Erzählen weckt Erwartungen

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Tilmann Habermas hat die Psychotherapiewochen mit einem Vortrag über die Erwartung an das Erzählen eröffnet.
Tilmann Habermas hat die Psychotherapiewochen mit einem Vortrag über die Erwartung an das Erzählen eröffnet. (Foto: Christian Flemming)
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Welche Erwartungen Patienten und Therapeuten an das Erzählen haben, darüber hat Tilmann Habermas zur Eröffnung der ersten Psychotherapiewoche gesprochen. Am Sonntagabend hat er den Therapeuten erklärt, was sie von Erzählungen erwarten dürfen und welche Erwartungen ein erzählender Patient an sie hat.

„Das Erzählen spielt eine wesentliche Rolle in der Psychotherapie“, ist Habermas sicher. Der Psychologische Psychotherapeut vom Institut für Psychologie der Goethe-Universität Frankfurt ist Fachmann für Erzählungen und die Formen des Erzählens. Nur durch das Erzählen kann der Patient Geschehnisse gegenwärtig machen, die schon längst vorbei sind. Aufgabe des Therapeuten sei es dann, diese Erzählungen zu entschlüsseln. Zum Thema der ersten Psychotherapiewoche heuer in Lindau passt das Thema, weil die Erwartungen von Patient und Therapeut an die Erzählungen sehr unterschiedlich sind.

Erwartungen von Patient und Therapeut sind unterschiedlich

So erwartet der Patient vom Therapeuten, dem er sich in Erzählungen anvertraut, dass dieser versteht, dass er aufmerksam zuhört, dass er den Patienten und dessen Bewertung des Erzählten bestätigt. Der Therapeut wiederum erwartet laut Habermas vom Patienten, dass dieser verständlich und nachvollziehbar erzählt. Erzählungen müssen deshalb vollständig sein und möglichst widerspruchsfrei.

Tatsächlich enttäuschen beide gegenseitig oft diese Erwartungen, wie Habermas an verschiedenen Beispielen erläuterte. So lassen Patienten in ihren Erzählungen oft Wesentliches weg. Manchmal passiert das bewusst, oft aber auch, weil es die Patienten nicht anders wissen und können. Hilfreich ist es deshalb, mit den Patienten wieder und wieder über die gleichen Ereignisse zu sprechen. Die Wiederholung sei für den Patienten gut, weil er sich jedes Mal neu erinnern und vergegenwärtigen muss. Mancher Patient gelange nur durch den Prozess des wiederholten Nachdenkens zum Verständnis seiner Situation. So verändern sich auch Erzählungen im Laufe vieler Therapiesitzungen, auch wenn der Patient jedes mal über dasselbe Ereignisse spreche.

Habermas wies die Therapeuten darauf hin, dass jede Erzählung eine sogenannte Komplikation habe: „Eine Erzählung ohne Komplikation ist keine Erzählung.“ Diese Wendepunkte oder Höhepunkte machen den Spannungsbogen einer Erzählung aus. Da gelte es, genau hinzuhören. Denn wenn etwas Besonderes oder Ungewohntes passiert, ist es wichtig für das weitere Verständnis. Therapeuten müssen deshalb laut Habermas vor allem sehr gute Zuhörer sein, die auch kleine Hinweise erkennen, die gut nachfragen.

Habermas warnte allerdings vor Eile, denn Erzählen brauche Platz: „Man braucht Zeit, um eine Geschichte verständlich zu machen.“ Weil erst die Hintergründe und scheinbaren Nebensächlichkeiten der Schlüssel zum Verständnis sind, müsse man sich auch die Zeit dafür nehmen.

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