Ein Chauffeur des Todes

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 Der SS-Hauptscharführers Johann Hassler (1906 – 1983) auf der „Ehrentafel“ der ersten 214 männlichen und weiblichen Lindauer NS
Der SS-Hauptscharführers Johann Hassler (1906 – 1983) auf der „Ehrentafel“ der ersten 214 männlichen und weiblichen Lindauer NSDAP-Mitglieder. (Foto: Repro: Schweizer)
Karl Schweizer

Im Alter von sechs Jahren zog Johann Hassler mit seinen Eltern 1912 aus Dischingen bei Heidenheim nach Lindau. Dass er einmal in der Zeit des NS-Regimes zu einem willigen Chauffeur des Todes würde, konnte man damals nicht erahnen.

Johann Hassler (Haßler) besuchte von 1912 bis 1921 die Volksschule Lindau und danach die städtische Gewerbeschule (Berufsschule), damals in den heutigen Räumen der Stadtverwaltung an der Oberreitnauer Ach gelegen. Zuerst arbeitete Hassler während der extremen wirtschaftlichen Krisenzeit der frühen 1920er Jahre in der Landwirtschaft, dann absolvierte er eineinhalb Jahre lang eine Schuhmacherlehre, welche er aus gesundheitlichen Gründen wieder abbrach. Inzwischen stolzer Besitzer eines Führerscheins, wurde er nun für eine Lindauer Kolonialwarenhandlung deren Kraftfahrer. Er hätte damals Privat-Chauffeur, Berufs-LKW-Fahrer oder Busfahrer bei den 1925 gegründeten städtischen Omnibusbetrieben werden können. Doch er entschied sich als „Alter Kämpfer“ der Lindauer NSDAP-Ortsgruppe für eine Kraftfahrerkarriere im Dienste des deutschen Faschismus.

Zwischenzeitlich beruflich zum Finanzamt Lindau gewechselt, absolvierte er 1938 eine erste sechswöchige Übung bei den „Totenkopfverbänden“ der NSDAP-„Schutzstaffel“, der SS. Im Mai 1939, NS-Deutschland hatte sich inzwischen aggressiv Österreich einverleibt und die Tschechoslowakei besetzt, wurde SS-Hauptscharführer Johann Hassler Hauptamtlicher für die Fahrbereitschaft der SS in Lindau und deren terroristischem „Sicherheitsdienst“, dem SD, in Stadt und Landkreis Lindau. Dem folgten die Fahrbereitschaften des SD in Augsburg, dann München und anschließend die Aufnahme in die Fahrbereitschaft des SD in Berlin.

Nach dem NS-Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, kam Johann Hassler ab Januar 1942 als Angehöriger des SS-Sonderkommandos 7b der Einsatzgruppe B der NS-Sicherheitspolizei und des SD im besetzten Teil der UdSSR unter anderem in die Gegenden von Minsk, Smolensk, Orel und Mogilev.

Dort wirkte er im Rahmen der als „Befriedungs- und Säuberungsaktionen“ bezeichneten Terroraktionen der „Einsatzgruppen“ als Fahrer von „Gaswagen“ am Massenmord von Menschen jüdischen Glaubens, sowjetischen Staatsfunktionären, Offizieren und allgemein widerständigen Menschen mit. Zeitweilig unterstand er dabei dem Lindauer SS-Obersturmbannführer Adolf Ott.

Tatwerkzeug waren in den Jahren 1942 und 1943 ein LKW der Marken Saurer und Diamond mit geschlossenen kastenförmigen Ladeflächen, welche innen luftdicht mit Weißblech beschlagen waren. Die Motorenabgase konnten „bei Bedarf“ über eine spezielle Schlauchleitung in das Kasteninnere geleitet werden.

Hassler schilderte bei einer Vernehmung nach Ende des NS-Regimes seine Tätigkeit als LKW-Fahrer bei diesen häufigen Aktionen unter anderemwie folgt: „Es handelte sich um die Vergasung von Juden in Minsk (…) meist um ältere Männer und Frauen. Unmittelbar hinter dem Lager führte eine Bahnlinie vorbei, auf der ein kurzer Güterzug mit zwei oder drei verschlossenen Waggons stand (…) Sodann wurden die Waggontüren geöffnet, aus denen Juden von SS- und Polizeimännern heraus- und in die Gaswagen getrieben wurden. Jeder Gaswagen nahm etwa 25 Personen auf (…)

So standen dann die Gaswagen nebeneinander etwa zwei Meter vom Grubenrand entfernt, als der Befehl erteilt wurde, die Motoren laufen zu lassen (…) Die Motoren liefen nun etwa zehn Minuten. Nach einer Wartezeit von weiteren zehn Minuten mussten die Beifahrer die Türen öffnen, und die gefangenen Russen mussten die toten Juden aus den vier Wagen herausziehen und in die Gruben werfen. Es ist bestimmt richtig, dass an jenem Tage jeder Gaswagen zweimal gefahren ist. Demzufolge sind bei der Aktion etwa 200 Juden vergast worden.“

Nach jeder dieser Todesfahrten musste das Innere der Gaswagen durch sowjetische Gefangene („Russen“) vom Kot und Urin der erstickten Opfer mit stark ätzender Säure ohne Schutzhandschuhe gereinigt werden. Nach Abschluss jeder dieser Mordaktionen wurden auch diese Gefangenen getötet.

Johann Hassler kam nach dem Ende des NS-Regimes zurück nach Lindau, wohnte zunächst im alten Lindauer AOK-Haus im Langenweg, bevor er nach Wasserburg umzog. Die Lindauer Spruchkammer zur „Entnazifizierung“, nicht informiert über Hasslers Tätigkeit als Fahrer eines der Gasmord-LKW, verhängte gegen ihn im November 1949 als „Mitläufer“ eine Geldbuße von 30 D-Mark. Ein in den 1970er-Jahren gegen ihn eröffnetes Kriegsverbrecherverfahren wurde „wegen Mangels an Beweisen“ wieder eingestellt. Neben den unmittelbaren Mordopfern und deren Angehörigen im damaligen NS-Herrschaftsbereich, litten nach 1945 auch Angehörige und frühere Freunde dieser Täter unter dem Trauma dieses Massenmordens. Hasslers Ausrede lautete dabei wiederholt, so auch in einer seiner Vernehmungen: „Ich bin nur gefahren.“

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