Ein Leben für die Rap-Musik

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 In Darios Probenraum hängen Plakate von all seinen bisherigen Konzerten
In Darios Probenraum hängen Plakate von all seinen bisherigen Konzerten (Foto: Luisa Gruber)
Luisa Gruber

Dario streicht mit der rechten Hand über seinen Haaransatz und bindet seine braunen Locken zu einem Knoten zusammen. Leicht hebt er sein Kinn und nickt zu dem kleinen Balkon über ihm. Dort habe er schon als kleines Kind Texte geschrieben, erzählt er. Schon seit sieben Jahren rappt Dario Sieber unter dem Künstlernamen „D.A.R.I.O.“ Für die Musik zog er vor einem halben Jahr von Lindau nach Berlin. Dort drehte er zusammen mit seinem Kollegen „E.S.I.K.“ die Musikvideos zu ihrem ersten deutsch-französischen Hip-Hop-Album.

Einen seiner ersten Auftritte hatte Dario im Club Vaudeville in Lindau. Sein Vater Thomas Bächler stand damals in der letzten Reihe und erinnert sich noch heute daran, wie nervös beide waren. „Ich sah Dario am Rand stehen und dachte, die müssen die Bühne kleiner machen.“ Doch dann begann der damals 13-Jährige zu rappen, und das Publikum ging sofort auf ihn ein. Sein Vater war „einfach nur baff“. Auch Dario selbst muss lächeln, wenn er an seine Anfänge zurückdenkt. Vor allem wegen seiner Texte. Besonders weiterentwickelt hat er sich, seiner Meinung nach, als er mit dem Vorarlberger Rapper Mooses Texte schrieb. Stundenlang saßen sich die beiden Musiker am Küchentisch gegenüber, lasen sich das Geschriebene gegenseitig vor und versuchten, sich immer weiter zu übertrumpfen.

Ob er einen Flüchtling nachts am Bahnhof trifft und ihn zu seiner Unterkunft fährt, oder aufdringlichen Fans begegnet: Alle Erlebnisse, alle Dinge, die ihn gerade beschäftigen verarbeitet Dario zu Raptexten. Auch seine politische Meinung. „AfD, NPD. Sie nennen sich Patrioten. Geschichte wiederholt sich, das Volk polarisiert“, rappt Dario in dem Song „Hoffnung vor Augen“. Für ihn ist es selbstverständlich, sich klar zu positionieren. Gegen die Fremdenfeindlichkeit der AfD, für mehr Mitmenschlichkeit. Eine Botschaft sieht er in seinen Texten aber nicht. Eher erzählt er seine Geschichten und hofft, dass die Menschen etwas daraus mitnehmen können. „Rap ist für mich die einzige Musikrichtung, bei der man aktiv zuhören sollte und ausführlich auf Sachen eingehen kann“, sagt Dario.

„Die meisten sind einfach Arschlöcher“

Mit zwölf Jahren spielte der Lindauer in einer Schülerband Gitarre und sang über die Vorstellungen von Trennungsschmerz. Hin und wieder hörte er aus dem Zimmer seines Vaters die Musik von Fanta Vier, aber mehr auch nicht. Ein Jahr später lernte er auf einem Rap-Workshop in der Schweiz den Musiker „E.S.I.K.“ kennen und fand in dieser Musikrichtung „das, was ich auf irgendeine komische Art besonders gut konnte“. Von da an fuhr Dario drei Jahre lang jedes Wochenende in die Schweiz, um mit „E.S.I.K.“ Musik zu machen.

Auf dieses Durchhaltevermögen ist Bächler besonders stolz. Um seine Augen bilden sich Lachfältchen, als er mit den Händen auf seinen Sohn zeigt. Dario hält den Blick seines Vaters fest und hebt seine Munkwinkel leicht an. „Er hat das Musikergen in unserer Familie weitervererbt bekommen“, sagt Bächler. Schon sein Großvater dirigierte den Kirchenchor und die Stadtkapelle in Kaufbeuren, Bächler selbst war lange Zeit Musikmanager. Deshalb unterstützte er Darios Karriere so gut er konnte. Er gab Dario Tipps und begleitete ihn zu Auftritten. Die ersten fünf Jahre wäre es ohne Bächler sowieso nicht gegangen. Denn die Klubs, in denen Dario auftrat, durfte er eigentlich erst mit 18 Jahren betreten.

Rap-Vorbilder hat Dario keine. „Wenn man sie kennenlernt, sind die meisten einfach Arschlöcher“, meint er. Lieber lässt er sich inspirieren. Dafür zog Dario im Winter diesen Jahres nach Berlin. „Dem Schmelztiegel von allen, die kreativ was machen wollen.“ Doch der Start war holprig. Mit 40 Grad Fieber fuhr der Lindauer an einem Januartag in sein neues Zuhause. Die Straßen matschig, die Häuserfassaden grau. Dann aber zuckt Dario mit den Schultern, denn davon ließ er sich nicht einschüchtern. In einem Song aus dieser Zeit rappt er „Winter in Berlin, ich flieg darüber weg“. Schon einige Wochen später lernte er durch eine Anzeige für einen Probenraum seinen aktuellen Produzenten kennen.

Meistens schreibt Dario die Texte im Zug oder auf seinem kleinen Balkon in Lindau. Aktuell textet er in seinem Berliner Studio. Meistens mehrere Tage hintereinander. Auch viele Lieder aus seinem aktuellen Album „C’est la vie“ entstanden am Stück. Sein Kollege „E.S.I.K.“ schrieb seine Texte auf Französisch, Dario auf Deutsch. „Eigentlich mochte ich Französisch nie besonders“, erzählt er. Erst durch die Musik habe er die künstlerische Kraft dieser Sprache entdeckt. Trotzdem musste ihm „E.S.I.K“ fast alle Texte übersetzen, damit sich die Textpassagen gegenseitig ergänzen. Zusammen erzählen die beiden Künstler Geschichten.

Eigentlich wollte sich Dario nach dem Abitur nur ein Jahr Auszeit nehmen, um sich noch mehr in der Musik auszuprobieren. Doch mittlerweile ist er sich sicher: „Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen.“ Studieren will er aber trotzdem noch. Was genau, weiß er noch nicht. Obwohl Dario mit seiner Musik und den Texten immer mehr Erfolg hat, ist sich sein Vater aber sicher: „Er bleibt ein bodenständiger Praktiker.“

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