nicht so viele Randbedingungen. Es wird einfach von außen nicht so beengt.“ Zur Erklärung zieht sie die Schulbildung heran. Kinder müssen in Marokko auch zur Schule gehen, aber „es geht nicht so in die Eigengestaltung rein“. In Deutschland dagegen fange die Begrenzung schon im Kleinen an, erklärt sie: „Wenn ich kein Bankkonto habe, dann wird’s schwierig, weil ich keinen Job haben kann ohne ein Konto, auf das ich mein Gehalt gezahlt bekomme. Ein Bankkonto ohne festen Wohnsitz kriegt man auch nicht.“ Das seien Kleinigkeiten, sie wolle auch nicht ohne Bankkonto in Deutschland leben, aber der Punkt sei „ich darf es nicht“. Außerdem sei es in Marokko ihrer Erfahrung nach nicht so schwer, aus seiner sozialen Umgebung heraus zu kommen. „Mein Schwiegervater ist Nomade, sein Bruder ist Lehrer geworden“ und das sei eine freie Entscheidung gewesen. So gehe ihre Tochter auch jetzt erst auf eine öffentliche Schule, bisher habe sie sie Zuhause unterrichtet.

Auch Brahim Ahansals Weg war für deutsche Verhältnisse unkonventionell. Als Junge ging er nicht zu Schule, erst später, mit Karla an seiner Seite, lernte er Schreiben und Lesen. „Dafür kennt er die Wüste so gut wie kaum jemand anderes. Laufen Kamele in der Umgebung davon, wird er oft zur Hilfe geholt. Und auch ich habe so viel durch ihn gelernt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar“, erzählt sie.

Die Ehe der beiden war von Anfang an keine typische, weder europäisch noch marokkanisch. Denn in Marokko lernen sich die Eheleute oft erst bei der Hochzeit kennen. „Ich kenne trotzdem viele glückliche Ehepaare hier und schon meine Oma hat gesagt, dass die Liebe oft erst mit der Zeit wächst.“ Den europäischen Standards entsprach Karlas und Brahims Ehe aber zunächst auch nicht, denn vor allem wollten die beiden zusammen arbeiten. Irgendwann sagte Brahim zu Karla, dass sie nicht nur seine Ehefrau sei, sondern auch seine beste Freundin, „das war schon ein großes Kompliment an mich“, erzählt sie.

In den Sommermonaten kommt Karla Ahansal mit ihrer Tochter immer nach Deutschland. Gerade mit Kindern sei es schwierig, wenn es so warm werde. „Jeder, der kann, geht hier weg im Sommer, auch die Einheimischen“, erklärt sie. Bei Höchsttemperaturen von über 50 Grad verständlich. In diesem Jahr seien sogar manche durch die Hitze gestorben, berichtet sie.

Drei Monate im Jahr in Lindau

Während der Zeit in Lindau arbeitet sie als Heilpraktikerin. Nur drei Monate im Jahr für ihre Patientinnen und Patienten da zu sein, sei für sie genau die richtige Art zu arbeiten. Ihr persönliches Ziel, die Menschen in die Selbstverantwortung zu bringen, sei so viel schneller zu erreichen. „Weil die Leute auch wissen, nach drei Monaten muss ich alleine damit zurecht kommen.“ Natürlich würden auch nur die Menschen zu ihr kommen, die dazu auch bereit seien, das vereinfache die Arbeit.

Kürzlich hat sie sich ein neues Grundstück ganz in der Nähe ihrer Karawanserei gekauft, wo sie nach nun 14 Jahren ihr Retreat-Zentrum aufbauen werde. „Die ganzen letzten Jahre war noch nicht die Zeit dazu. Und ich denke man muss den Dingen auch einfach die Zeit geben, die es braucht. Jetzt ist mir vor fünf Monaten ein Grundstück in den Schoß gefallen, das perfekt ist.“

Dort solle nun ein schöner Rückzugsort, abseits von dem beschäftigten Treiben der Karawanserei, entstehen.

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