Entwicklungsbegleiter macht sich im besten Fall überflüssig

Lesedauer: 5 Min

Wenn Kinder aufgrund von Überforderung auffällig reagieren, setzt das Lindauer Jugendamt auf Entwicklungsbegleiter: Sie stärken
Wenn Kinder aufgrund von Überforderung auffällig reagieren, setzt das Lindauer Jugendamt auf Entwicklungsbegleiter: Sie stärken den Nachwuchs in seinem Alltag. (Foto: Archiv: ee)

Immer wieder gibt es Kinder, die sich in der Grundschule oder auch andernorts schwertun, die sich zurückziehen oder aggressiv werden oder anderweitig „störend“ auffallen. Ist in der Schule ein Jugendsozialarbeiter angestellt, dann kann jener mit der Familie des Kindes sprechen. Möglicherweise muss aber auch das Jugendamt helfen – indem es beispielsweise dem Kind einen Entwicklungsbegleiter zur Seite stellt. „Werden Bedarf und Nöte eines jungen Menschen und seiner Familie rechtzeitig erkannt, besteht eine hohe Chance, niederschwellige und wirkungsvolle Hilfe geben zu können“, so Jugendamtsleiter Jürgen Kopfsguter in der jüngsten Jugendhilfeausschusssitzung.

Zumeist sei der Begriff Schulbegleiter in der Öffentlichkeit bekannt: Wenn ein Kind häufig im Unterricht auffällt, werde nach einem solchen Helfer gerufen. Dabei ist Kopfsguter mit dieser Variante gar nicht so glücklich: „Das ist zwar eine Eins-zu-Eins-Betreuung – die aber die eigenständige Entwicklung eines Kinder nicht wirklich fördert“, stellte der Jugendamtsleiter in der Sitzung fest.

Das Lindauer Jugendamt hingegen bevorzuge die Entwicklungsbegleitung. Rund 50 Familien im Landkreis Lindau werden nach Kopfsguters Aussage in dieser Art betreut. Und da liege der Fokus eben nicht nur auf der Schule, wie Kopfsguter auf eine Frage von Ausschussmitglied Klaus Bilgeri sagte: „Ausgerichtet auf die Entwicklung des Kindes“ würden auch die Familie, das soziale Umfeld und die Freizeit einbezogen: „Nur mit einem guten Gesamtblick auf die Lebenswelt des Kindes ist es möglich, festzustellen, in welchen Situationen der junge Mensch in Überforderung gerät.“

Wobei der Jugendamtsleiter durchaus froh ist über jeden Sozialpädagogen, der in den Schulen im Landkreis angestellt ist: Wenn Jugendsozialarbeiter auf ein Kind aufmerksam werden, dann sei oftmals Hilfe so früh möglich, dass eine Entwicklungsbegleitung gar nicht erforderlich werde.

Wenn es um den Punkt Überforderung von Kindern beispielsweise im Grundschulalter gehe, dann sieht der Kreisrat und Kinderarzt Harald Tegtmeyer-Metzdorf allerdings noch ein anderes Problem: die Schulwahlfreiheit der Eltern. Denn er beobachte, dass der Nachwuchs teilweise Schulen besuche, die dem Kind gar nicht entsprächen.

„Ermöglicht positive Entwicklung“

Auch die stellvertretende Landrätin Margret Mader kommt mit betroffenen Kindern immer wieder in Kontakt, denn sie kümmert sich im Westallgäu um eine Mittagsbetreuung. Da beobachte sie ganz viele Schnittstellen, könnten Schule und Freizeit ohnehin gar nicht so klar getrennt werden. Während Kreisrat Johannes Buhmann darauf verwies, dass der Erziehungsauftrag der Eltern in der heutigen Zeit immer schwieriger werde, sieht der zuständige Landratsamtsjurist Tobias Walch „eine klare Tendenz“: Wo reine Schulbegleiter aktiv seien, ändere sich nicht viel. „Wo Entwicklungsbegleiter eingesetzt sind, ermöglicht das tatsächlich eine positive Entwicklung des jungen Menschen.“ Und im besten Fall mache sich ein Entwicklungsbegleiter schlicht überflüssig.

Bleibt nur ein Problem: gut ausgebildete Fachkräfte zu finden. Der Markt an Sozialpädagogen und Erzieherinnen sei derzeit so gut wie leergefegt, hieß es in der Sitzung. „In der Realität müssen wir deshalb vermehrt Quereinsteiger einsetzen“, stellte Kopfsguter fest. Die müssten dann in regelmäßigen Treffen und Fortbildungen für diese wichtige Arbeit geschult werden.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen