„Engel von Auschwitz“ wurde vor 60 Jahren in Lindau beerdigt

Lesedauer: 6 Min

Maria Stromberger (1898 – 1957), welche als hilfsbereit Krankenschwester im KZ Auschwitz von Häftlingen den Ehrentitel „Engel v
Maria Stromberger (1898 – 1957), welche als hilfsbereit Krankenschwester im KZ Auschwitz von Häftlingen den Ehrentitel „Engel von Auschwitz“ erhielt. (Foto: Edward Pys, Repro: Schweizer)
Karl Schweizer

Der 27. Januar wird in Deutschland seit der Initiative durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog im Jahre 1996 als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Das Datum soll an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee der Sowjetunion am 27. Januar 1945 erinnern. Anlass genug, an eine mutige Krankenschwester im KZ Auschwitz zu erinnern.

Am 31. August 1957 wurde auf dem Aeschacher Friedhof an der Ludwig-Kick-Straße die Urne der ehemaligen Krankenschwester Maria Stromberger (1898 Metnitz – 1957 Bregenz) beigesetzt. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester am Sanatorium Bregenz-Mehrerau und an der Schwesternschule in Heilbronn meldete sich Maria Stromberger freiwillig vom Krankenhaus in Klagenfurt aus im Sommer 1942 zum Dienst im Konzentrationslager Auschwitz im von der NS-Wehrmacht 1939 besetzten Polen. Verwundete Soldaten hatten ihr gerüchtweise davon erzählt, welche Unmenschlichkeiten in Polen gegenüber der Bevölkerung geschehen würden.

Das wollte sie selbst sehen und überprüfen. Bei Dienstantritt am 1. Oktober 1942 wurde sie vom Adjutanten des Lagerleiters, Robert Mulka, verantwortlich für den Transport des Giftgases Zyklon B nach Auschwitz und den Transport der dortigen Häftlinge zur Ermordung in den Gaskammern, belehrt. Alles, was im KZ passiere, gelte als Staatsgeheimnis, mit Häftlingen dürfe sie nicht mehr reden als Dienstanweisungen zu geben, dass sie keine Post für diese oder von diesen weiterleiten dürfe usw. Ihr direkter Vorgesetzter, Dr. Eduard Wirths, SS-Standortarzt im KZ, war einerseits ein überzeugter Faschist, war u.a. verantwortlicher Organisator der Aussonderungen an der Eisenbahnrampe im Lager Auschwitz-Birkenau, welche der neu angekommenen Häftlinge sofort in den Tod per Gas zu schicken seien. Trotzdem fällt er andererseits durch seine Freundlichkeit gegenüber „Funktions-Häftlingen“ auf, die für die SS-Verwaltung arbeiten mussten.

Ihr freundlicher Umgang fällt den Häftlingen auf

Auch Maria Stromberger, nicht in das Krankenrevier der KZ-Häftlinge, sondern in jenes für erkrankte SS-Angehörige eingeteilt, fällt den ihr unterstellten Häftlingen recht bald durch ihren korrekten und freundlichen Umgang mit ihnen auf. Außerdem beginnt sie auf der Grundlage christlicher Nächstenliebe nach einiger Zeit damit, Lebensmittel, die eigentlich für kranke SS-Leute der Wachmannschaft gedacht sind, wie Obst, Schokolade und Getränke, sowie Medikamente und Spritzen aus der SS-Apotheke heimlich an die ihr unterstellten „Funktions-Häftlinge“ zur Weitergabe zu verteilen. Des Weiteren berichtet sie vertrauenswürdigen Häftlingen heimlich und unter andauernder Lebensgefahr davon, was sie über Pläne und kommende Aktionen der SS-Wachmannschaft im Lager erfährt.

Obwohl es ihr verboten ist, gelingt es ihr, zusätzlich einmal heimlich und einmal in Begleitung von Dr. Wirths ins Frauenlager im Vernichtungslager Birkenau zu gelangen und dreimal in den Häftlingskrankenbau im Männerlager. Hunja Hecht, welche in der SS-Schneiderei arbeiten musste, berichtete nach Ende des NS-Faschismus 1945: „Schwester Maria hat uns immer etwas mitgebracht, wenn sie zu uns kam.“

Eduard Pys, polnischer Häftling aus Rzeszow, gewinnt langsam Vertrauen zu ihr und bittet sie um die Weiterleitung von persönlichen Briefen an Angehörige von Häftlingen sowie Nachrichten-Kassiber der heimlichen Häftlings-Widerstandgruppe, auch „Kampgruppe Auschwitz“ genannt, an Kontaktstellen beispielsweise in Katowice zu schmuggeln.

Auf ihren Heimaturlaub im Frühjahr 1944 nimmt sie einen Flugblatt-Entwurf der Häftlingsgruppe über die Zustände im KZ Auschwitz zur Weiterleitung mit, damit die Öffentlichkeit wenigstens einen Teil der Wahrheit erfährt. Als Maria Stromberger immer deutlicher in Gefahr geriet, dass ihre Hilfeleistungen auffliegen, und die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee immer näher rückte, gelangte die inzwischen stark herzkranke Maria Stromberger über Berlin und ein Krankenhaus in Prag im Februar 1945 zurück zur Wohnung ihrer verwitweten Schwester Karoline Greber und deren Tochter nach Bregenz. Zunächst ab Mai 1945 von der französischen Armee als „Auschwitz-Krankenschwester“ in das Lager Brederis interniert, kommt sie auf Intervention ehemaliger polnischer KZ-Häftlinge im September 1946 wieder frei. Ihr krankes Herz erlaubt es ihr nicht mehr, als Krankenschwester zu arbeiten, weswegen sie als Näherin in einer Textilfabrik beginnt.

Der Engel stirbt an einem Herzinfarkt

Am 18. Mai 1957 stirbt Maria Stromberger an einem Herzinfarkt. Da die katholische Kirche dies bis 1963 ihren Gläubigen untersagte, lässt ihre Schwester sie im Krematorium in Lindau einäschern und in einem dortigen Urnengrab beisetzen, welches 1977 aufgelöst wurde.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen