Ein Brunnen zur Mahnung der Herrscher und Bürger

Lesedauer: 10 Min

Der Ring im Pflaster auf dem Marktplatz zeigt an, wo sich der sogenannte Galgenbrunnen befindet.
Der Ring im Pflaster auf dem Marktplatz zeigt an, wo sich der sogenannte Galgenbrunnen befindet. (Foto: dik)
Redaktionsleiter

Dass Bauarbeiter jüngst unter dem Marktplatz einen Brunnen gefunden haben, der zudem Galgenbrunnen genannt wird, beschäftigt viele Lindauer. Dies liegt auch an der interessanten Geschichte des Brunnens. Auch deshalb hoffen einige Lindauer, dass die Stadt ihn irgendwann offenlegt und sichtbar macht – nicht nur durch einen Ring im Pflaster.

Wer sich mit dem Brunnen befasst, muss in der Lindauer Geschichte ganz weit zurückgehen. Denn es geht dabei um den sogenannten Rienoltaufstand in den Jahren 1395/96. Es gibt dazu leider keine zeitgenössischen Quellen. Allerdings beschreibt Stadtschreiber Johannes Bertlin in seiner Chronik um 1600, also 200 Jahre später, wie der Brunnen auf dem heutigen Marktplatz zum Galgenbrunnen wurde: „Ire Häupter auf dem Baumgarten alhie sollen abgeschlagen werden, hernachem man Ihre Cörper in den Galgbronnen daselbst werfen und denselben mit einer steinernen blatten bedeckhen und zu ewiger gedächtnuß darbei ein saul aufrichten solle. Welche Urtel dann an vorgeschriebnen alßbald exequiert und volzogen worden.“ Es geht also um Männer, die durch Köpfung hingerichtet werden sollen. Deren Körper sollen in den Galgenbrunnen geworfen werden, der mit einer Platte abgedeckt. Darauf soll „zum ewigen Gedächtnis“ eine Säule errichtet werden. Gemäß dem Urteil ist es dann vollzogen worden.

Aber wer waren diese Hingerichteten? Das berichtet unter anderem Franz Joetze in der von Karl Wolfart 1909 herausgegebenen „Geschichte der Stadt Lindau im Bodensee“ in seinem Beitrag „Lindaus Blütezeit“. Dabei geht es um einen politischen Mord, um den Versuch einer Diktatur und um das unrühmliche Ende, bei dem im Baumgarten neun Männer hingerichtet wurden.

Zwei total verfeindete Parteien streiten in Lindau

Lindau war damals gespalten: Ein Teil wollte sich den Habsburgern annähern, die immer weiter an Lindau heranrückten. Die anderen sahen die Heimat im Seebund mit Konstanz, Ravensburg, Wangen und anderen Städten, die ihre Freiheiten sichern wollten. Heinz Rienolt war der Anführer der Habsburger Partei, dessen Gegenspieler Uz Schreiber war. Beide wechselten jährlich im Amt des Bürgermeisters und gehörten zu den vornehmsten Patrizierfamilien in Lindau.

Einen Streit nutzte Rienolt, um Schreiber aus der Stadt zu verbannen, worauf der sich an König Wenzel wandet, der keinen Sieg der Habsburger Partei in Lindau wollte und die Verbannung deshalb aufhob. Rienolt schwor, er werde die Ratsversammlungen meiden, solange Schreiber dort sitze. Tatsächlich hintertrieb er die Politik des Rates und sammelte mit Geld und Vergünstigungen viele Anhänger hinter sich.

Im Übermut kommt es zu einem politischen Mord

Als Schreiber und seine Anhänger in politische Schwierigkeiten gerieten, triumphierte Rienolt über die kleinlaut gewordenen Gegner. In diesem Übermut erstach Rienolts Sohn Peter eines Abends im Sommer 1395 im Bürggässele mit seinem Schwager einen Anhänger Schreibers. Der Rat war zu schwach, um selbst zu richten, deshalb holten die Lindauer die Verbündeten der Seestädte zur Hilfe. Deren Abgeordnete verbannten Rienolt und dessen Familie sowie enge Anhänger lebenslänglich, der Sohn schwor, er werde nie mehr nach Lindau zurückkommen.

Doch Rienolt ging nicht so weit weg wie angekündigt. Vielmehr sammelte der junge Rienolt in Rheineck Freunde um sich. In Lindau wuchs derweil ebenfalls die Zahl seiner Anhänger wieder. Und so zog Peter Rienolt eines Tages unter Pfeifen und Jubel triumphal durch das Stadttor. Seine Gegner sandten Boten zu den verbündeten Städten, sie sollten mit einer Streitmacht kommen. Schnell standen diese Kämpfer vor Lindau, das Stadttor war allerdings hochgezogen und verschlossen. Heinz Rienolt war inzwischen in der Stadt und hatte sich gewaltsam der Schlüssel bemächtigt.

Die Seestädte verurteilen die Aufständischen zum Tod

Aber der damalige Bürgermeister Schneeberg, ein Anhänger Schreibers, verschaffte den Verbündeten Zutritt in die Stadt. Auch wenn nicht überliefert ist, wie ihm das gelang, so berichten die Quellen, dass die Verbündeten schnell Schrecken unter den überrumpelten Aufrührern verbreiteten. Rienolt versteckte sich im Kloster, konnte aber nicht fliehen. Im Vertrauen auf seine große Anhängerschaft stellte er sich dem Gericht. Dort hatten die Vertreter der Seestädte ein gewichtiges Wort mitzureden. Dessen Wortbruch, Rienolts Ungehorsam gegen alle Beschlüsse des Rats, die Gewalttätigkeit und der Diebstahl der Stadtschlüssel reichten für die Todesstrafe aus. Das gleiche Urteil galt seinem Sohn und 17 andere Bürger. Das Urteil sollte auf dem Baumgarten durch das Schwert vollzogen werden. Im Urteil steht eben auch, dass die Körper der Enthaupteten in den alten Brunnen geworfen werden sollten, der mit einer Platte zu verschließen sei. Daneben sollte zu ewigen Mahnung eine Schandsäule errichtet werden.

Gegen neun Verurteilte, darunter Rienolt, wurde das Urteil schnell vollzogen. Sein Sohn konnte flüchten, wurde aber später im Bayerischen entdeckt und hingerichtet. Zwei Mitverschwörer waren nach Konstanz geflüchtet, wo sie ebenfalls über die Klinge springen mussten. Andere konnten sich und ihre Söhne loskaufen.

Der Galgenbrunnen soll den Lindauern als Mahnmal dienen

Als Mahnmal hat sich der Brunnen bis heute erhalten, auch wenn die meisten Lindauer nicht mehr wissen, was der Ring im Pflaster bedeuten soll. Bei jeder Pflasterung haben die Lindauer diesen Steinkreis erhalten. Im Laufe der Jahre ist er allerdings gut einen Meter vom eigentlichen Brunnen weg zur Seite gerutscht.

Natürlich war der Brunnen nicht mehr geeignet, um dort Trinkwasser zu schöpfen. Solche Schöpfbrunnen verloren damals aber sowieso an Bedeutung, weil die Lindauer zischen 1308 und 1445 die Wasserversorgung umgestellt haben, wie Stadtarchivar Heiner Stauder der LZ erklärt: Das Trinkwasser kam dann aus sogenannten Laufbrunnen, die von Quellen auf dem Festland gespeist wurden und durch Holzrohre auf die Insel geleitet wurden.

So wurde wohl auch die Schandsäule nicht direkt auf dem Galgenbrunnen errichtet. Das wurde offenbar auf den neuen Laufbrunnen übertragen, den die Lindauer ein paar Meter weiter errichteten, wie Stauder vermutet. Dabei handelt es sich um den heutigen Neptunbrunnen. Und über dem Galgenbrunnen legten die Lindauer einen Pflasterkreis an.

Weil vor ein paar Wochen plötzlich ein Stein im Pflaster verschwunden war, kam der Brunnen zutage. Er war laut Reinhold Pohl von der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt nicht verschüttet, sondern nur mit einem Gewölbebogen aus Ziegelsteinen geschlossen.

Zumindest vorerst hat die Stadt den Brunnen wieder abgedeckt

Und so bleibt es vorerst, auch wenn sich manch ein Lindauer wünschen würde, die Stadtoberen legten den geschichtsträchtigen Brunnen frei. Laut Lindaus Pressesprecher Jürgen Widmer hat die Stadt in Abstimmungen mit dem Landesdenkmalamt entschieden, den Brunnen nicht näher zu untersuchen und nichts zu verändern. Zum Schutz ist er mit einer überfahrbaren Schachtabdeckung mit Einstiegsöffnung bedeckt. Angesichts der bevorstehenden Bauarbeiten am Cavazzen, für den schwere Lastwagen und Maschinen anrücken werden, gibt es derzeit wohl keine andere Möglichkeit. Damit ist ein späteres Freilegen und Präsentieren des Galgenbrunnens aber nicht ausgeschlossen. Und dann könnte er tatsächlich mehr als 600 Jahre nach dem Rienolt-Aufstand wieder zu einem Mahnmal werden.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen