Die Lindauerin Martha Spiegel wird zum Opfer des NS-Holocaust

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Martha Spiegel mit ihren Klassenkameradinnen in der kombinierten Klasse I und II des Schuljahres 1911/12 der „Höheren Mädchensch (Foto: Repro: VHG/Schweizer.)

Der 27. Januar wird in Deutschland als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Das Datum soll an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee 1945 erinnern. Ein Anlass, auch der Opfer des NS-Rassismus in Lindau zu gedenken.

Martha Spiegel ist eines dieser Opfer. Sie wurde am 24. Juli 1900 als zweites von fünf Kindern der jüdischen Bekleidungskaufleute Emil und Chlothilde Spiegel in der Lindauer Cramergasse 8 geboren. Das 1886 eröffnete elterliche Geschäft „Max Spiegel“ für Herren- und Knabenbekleidung hatte sich längst über die Grenzen der Stadt hinaus einen hervorragenden Ruf erworben. Den Eingang zur Wohnung der Familie Spiegel zierte eine Mesusa, eine kleine Kapsel mit dem Text des jüdischen Glaubensbekenntnisses aus der Thora.

Im April 1906 verlor Martha Spiegel ihre um ein Jahr ältere Schwester Erna. Die Siebenjährige wurde in der Schiffswartehalle am Hafen ermordet. Das Verbrechen wurde nie restlos aufgeklärt, der Mörder nicht gefunden.

Mit zwölf Jahren hatte die leicht gehbehinderte Martha ihre Bat-Mizwa-Feier und wurde dadurch innerhalb der jüdischen Religionsgemeinde zur „Tochter der Pflicht“. Die Gottesdienste besuchte die Familie in der Regel in den Synagogen von Konstanz und Hohenems.

Nach vier Jahren Inselgrundschule wurde Martha im September 1911 eine der „externen“ Schülerinnen der „Höheren Mädchenschule des Evangelischen Johannisvereins“ in Lindau, heute das Valentin-Heider-Gymnasium. Zu Marthas Klassenkameradinnen gehörten unter anderem Paula Sting, Edith Schindler, Dora von Seutter und Auguste Bürklin.

Geschäft der Eltern wird zwangsweise verkauft

Nur zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs unterschrieb Marthas Vater Emil Spiegel 1920 einen Brief an Lindaus Stadtrat, in welchem er zusammen mit drei weiteren jüdischen Lindauer Bürgern den Stadtrat um vorbeugenden Schutz gegen die Folgen der antijüdischen Propaganda des „Deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbundes“ unter Leitung von Stefan Euler bat.

Nach der Machtübertragung an Adolf Hitler und die NSDAP im Januar 1933 erlebten Lindaus jüdische Einwohner bereits am 1. April den ersten organisierten antisemitischen Boykott ihrer Geschäfte durch die NS-Terrorgruppe SA. Am 28. Februar 1938 mussten die Eltern Martha Spiegels im Rahmen des Erpressungs- und Bereicherungsprogramms „Arisierung jüdischen Besitzes“ für 30000 Reichsmark ihr Bekleidungshaus an ihren früheren Angestellten Veeser verkaufen. Am Tag danach beschlagnahmte der Staat das Geld bis auf eine Mark. Noch im gleichen Jahr gelang es Marthas Geschwistern Joseph und Ella in die USA auszuwandern. Ihr Bruder Max lernte während seiner Ausbildung in Köln die Katholikin Karola Gladbach kennen, heiratete sie und ließ sich katholisch taufen. Getarnt als polnischer Landarbeiter überlebte Max Spiegel den NS-Massenmord an den Juden Europas knapp.

Martha blieb die einzige Lindauer Stütze für ihre Eltern. Während der Tage der gewalttätigen NS-Reichspogromnächte im November 1938 wurden von den Behörden andere jüdische Lindauer wie etwa Dr. med. Otto Davidson aus Reutin in die verbliebenen Zimmer der Wohnung Spiegel in ein Art „Haus-Ghetto“ eingewiesen. Martha traute sich schon längst nicht mehr, an bestimmten Häusern vorbei zu laufen. Auch wurde sie auf der Straße nur noch selten gegrüßt. Frühere Freundinnen distanzierten sich von ihr. Häufig wechselten Lindauer einfach die Straßenseite, um ihr nicht zu begegnen.

Im April 1942 verschleppten Beamten der Lindauer Gestapo Martha Spiegel. Sie kam zunächst in das KZ-Ghetto Piaski bei Lublin in Polen. In Köln erreichte ihren Bruder Max noch eine Postkarte Marthas aus dem Arbeits- und Vernichtungslager Treblinka. Vermutlich dort wurde sie ermordet. Auch ihre Eltern Chlothilde und Emil überlebten den Holocaust nicht.

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