Die Krise der Energie wird schrecklich sein

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Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

In 200 Jahren haben die Menschen alle Vorräte an Öl und Kohle verbraucht. Schon vorher würden sich Menschen deshalb um Energie streiten, es werde Kriege geben. Davon ist Physik-Nobelpreisträger Robert Laughlin überzeugt.

Er hat dies in seinem jüngsten Buch geschrieben, und am Freitagabend hat er dies vor knapp 300 Gästen in der Tanner-Denkfabrik diskutiert. Zum ersten Mal haben Kuratorium und Stiftung der Nobelpreisträgertagungen solch eine Begegnung mit einem Nobelpreisträger im Vorfeld des Lindauer Treffens ermöglicht.

Dass die Idee einer solchen Veranstaltung gut ist, davon waren nach dem Ende die meisten Besucher überzeugt. Es gab zwar Sprachhürden zwischen dem amerikanischen Laureaten, der zwar aus seiner Zeit als Soldat in Schwäbisch-Gmünd Deutsch versteht, sich aber im Englischen wohler fühlt und deshalb in seiner Muttersprache vorgetragen hat. Dennoch ist es unter Leitung von Christoph Plate, Mitglied der Chefredaktion der Schwäbischen Zeitung, zu einer angeregten Diskussion zwischen dem Nobelpreisträger und den Lindauern gekommen.

Im Gegensatz zu seinen düsteren Vorhersagen gab sich Laughlin, der an der kalifornischen Stanford-Universität unterrichtet, erstaunlich locker. „Hy, everybody – Hallo zusammen“, begrüßte er die Zuschauer und legte in der Hitze zur Freude der männlichen Gäste sein Sakko ab. Doch dann gab er einen wenig freudvollen Ausblick in die Zukunft: Der Mensch schädigt den Planeten Erde durch seinen Lebensstil. Vor allem verbraucht er zu viel Energie. Das mache ihm noch mehr Sorgen als der Klimawandel, weil die Folgen noch früher spürbar seien.

Laughlin nannte Zahlen: In 50 bis 100 Jahren sind die Ölvorräte verbraucht, hundert Jahre später gibt es auch keine Kohle mehr. Dabei sind das die wichtigsten Energieträger, auf denen wir heute unser Leben aufbauen. Ohne Öl und Kohle könnten wir weder Autofahren, noch fliegen, und die meisten von uns brauchen sie auch, um nur das Licht einzuschalten. Und Laughlin glaubt nicht, dass die Menschheit entschlossen genug ist, um das Ruder herumzuwerfen.

„Energie ist billig“

Die Energiewende in Deutschland hält er grundsätzlich für richtig, damit sei das Land weltweit führend. Doch die meisten Länder interessiere das gar nicht. China, Indien und andere asiatische Staaten würden immer mehr Energie verbrauchen, weil die Menschen sich einen westlichen Lebensstil mit Auto und Klimaanlage erträumen. Und sogar wenn Ingenieure plötzlich Autos erfinden, die nur halb so viel Sprit verbrauchen – dann dauere es bis zum Ende eben nicht 50 bis 100 Jahre, sondern doppelt so lange. Angesichts der Weltgeschichte sei dieser Zeitraum unerheblich.

„Auch Nobelpreisträger können irren“

Da argumentiert der Physiker ökonomisch. Er hält zwar eine Versorgung mit erneuerbarer Energie für möglich, glaubt aber, dass die Mehrzahl der Menschen nicht bereit ist, den dafür nötigen höheren Preis zu bezahlen. Das liege vor allem daran, dass nicht die heutige Generation die Folgen spürt, auch nicht die Kinder, sondern erst die Enkel und Urenkel. „Energie ist billig“, vor allem weil Politiker und Unternehmen Angst vor den Folgen eines Umsteuerns hätten. Wer Energie verteuere, werde nicht mehr gewählt. So erklärt er auch, dass Japan nicht mal anderthalb Jahre nach der Katastrophe von Fukushima wieder auf Atomkraft setzt.

Laughlin spricht vom übergroßen Vertrauen der Menschen in die Forscher. Doch so einfach werde niemand neue Antriebsarten für Autos oder Flugzeuge erfinden oder andere Erfindungen machen, die dieses Problem lösen könnten. Laughlin geht davon aus, dass alle Technologien zur Gewinnung von Energie bereits bekannt sind. Da erwartet er von der Forschung nichts Neues. Deshalb geht er davon aus, dass die Menschheit allen Gefahren zum Trotz langfristig auf Atomkraft setzen wird. Das werde jede Generation neu auskämpfen müssen.

Während mancher Zuhörer die Probleme sogar noch schneller und heftiger erwartet als Laughlin, gehen andere davon aus, dass der Mensch die Sonne noch viel besser für die Energieversorgung zu nutzen lernt. Ein Fragesteller setzt auf die schlichte – und von Laughlin heftig bestätigte – Weisheit: „Auch Nobelpreisträger können irren.“

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