Die Jüngste ist auch die Beste

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 Das Publikum sieht David Thomas vorne, die Jury hingegen Helen Hai Lun Yu.
Das Publikum sieht David Thomas vorne, die Jury hingegen Helen Hai Lun Yu. (Foto: birdmusic)
Katharina von Glasenapp

Zwei Mädchen und zwei Jungen haben am Sonntagnachmittag im ausverkauften Forum am See um den Rotary-Jugend-Musikpreis gespielt: Eigentlich sind sie noch Kinder oder stecken in der Pubertät, und doch widmen sie sich mit aller Energie der Musik, teils zusätzlich noch mit anderen Instrumenten. Die Jüngste, die 14-jährige Chinesin Helen Hai Lun Yu, die in Kanada aufgewachsen ist und nun an der Musikhochschule in Hannover studiert, überzeugte die Jury am meisten mit ihren Interpretationen von Beethoven, Prokofjew und Liszt.

Christoph Felder, der derzeitige Präsident des Rotary-Clubs Friedrichshafen Lindau und Direktor des Karl-Maybach-Gymnasiums in Friedrichshafen, begrüßte die zahlreichen Rotarier-Freunde und prophezeite ihnen ein schönes Fest der Musik, das sie beschwingt in den Alltag zurückkehren lassen würde. Zum 17. Mal wurde dieser kleine Wettbewerb in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Konzertverein Bodensee veranstaltet, einige der ehemaligen Gewinner haben die Verbindung mit dem Konzertverein, den Gastfamilien oder dem Kulturraum Bodensee gehalten oder kehrten zu Meisterkursen und Konzerten zurück.

Vier Jugendliche, vier unterschiedliche Persönlichkeiten, boten also in rund halbstündigen Auftritten ihr Bestes. Helen Hai Lun Yu ist sicher eine Ausnahmebegabung. Sie vermag, Geschichten zu erzählen. Mit festem, klarem Anschlag eröffnete sie den Abend mit dem ersten Satz der Beethoven-Sonate op. 2/3, gestaltete Verzierungsfiguren und brausende Passagen mit kontrastreicher Dynamik. In die aufgewühlten Emotionen der spätromantischen Musik vertiefte sie sich mit der ersten Sonate von Prokofjew, die noch nah an Rachmaninow oder Tschaikowsky wirkt. Hier bettete Helen die Melodien klangschön ein in rauschende Begleitung. In der Konzert-etüde „La ricordanza“ von Liszt vereinten sich träumerische Stimmung und virtuoses Glitzerwerk in einem großen erzählerischen Bogen.

Zwei Jahre älter und doch kindlicher im Spiel wirkte die 16-jährige Schweizerin Norina Hirschi. Sie eröffnete ihr Programm ebenfalls mit Beethoven, dem Kopfsatz seiner Es-Dur-Sonate op. 31/3. Im direkten Vergleich spielte sie zwar ebenfalls fein musikalisch, doch oft verhuscht und flüchtig. Als Konzertetüde wählte sie ein schwieriges Stück von Chopin, in den „Variations sérieuses“ von Felix Mendelssohn breitete sie eine Fülle von frühromantischen Farben aus.

In der Pause konnte sich das Publikum an dem üppigen Buffet laben, das die Rotarier-Damen vom Inner Wheel unter Leitung von Haike Wischmann vorbereitet hatten – auch dessen Erlös wird für einen guten Zweck gespendet, die Begeisterung war zu Recht groß.

Danach führten die 15 beziehungsweise 16 Jahre jungen Pianisten Philip Huber und David Thomas den Wettbewerbsreigen fort. Als einziger hatte Philip Huber aus Traunstein eine Sonate von Haydn ausgewählt, die er sehr fein und ausgewogen mit sprechender Artikulation musizierte. Seine Interpretationen von Rachmaninow und Chopin wirkten dagegen recht massiv und weniger differenziert.

David Thomas aus Hameln begann mit der Konzertetüde von Liszt, sein Spiel auch in Beethovens op. 10/1 war individuell, aber insgesamt zu ungestüm.

Während das Publikum sich „mit überwältigender Mehrheit“ für David Thomas erwärmte und ihm den Publikumspreis in Höhe von 250 Euro zusprach, trafen Peter Vogel und seine Jury-Kolleginnen Ritva Sjöstedt und Yuka Imamine eine andere Entscheidung: David Thomas und Norina Hirschi erhielten je einen dritten Preis (750 Euro), Philip Huber den zweiten Preis in Höhe von 1500 Euro und Helen Hai Lun Yu den ersten, mit 2000 Euro dotierten Preis.

Gut möglich also, dass man die junge Pianistin, die nun in Deutschland lebt, bald noch einmal hier hören kann.

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