Ensemble spielt bei den Lindauer Kammerkonzerten in der Kirche St. Stephan

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Katharina von Glasenapp

Ein ungemein sympathisches Ensemble war anlässlich der Lindauer Kammerkonzerte zu Gast in St. Stephan: Die französische Geigerin Amandine Beyer und die Musiker von Gli Incogniti machten die Musik des „Sturm und Drang“ lebendig. Der novemberlichen Kälte in der stimmungsvoll ausgeleuchteten Kirche trotzte man mit Stulpen, Schals und langen Jacken, die Spielfreude und lebhafte Kommunikation im Ensemble waren ebenso herzerwärmend wie musikalisch beflügelt.

Vor 13 Jahren hat Amandine Beyer Musikerfreunde um sich geschart, die auch in anderen Formationen Erfahrungen gesammelt haben: „Gli incogniti“ (die Unbekannten) benannten sich zwar nach einem der akademischen Zirkel im Venedig des 17. Jahrhunderts, doch will man auch in der Auswahl des Repertoires viele noch unbekannte Schätze heben. Nach der intensiven Beschäftigung mit der Barockmusik stoßen Amandine Beyer und ihr Ensemble mit ihrem aktuellen Programm in jene spannende Übergangszeit vor, die dem literarischen „Sturm und Drang“ entspricht: Der Glanz des Barocks wird aufgebrochen, frischer Wind in der Behandlung der Harmonik und der Dynamik fegt durch die Partituren, die Musik beginnt zu sprechen, auch wenn sie rein instrumental ist.

Erfahrene Musiker

Im Mittelpunkt des Programms stand Carl Philipp Emanuel Bach, der zweitälteste Sohn des großen Johann Sebastian Bach, ergänzt durch eine Sinfonie des in Mannheim wirkenden Franz Xaver Richter und ein Violinkonzert von Joseph Haydn. So tauchte man bereits mit der Sinfonie von Richter ein in einen pulsierenden Sturm, in dem Vivaldi noch zu grüßen schien. War das Tempo für den leider nicht voll besetzten Kirchenraum im ersten Satz noch zu geschwind gewählt, so wussten die erfahrenen Musiker sich schnell anzupassen: Atmend und weich klang der langsame Mittelsatz, als filigraner Wirbelwind präsentierte sich das Finale.

In den Sinfonien und dem Cellokonzert von Carl Philipp Emanuel Bach erlebte man die Musik wie auf einer Theaterbühne: kraftvoll in den dynamischen Kontrasten, sprechend als Frage- und Antwortspiel, zierlich oder üppig in stets neuen Beleuchtungen. Dass die sechs Geigerinnen und Geiger sich immer wieder in den ersten und zweiten Stimmen abwechselten, deutete auf die Gleichberechtigung und Eigenständigkeit der Mitglieder im Ensemblegefüge. Im beengten Raum auf dem Podium glänzten die Cembalistin Anne Fontana, Rebeca Ferri und Marco Ceccato am Cello und Baldomero Barciela mit dem Bassinstrument als Continuo-Gruppe, immer wieder flog ein strahlendes Lächeln zwischen den Musikerinnen und Musikern hin und her, unterstrich kühne harmonische Wendungen oder spritzige Dialoge. Die Musik des Bach-Sohns überraschte immer wieder in ihrer Experimentierlust, klang manchmal ruppig oder in den langsamen Sätzen höchst phantasievoll als musikalische Rhetorik.

Auch in den beiden Solokonzerten bewährte sich der Ensemblegeist: In Joseph Haydns Violinkonzert wuchs das Solo von Amandine Beyer aus dem Gesamtklang heraus, angereichert mit schmeichelnden Verzierungen und innigem Leuchten im langsamen Satz.

Inmitten der wild gezackten, forschen Außensätze gestaltete er den langsamen Satz als schwingenden, vielgestaltigen Gesang. Das Publikum dankte den Künstlern herzlich für diesen facettenreichen Einblick in eine spannende Epoche.

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