Eine Brille muss nicht mehr als einen Dollar kosten

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Eine Frau bei der Herstellung einer Brille
Karin Sauer biegt den ersten Draht für das Brillengestell zurecht. Sie ist seit zwei Jahren mit viel Engagement bei der EinDollarBrille dabei. (Foto: Carina Müller)
Carina Müller

Hier zu Lande ist es üblich, bei Sehschwierigkeiten einen Optiker aufzusuchen und sich eine Brille anfertigen zu lassen. Diese kostet dann ein paar hundert Euro – für die meisten Menschen, mit Hilfe der Krankenversicherung, hier kein Problem. Geschätzt 700 Millionen Menschen, die von einer Fehlsichtigkeit betroffen sind, können sich aber keine Brille leisten und haben oft keinen Zugang zu Optikern. Das versperrt meist den Weg zu Bildung und kann zu Arbeitslosigkeit führen. Ein Verein aus Erlangen hilft diesen Menschen mit einer Brille, deren Materialkosten nur einen Dollar betragen.

Entwickelt hat die Ein-Dollar-Brille Martin Aufmuth. Ein kleines Team der insgesamt 250 ehrenamtlichen Mitgliedern stand diese Woche während der Religions for Peace Konferenz in Lindau mit einem Infostand auf der Agora vor der Inselhalle, um die einfachen Brillen bekannter zu machen.

Bei der Entwicklung der Brille war es dem Allgäuer wichtig kostengünstiges Material zu verwenden und eine Produktionsweise zu wählen, die keinen Strom benötigt. Die Gläser der Brille sind aus kratz- und bruchfesten Polycarbonat, einem Kunststoff, und lassen sich einfach in den extrem stabilen Federstahlrahmen einsetzen. Das Sortiment der fertig geschliffenen Gläser umfasst die Stärken von minus zehn Dioptrien bis plus acht Dioptrien.

Karin Sauer, eine der ehrenamtlichen Helferinnen, ist begeistert von der Einfachheit des Materials der Brillen: „Es ist nur ein Federdraht, Schrumpfschläuche und Perlen. Damit kann man eine tolle, funktionsfähige Brille herstellen!“ Sie arbeitet gerade an einer Brille und biegt den ersten Draht zurecht. Ihr Mann Michael Sauer bereitet derweil die Brillenbügel vor. Die Produktion einer Brille dauert im Schnitt 30 Minuten. Der schnellste Brillenbieger, wie die Personen genannt werden, die die Brillen produzieren, braucht nur 17 Minuten für eine Brille. Alle Werkzeuge, die für die Produktion benötigt werden, sind speziell zu diesem Zweck von dem Gründer Martin Aufmuth entwickelt und leicht zu bedienen. Zusammen passt alles Material in eine Holzkiste, die so zu einem mobilen Optiker-Arbeitsplatz wird und in etwa so groß ist wie ein Schuhkarton.

Die Mission des Vereins geht aber über die einfache Versorgung mit den Brillen hinaus, eine Schulung bildet Menschen vor Ort zu Fachkräften in Herstellung und Vertrieb aus. Eigens hierfür hat das Team der Ein-Dollar-Brillen in Zusammenarbeit mit Optikern und Augenärzten ein einjähriges Ausbildungskonzept entwickelt, das dazu befähigt beim Sehtest das bestmögliche Brillenglas zu finden und die Brille fachkundig anzupassen.

Die kleinen Brillen können für die Menschen in den Projektländern Großes bedeuten. Sigrun Seifert, eine der ehrenamtlichen Helferinnen, war selbst in Bolivien und hat dort Brillen verteilt, „Die Menschen springen teils in die Luft vor Freude, wenn sie endlich wieder was sehen können.“

Mittlerweile ist der Verein der Ein-Dollar-Brille in zehn Ländern aktiv, beschäftigt dort 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat schon 215 000 Menschen mit Brillen versorgt. Das große Ziel ist noch nicht erreicht, die vielen begeisterten Mitglieder der Organisation werden also weiter arbeiten, um noch mehr Menschen zu helfen.

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