Erinnerungen an eine bewundernswerte Frau

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Schwäbische Zeitung

Das Schicksal der Familie Kornitzer hat am Montagabend viele berührt. Das ZDF zeigte im ersten Teil des Films „Landgericht“ die ganz persönliche Tragödie einer jüdischen Familie, die für so viele Tragödien während und nach dem zweiten Weltkrieg steht. Die Geschichte der Familie Kornitzer ist wahr. Im echten Leben hieß sie Michaelis. Wie im Film hat sie in Lindau wieder zusammengefunden. Der Wasserburger Helmut Birk hat die zweifache Mutter Luise Michaelis (im Film Claire Kornitzer) gekannt – und erinnert sich noch sehr gut an sie.

„Sie war eine sehr freundliche und gut gebildete Frau“, sagt Birk. Und er muss es wissen – immerhin saß er ein halbes Jahr mit Luise Michaelis in einem Büro. Damals war er 17 Jahre alt. Nach seiner Verwaltungslehre bei der Gemeinde Unterreitnau hat er 1947 als Laufbursche beim Patentanwalt Franz Wuesthoff in Bechtersweiler gearbeitet. Dort war Luise Michaelis als Sekretärin angestellt – und hat sich, wie er sagt, immer wieder seiner angenommen. „Beim Patentanwalt war das Klima ein anderes als in der Verwaltung“, erzählt Birk. Hektischer sei es dort zugegangen, vieles lief auf Englisch ab. „Das hat Frau Michaelis mir dann zum Beispiel übersetzt.“

Doch nicht nur Englisch, auch Französisch beherrschte Luise Michaelis perfekt. Das nutzte nicht nur dem Patentanwalt Franz Wuesthoff, bei dem sie englische Korrespondenzen übersetzte, sondern der ganzen Gemeinde. „Einmal hat sie gesehen, wie der Bürgermeister und ich hilflos vor einem Besatzungsbefehl der französischen Ortskommandatur standen. Da ist sie zu uns gekommen und hat uns den Aushang übersetzt“, erinnert sich Birk.

Zu dieser Zeit wohnte Luise Michaelis im Pfarrhof in Unterrreitnau – allein. Ihre beiden Kinder hatte sie schon Jahre zuvor zu einer Pflegefamilie nach England geschickt, ihr Mann, ein jüdischer Jurist, lebte im Exil in China. Sie selbst war, nachdem ihr die Nazis ihren ganzen Besitz genommen hatten, Richtung Bodensee geflohen. Doch trotz ihres schweren Schicksals schien Luise Michaelis ihren Humor nie verloren zu haben: „Einmal kam einer zu uns ins Büro, der hatte eine Fleischpaste erfunden. Da war aber außer dem Ausgekochten von Knochen nicht viel drin. Später hat mich Frau Michaelis gefragt, ob ich denke, dass das eine gute Fleischbrühe gibt. Wir waren uns schnell einig, dass wir die Paste nicht kaufen würden“, erzählt Birk. Den angeekelten Gesichtsausdruck, den Luise Michaelis beim Gedanken an die seltsame Paste machte, habe er nie vergessen.

Später hat Helmut Birk erst im Bürgermeisteramt in Nonnenhorn gearbeitet, in den 1970er-Jahren wurde er Bauamtsleiter von Wasserburg. Luise Michaelis hat er dann und wann noch getroffen. „Sie war sehr korpulent, ist aber trotzdem jeden Tag von Unterreitnau nach Bechtersweiler gelaufen.“ Das habe ihn damals beeindruckt.

Über Robert Michaelis gibt es nicht mehr viele Aufzeichnungen

Kurze Zeit später kam auch Ehemann Robert Michaelis nach Lindau. Als stellvertretender Vorsitzender des Untersuchungsausschusses für politische Säuberung arbeitete er an der Entnazifizierung mit. Sein Büro war im heutigen Finanzamt am Brettermarkt, weiß Stadtarchivar Heiner Stauder.

Dann allerdings verlieren sich die Spuren von Robert Michaelis in Lindau. „Ich habe stundenlang recherchiert, aber nicht viel gefunden“, sagt Stauder. Das sei allerdings nicht sehr verwunderlich – Michaelis sei Mitarbeiter des Kreispräsidiums gewesen. „Damals hat man eher die Institution als die Person herausgestellt“. Kurze Zeit später zog Robert Michaelis auch schon wieder aus Lindau weg. Als „Opfer des Faschismus“ erhielt er 1949 eine Richterstelle am Landgericht. Luise Michaelis blieb noch eine Weile in Unterreitnau, wo sich die Frau mit ihrer freundlichen Art schon viele Freunde gemacht hatte.

Am Mittwoch, 1. Februar, zeigt das ZDF um 20.15 Uhr den zweiten Teil von „Landgericht“. Die LZ lädt alle, die beim Dreh als Komparsen mitgespielt haben, ein, den Film zusammen anzusehen. Wer Komparse war und Lust dazu hat, kann sich melden unter Telefon 08382/937415 oder per E-Mail an

redaktion@schwaebische.de

Trailel Landgericht

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