Der Wahrheit auf der Spur

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Die Lindauer Psychotherapiewochen zum Thema „Wahrheit, Gleich-Gueltigkeit, Lüge“ sind mit dem Eröffnungsvortrag von Bernhard Pör
Die Lindauer Psychotherapiewochen zum Thema „Wahrheit, Gleich-Gueltigkeit, Lüge“ sind mit dem Eröffnungsvortrag von Bernhard Pörksen gestartet. Er sprach zum Thema Wahrheitsillusion. (Foto: Christian Flemming)
Stefanie Bernhard-Lentz

„Wahrheitsillusionen. Warum Gewissheiten gefährlich werden können - und wir sie trotzdem brauchen“- so der Titel des Eröffnungsvortrages, den der Tübinger Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen zum Auftakt der 69. Lindauer Psychotherapiewochen hielt. Ein kurzweiliges Nachdenken über die Wahrheit, an dessen Ende er mit einem Augenzwinkern eine neue Denkschule, einen neuen -Ismus kreierte: den „neuen Situationismus“.

Buchtitel, wie „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ oder „Kommunikation als Lebenskunst“ sind es, die Pörksen als Bestsellerautor bekannt gemacht haben. In der Inselhalle präsentierte er sich als Pointen reicher Redner, der mit Anekdoten und Geschichten seine Gedanken zum Thema Wahrheit und Illusion übermittelte.

„Man sieht nicht, dass man nicht sieht“

Was das Groteske an der Wahrheitsillusion ist, verdeutliche Pörksen mit einem Ausflug in die Medizin. So sprechen Neurologen vom „Anton-Syndrom“, wenn es um Menschen geht, die erblindet sind, aber ihre Blindheit nicht bemerken, überzeugt sind, sie sehen und sich dem entsprechend verhalten. Für Pörksen ist dieses Krankheitsbild eine Metapher für das Drama der Illusion: „Man sieht nicht, dass man nicht sieht“. Ebenso verhält es sich mit dem Menschen, der meint, die Wahrheit zu besitzen.

Wie aber entsteht diese Illusion der Wahrheit? Pörksen gibt vier Erklärungen: An erster Stelle nennt er die „kritiklose Verehrung der Autorität“. Man delegiert eigene Urteilskraft an Experten. Zu den Insignien des Expertentums gehöre beispielsweise der weiße Kittel. Zweitens: Die „Dämonisierung des Zweifels“. Mit diversen Beispielen illustriert der Kommunikationsforscher, was passiert, wenn „Fragezeichen eliminiert werden“. In Sekten zum Beispiel würden Menschen von Informationen abgeschottet, Ortswechsel organisiert, um sich Blicken und Fragen zu entziehen und eine kognitive Abschottung würde (beispielsweise durch permanente Wiederholungen) provoziert.

Gleichzeitig – und das ist die dritte Erklärung für die Entstehung von Illusionen – kann es auch ein „zu viel an Zweifeln“ geben, so der Tübinger Professor. Ist das der Fall, werden die „Zweifel zur Waffe der Destruktion“. Hier spricht er von einem „Kult der Pseudoskepsis“ –prominente Vertreter sind Machthaber wie Putin und Trump. Und schließlich nennt Pörksen an vierter Stelle die „Bestätigungssehnsucht der Menschen“. „Man verliebt sich in Ideen und Gedanken und sucht dann die passenden Belege dafür …. Belege und Experten lassen sich im Netz für alles und jeden finden.“

„Es gibt keine Ruhebank handfester Wahrheiten“

Fazit: Auf der Suche nach der Wahrheit gibt es kein „Entweder – oder“, das zeigt auch die Stippvisite bei den psychologischen Schulen, dem Realismus und dem Konstruktivismus Denn während die einen (Realisten) sagen: „Wir können uns der Wahrheit annähern“, wiederholen die andern (Konstruktivisten) Mantra mäßig: „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“.

Und so prägt der Tübinger Wissenschaftler zum Auftakt der 69. Lindauer Psychotherapiewochen den „neuen Situationismus“, dessen Credo lautet „Es kommt darauf an!“ Ein Bekenntnis, das einhergeht, mit dem Bewusstsein: „Es gibt keine Ruhebank handfester Wahrheiten“. Für Pörksen ist die „Herausforderung der Stunde: Der Mensch ist verdammt zur Freiheit und zur Verantwortung. Ich selbst bin es, der eine unentscheidbare Frage entscheidet.“

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