Eine magische Zauberwelt

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Betörendes Marimbaspiel des Wave Quartets mit Christoph Sietzen, Nico Gerstmayer, Bogdan Bacanu und Emiko Uchiyama (von links).
Betörendes Marimbaspiel des Wave Quartets mit Christoph Sietzen, Nico Gerstmayer, Bogdan Bacanu und Emiko Uchiyama (von links). (Foto: chv)

Was für Worte soll man finden für das sinnenbetörende Konzert der Extraklasse mit dem weltweit renommierten Wave Quartet, welches das Kulturamt am Mittwochabend nach Lindau gelockt hat. In rotes Licht getaucht stehen vier blütenweiße Marimbas von Adams Musical Instruments auf der Bühne, die zwei Stunden lang die Zuhörer im Theater verzaubern.

Einer fing an, einzeln setzten die anderen ein, bis das Quartett sich vereinte im farbenreichen, melodischen Stück „The Wandering Kind“ des US-Pop-Stars Josh Groban. In sympathischer Ansage führte Christoph Sietzen durch das Konzert. Der junge Schlagzeuger, der sich anfangs für seine Turnschuhe entschuldigte, da er in der Eile seine Schuhe vergessen hatte, ist längst selbst arriviert: „Er brennt Feuerwerke klanglicher Vielfalt und virtuoser Zauberkunst nieder“, hat der Spiegel über ihn geschrieben. Neben ihm stand sein Lehrer und Meister Bogdan Bacanu, von dem in der Pause Claus Furchtner, Schlagzeuglehrer an der Musikschule Meckenbeuren, sagte, dass er derzeit bestimmt der beste Marimbaspieler der Welt sei.

Um Johann Sebastian Bachs Konzert für zwei Cembali C-Dur BWV 1061a auch für Marimba spielbar zu machen, hat Professor Bacanu 2008 drei seiner Schüler um sich geschart und das Wave Quartet gegründet: Christoph Sietzen und die Schlagzeugerin Emiko Uchiyama waren in Lindau dabei, für Vladi Petrov stand an der vierten Marimba Nico Gerstmayer, der seit zwei Jahren mitspielt. Vier mal vier Schlägel waren aktiv und es ging wie mit Zauberkraft zu, mit welcher Präzision, mit welchem Reichtum an Klangfarben das Allegro aus dem Bach-Konzert herüberkam. Betörend die Feinheit der Crescendi und Decrescendi, der sich unmerklich entfernenden und wieder annähernden Klänge, der sanften Wellenbewegungen, die dem Quartett seinen Namen gaben.

Mit welcher Klangkultur das Quartett in die Welt des Barocks eintaucht, zeigte auch die charaktervolle Suite Nr. 1 in d-Moll von Gaspard Le Roux. So fein setzte Sietzen ein, so anmutig und zierlich entwickelte sich das Spiel des Quartetts, dass man kaum mehr zu atmen wagte, um keinen Ton zu versäumen – ein magischer Zauber lag über dem Spiel.

Dass die Marimbas auch ganz anders klingen können, war zuvor in Astor Piazzollas „Tanguedia I“ zu erleben, einem Tango, der die Wut über die grausamen Arbeitsbedingungen der Sklaven hinausschreit. Monoton hämmerten die Schlägel im Rhythmus einer Maschine auf die Aufschlagstäbe – ein Ausreißer im Programm, das die ganze Vielfalt des Instruments zum Klingen brachte. Da war die für die demnächst erscheinende CD eingespielte „Carmen“-Suite von Rodion Shchedrin, die wie von fern begann, fast zögerlich die Habanera anstimmte und dann die Bizet-Oper in allen Facetten auf ganz neue Weise erleben ließ. Wie geschmeidige Raubkatzen tanzten die vier Spieler vor ihren Instrumenten, ließen die Schlägel in der Luft tanzen und auf die Stäbe fliegen, die sie dann wieder so federleicht berührten, dass man wohlig spürte, wie der Klang geboren wurde. Bis auf die „Tanguedia“ hatte auch wirbelnde Dynamik nichts Aggressives, sondern war wie in Suszanne Vegas „Gipsy“ Ausdruck purer Lebenslust. Suggestiv erotisch war Reentkos Tango von „Danza non Danza“, von schwebender Leichtigkeit Piazollas berühmter „Libertango“. Kein Wunder, dass die vier erst nach drei Zugaben von der Bühne durften, dass sie zuletzt Standing Ovations bekamen.

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