Die neue Macht der Lüge

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Bernhard Pörksen referiert in Lindau über die Utopie einer redaktionellen Gesellschaft, die im Internet verantwortungsvoll mit Informationen umgeht. (Foto: Cf)
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Gibt es Lüge und Fake News erst seit Trump, Johnson und anderen? Über Fakten und Fakes, aber auch über die konkrete Utopie einer redaktionellen Gesellschaft hat Bernhard Pörksen zu den Teilnehmern der Tagung der Tiefenpsychologen gesprochen.

Pörksen, der einen Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen innehat, erforscht unter anderem die gesellschaftlichen Folgen der Vernetzung und der Digitalisierung. Durch eben diese sieht er in uns allen potenzielle Redakteure, denn jeder kann heutzutage im Internet publizieren. Dadurch aber wachsen die Gefahren von Unwahrheiten oder gefühlten Wahrheiten ins Unendliche.

Pörkensen nennt ein Beispiel: Als 2017 der Wirbelsturm „Irma“ Richtung Florida wanderte und die Bevölkerung ob der ungeheuren Bedrohung dieses riesigen Hurrikans aufgefordert wurde, Evakuierungsmaßnahmen zu treffen, sendete Rush Limbough auf seinem Radiokanal, dass dies nur eine üble Verschwörungstheorie der Linken sei. Limbough, ein Rechtskonservativer Radio-Talker, tauchte aber schließlich aus Furcht vor dem Sturm selbst ab. Er könne vorerst nicht aus seinem Heimstudio senden, darüber aber wegen der sicherheitsrelevanten Lage nicht in Details gehen, behauptete er.

Das führt zur Frage, was Realität ist. Auch hier benennt Pörksen das mit einem trefflichen Zitat des Science-Fiction-Autors Philip Dick: „Realität ist etwas, das nicht weggeht, selbst wenn man nicht daran glaubt.“

Pörksen wehrt sich gegen das „postfaktische Zeitalter“, wie die mediale Gegenwart gerne umschrieben wird. Er sieht diese Bezeichnung eher als Ausdruck der eigenen Machtlosigkeit der Geisteswissenschaft. Wenn wir jetzt in einer postfaktischen Epoche leben würden, bedeute dies, dass vorher eine Epoche des faktischen Zeitalters geherrscht haben müsse. „Wer von postfaktisch spricht, spricht die Sprache der Resignation“, sagt Bernhard Pörksen provokant und stellt die Frage, ob es nicht voreilig wäre, von einer Wahrheits- und Wlan-Krise zu sprechen.

Ja, es stimme, es gäbe derzeit eine ungeheure Macht der Lüge. Die Washington Post dokumentiere acht bis zehn Lügen, die Trump täglich verbreite. „Da ist die Aussage über sein stabiles Genie nicht mit eingerechnet“, fügt er hinzu, was zu heiterem Beifall führt. Fünf Trenddiagnosen stellt Pörksen in den Raum, darunter das unglaubliche Tempo, mit dem sich Information heute verbreite. Da gerieten traditionelle Medien unter Zugzwang zwischen Schnelligkeit und Genauigkeit. Pörksen zitiert die Erkenntnis des österreichischen Schriftstellers Peter Glaser: „Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit.“

Weiterhin benennt er „die neue Ungewissheit“. Einerseits wollen die Menschen Gewissheit und Sicherheit, so aber dominiere schnell nur die gefühlte Gefahr, egal ob sie real sei oder nicht.

Darüberhinaus sei es einfach geworden, mit einer Fake-Identität falsche Geschichten ins Netz zu stellen. Selbst der Videobeweis sei angreifbar geworden. Bernhard Pörksen belegt das mit Pornos, bei denen Hackern die Köpfe der Darsteller mit Prominenten austauschten.

Und schließlich das Phänomen Smartphone: Die ständige Erreichbarkeit vermische Arbeit mit Freizeit, Privates und Öffentliches. Es schaffe eine Sofort-Sichtbarkeit, wie sie beispielsweise beim Schwächeanfall von Hillary Clinton beim Gedenken am Ground Zero in der heißen Wahlkampfphase 2016 fatal zu beobachten war.

Was dagegen heute unmöglich sei, wäre die Selbstinszenierung Präsident Roosevelts, der wegen Kinderlähmung im Rollstuhl saß. Aber es gab kein Foto von ihm während seiner Präsidentschaft 1933 bis 1945, das ihn darin zeigte. Filme und Fotos wurden einkassiert und vernichtet.

Auch wenn er selbst nervös werde, ob die Zeit noch reiche zur Aufklärung, sieht Pörksen Lösungsansätze, das Problem Internet in den Griff zu bekommen. Er sieht einen Bildungsauftrag, um gegen Hass und Desinformation erfolgreich kämpfen zu können und die Freiheit des Internets zu bewahren. So wie in den 1970er-Jahren ein ökologisches Bewusstsein entstanden sei, müsse ein Bewusstsein für Internetmüll entwickelt werden. Beispielsweise mit einem Schulfach, in dem gelehrt werde, wie guter Journalismus funktioniere: Die andere Seite hören, abwägen, analysieren, skeptisch bleiben auch eigenen Vorurteilen gegenüber. Die Relevanz einer Information prüfen und eigene Fehler transparent machen.

Mit diesem Instrumentarium könne es gelingen, die digitale Gesellschaft zu einer redaktionellen und verantwortungsvollen zu verändern. Momentan müssen man vom Internet als der fünften Gewalt, der vernetzten Vielen, sprechen.

Es braucht nach Überzeugung Pörksens eine neue Institution, einen Plattformrat ähnlich dem Presserat, aber ohne Einfluss der Politik, wie Franz Alt später in der Fragerunde betont. Es müsse transparent gemacht werden, wie die Politik einer Plattform funktioniere. Wieso würden Bilder mit erkennbaren Brustwarzen gelöscht, nicht aber Holocaustleugner oder gar Enthauptungsvideos. Die Plattformen müssten gezwungen werden, ihre Spielregeln offenzulegen. Dann könne es funktionieren.

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