Eckart von Hirschhausen: „Die zweite Lebenshälfte ist die bessere“

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 Eckart von Hirschhausen: Glück und Zufriedenheit nehmen im Alter zu.
Eckart von Hirschhausen: Glück und Zufriedenheit nehmen im Alter zu. (Foto: Christian Flemming)

Das Glück des Älterwerdens und der Klimawandel: Unterschiedlicher könnten die beiden Themen nicht sein, mit denen sich Eckart von Hirschhausen im Rahmen der Lindauer Psychotherapiewochen befasst hat. In seinem locker und humorvoll präsentierten Vortrag lagen dem Mediziner zwei Botschaften am Herzen. Die humorvolle: Es lohnt sich neugierig auf die zweite Hälfte des Lebens zu sein. Die ernste: Der Klimawandel zwingt zum sofortigen Handeln. Dies sollten auch die Psychotherapeuten thematisieren, meinte von Hirschhausen. Er forderte sie auf, politischer zu werden.

Eine Stunde vor Beginn reichte die Schlange schon bis zur Tür der Inselhalle. Eckart von Hirschhausen, der schon drei Mal Gast bei den Lindauer Psychotherapiewochen war, ist auch unter den Psychos eine Hausnummer. Offenbar hatten einige Tagungsteilnehmer nach den Erfahrungen vom Eröffnungsvortrag Angst, keinen Platz zu bekommen. Auch Hirschhausen sorgte sich angesichts des Saals voller Psychologen, allerdings aus anderen Gründen: „Wie geht es jetzt dem Rest von Deutschland ohne Sie?“

Wer ein Wunder von Hirschhausen erwartete, wurde enttäuscht. Anders als im Programm angekündigt, sprach er nicht über die heilsame Wirkung von Magie und Medizin. Seine Themen waren das Glück des Älterwerdens und der Kampf gegen den Klimawandel. Die Begegnung mit der Verhaltensforscherin Jane Goodall hat Hirschhausens Leben verändert. Sie habe sein Bewusstsein geweckt, das „seit Wackersdorf im Winterschlaf“ gewesen sei. Nun will er auch auf der Bühne Überzeugungsarbeit leisten.

Sein 50. Geburtstag beschäftigte auch Eckart von Hirschhausen. „Das ist ein seltsamer Geburtstag“, sagt er. „Es liege mehr hinter als vor einem.“ Nichtsdestotrotz fühle sich jeder jünger. Die Angst vor dem Älterwerden versteht Hirschhausen nicht. „Ich wage die kühne These, dass die zweite Lebenshälfte die bessere ist.“ Passend zu seinem gleichnamigen Buch „Die bessere Hälfte“ erklärte er, dass Glück und Zufriedenheit in unterschiedlichen Lebensabschnitten Unterschiedliches bedeuten. Während Heranwachsende den Kick beim S-Bahn-Surfen suchen, wirken in der Rushhour des Lebens andere Glücksmomente. Wenn Karriere, Kinder und kranke Eltern unter einen Hut gebracht werden müssen, ist das Stress. „Dann heißt das Glücksmoment: Welt lass mich in Ruhe“, so von Hirschhausen weiter. Sind dann aber die Kinder aus dem Haus und der Hund tot, dann beginne, trotz mancher körperlicher Gebrechen, endlich das Leben. Das könnten Ältere gelassen angehen: Sie wissen, dass sie es nicht jedem recht machen müssen, haben eine erhöhte emotionale Intelligenz und Reife, meint von Hirschhausen. Seine „frohe Botschaft“: Es lohne sich, auch auf dem „Gipfel des biologischen Lebens in die Ferne zu schauen – mit Weit- und Gleitsicht“.

Die „coolen Alten“ sind humorvoll und neugierig

Doch wie sehen sie aus, diese „coolen Alten“, die ihr Leben in der besseren Hälfte genießen? Sie haben Humor, sind dankbar und neugierig. Denn auch hier beeinflusse das Denken das Sein. Wer beispielsweise Angst vor Alter und Alzheimer habe, habe bei gleicher genetischer Disposition ein deutlich größeres Risiko daran zu erkranken als Menschen, die diesem Abschnitt positiv entgegengehen. Anstatt im nachhinein Geld für Alzheimer-Medikamente auszugeben, sei es sinnvoller, sich auf die Prävention im Vorfeld zu konzentrieren, sagt von Hirschhausen.

Eckart von Hirschhausen bedauert, dass sich in der Literatur der Psychotherapeuten nichts zur „größten Krise“ gebe. „Alle Welt redet von Achtsamkeit und geht immer mehr nach innen anstatt wahrzunehmen, dass es jetzt schon zu warm ist.“ Natürlich tue Achtsamkeit jedem einzelnen gut, aber Hirschhausen forderte auch den nächste Schritt „vom Kissen in die Welt“. Er stellte die Frage, welchen Beitrag die psychotherapeutische Zunft leisten kann in einer Welt, in der die Menschen schon 60 Prozent der Arten auf der Erde ausgerottet haben? „Die therapeutische Diskussion der Verantwortung für sich und die Gesellschaft kommt mir zu kurz“, sagt von Hirschhausen, der erst kürzlich Doctors for Future gegründet hat. Seine Forderung: „Wir müssen politischer werden.“

„Die Erde hat Fieber und es steigt weiter.“ Und was machen wir? Wir ersticken im Plastik und zerstören die Paradiese, nach denen wir uns so sehnen. „Wer von Ihnen kackt regelmäßig in sein Wohnzimmer?“, fragt von Hirschhausen provokant, um die Absurdität dieses Handelns aufzuzeigen. Unser Wohnzimmer, die Erde, lasse sich nur retten, wenn die Menschen ihr Verhalten ändern, beispielsweise auf Flugreisen verzichten und weniger Fleisch essen. Sie sollten die Konsequenzen ihres Tuns spüren: „Man sollte mit jedem Kilo Fleisch 20 Kilo Gülle mit ausgehändigt bekommen.“

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