Ein Komponist spielt Werke von Kollegen

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Rudi Spring bei seinem Soloabend für Klavier im lindauer Stadttheater zu Gunsten des Cavazzen
Rudi Spring bei seinem Soloabend für Klavier im lindauer Stadttheater zu Gunsten des Cavazzen (Foto: Christian Flemming)
Christian Flemming

Wie kann ein auf den ersten Blick zusammengewürfeltes Programm als in sich stimmiges und konsequentes Konzept gebracht werden? Rudi Spring ist einer der wenigen, die das tun und tun können. Der aus Lindau stammende Komponist und Pianist gab am Sonntagabend einen eindrucksvollen Klavier-Soloabend im Stadttheater zu Gunsten des Cavazzen.

Geradezu verstörend wirkt es auf den Zuhörer, wenn Spring nach dem schlicht vorgetragenen Rondo in D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart fast nahtlos mit der Sonatine in fis-Moll von Jean Sibelius anknüpft. Keine Pause für einen Huster geschweige denn Applaus, das weiß Spring zu unterbinden. Erst danach gibt es den ersten kleinen Absatz, den Spring dazu nutzt, dem Publikum zu erklären, was da warum gerade geschah. Das Mozart-Rondo in seiner Schlichtheit zum einen, das in D endete, und die zunächst sperrig wirkende, in D beginnende Sonatine des finnischen Komponisten Sibelius, das in Fragmenten Züge der Spätromantik enthält, aber schon weiter blickt, ohne wirklich atonal zu werden.

Ähnlich verstörend wie Sibelius das anschließende Rondo in c-Moll Carl Philipp Emanuel Bachs, das zwei Jahre vor dem vorausgegangenen Mozartstück entstand und doch um Welten moderner daherkommt als das des 42 Jahre jüngeren Salzburgers, dem man ja auch keinen rigiden Konservatorismus vorwerfen kann. „Erstaunlich, von den drei Großen der Klassik, also Haydn, Mozart und eben Carl Phillipp Emanuel Bach ist letzterer mit Abstand der älteste und gleichzeitig der modernste“, staunt auch Spring.

Spring macht die tiefe Bedeutung der Werke sehr deutlich

Von Bach zu einem weiteren Sibeliuswerk, einer Bearbeitung für Klavier aus der Orchester-Pantomime Scaramouche ist es da eigentlich nur ein kleiner Schritt, denn seine Musik bleibt irgendwie sperrig, wenig eingängig und doch faszinierend. Die Auftragskomposition folgt einem dramaturgischen Drehbuch, während dem abschließenden Mozartrondo kein solches vorliegt. Schön ist es trotzdem. Hier wieder die von Spring gedeutete Beziehung zwischen den Mozart- und Sibeliusstücken des Abends, denn die Werke sind jeweils innerhalb von knapp zwei Jahren entstanden.

Mozart, Beethoven undzum Schluss noch Schubert

Über die Art Rudi Springs Klavierspiels zu sprechen ist müßig, denn eines hat sich bei ihm über all die Jahre erhalten: Hier spielt ein Komponist Werke von Kollegen. Mit einer anderen, vielleicht tieferen Sichtweise in den Schreibstil des jeweiligen, die für den Zuhörer stets spannend ist, teilweise atemberaubend, ohne dass hier ein virtuoses Feuerwerk á la Liszt oder anderer pianistischer Vollblüter dahergaloppiert. Das hat Spring nicht nötig, er hat stets den Mut, Werke aufzuführen, die nicht zum virtuosen Alltag eines Tastenhengstes gehören, aber dafür durchaus mehr Tiefe haben. Und, wie eingangs erwähnt, in ihrer Reihenfolge Sinn machen.

So stellt Rudi Spring im zweiten Teil zwei Spätwerke gegenüber. Mozarts Adagio in h-Moll entstand 1788, drei Jahre vor dessen Tod, er war gerade 32 Jahre alt. Und trotzdem bereits Spätwerk, denn viel schrieb er danach nicht mehr für Klavier.

Bei Beethoven sind die Bagatellen op. 126 der Abschluss des pianistischen Schaffens, denn seine Neunte Sinfonie hatte er abgeschlossen, und danach folgten noch die fünf großen Streichquartette. Wie von Spring angekündigt, ragen die Bagatellen weit über die Bezeichnung hinaus und erschienen als ein unterschätztes Werk, das die klangliche Nähe zu den letzten Klaviersonaten nicht verleugnen kann und wohl auch nicht will. Hier zeigt sich auch, dass Spring keine Scheu hat vor Virtuosität, denn die ist hier auch gefragt, aber nur als Mittel zum Zweck.

Ganz in diese Reihe eigenartiger, eindringlicher Stücke reihte sich auch die Zugabe, Schuberts Impromptu 946/1. Spring beichtete, dass die Auswahl der Zugabe die längste Zeit bei der Zusammenstellung des Programms in Anspruch genommen habe. Aber die hatte sich gelohnt, und schließlich, so fand der Künstler, „hat Schubert einfach noch gefehlt heute Abend“.

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