Der Springer und seine „wahren“ Geschichten

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 Christian Springer ist ein leidenschaftlicher und aufrechter Verfechter der These „Mehr Herz statt Hirn“.
Christian Springer ist ein leidenschaftlicher und aufrechter Verfechter der These „Mehr Herz statt Hirn“. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Von Null auf Hundert ist Polit-Kabarettist Christian Springer am Sonntagabend mit seinem Programm „Alle machen. Keiner tut was!“ durchgestartet. Im Sommer 2018 gastierte er schon einmal im Zeughaus, das an diesem Abend erneut ausverkauft war. Offensichtlich trifft er den Nerv des Publikums, das sich an ihn noch als den „Fonsi“ erinnern mag. Den er aber längst abgelegt hat. Der Programmtitel ist geblieben, die vielen „wahren“ Geschichten auch, doch einige sind neu.

Die Sache mit der „Mimose“, die erst dann aufrecht bleibt, wenn man sie ganz oft fallen lässt, aber rechtzeitig auffängt, gab es schon 2018. Oder Deutschlands Werte, gemeint sind Bluthochdruck und Cholesterin, tischte er erneut auf. Nur wäre Springer nicht Springer, wenn er statt eines schnöden Abklatsches alles einmal durch die Wurst dreht und neu verpackt. Außerdem, wer erinnert sich noch, was vor einem Jahr war? Hängt man ihm doch widerstandslos an den Lippen, die sich kaum eine Sekunde schließen. Selbst Hustenanfälle gen Schluss können ihn nicht bremsen. Gestartet ist er mit einer frei erfundenen oder doch wahren Geschichte.

„Sind Männer hier, die sich nass rasieren?“, ruft er in den Saal. Geschnitten hätte er sich, ausgerechnet am Kehlkopf, weshalb auch noch Blut auf dem Hemd zu sehen sei. Ungelogen, ein Super-Einstieg. In den folgenden zwei Stunden durchkämmte er die bayerische Politlandschaft. Ergötzte sich an des Freistaates Wahnwitz, mit Markus Söder, einem evangelischem Franken, den nächsten Bundeskanzler stellen zu wollen. Bestes Gefährt, um sich nach Berlin auf den Weg zu machen, ist eine Rakete, die nicht anders heißen kann als „Strauß 1“. Gedrungen statt spitz und daher sehr in die Breite gehend, damit auch alle hinein passen – die Blaskapelle, Pfarrer, Lehrer, Minister, Bierzelt. Bitt’schön mit Fensterplatz und in der ersten Reihe. Wie ein Omnibus quer auf der Autobahn zockle das Gefährt in Richtung Universum und sei nach 20 Jahren endlich in Berlin angekommen. „Spaß beiseite“, relativiert Springer. Gehe es doch um Fragen, wer wir seien und welche Werte wir hätten. Und schon dreht er den Spieß wieder um, grantelt und wütet, steht kaum eine Sekunde still, um atemlos auf die Fantasielosigkeit eines Andreas Scheuer oder auf Unwörter wie der „Datenschutzgesetzgebungskommission“ einzudreschen. Dagegen sei Picasso ein Beamter gewesen. Die Story von Jens Spahns „Hartz IV“- Pleite und der betroffenen Frau, die er zu Hause besucht, angereist mit drei Limousinen, aber nicht weiß, was er mitbringen soll – wahr oder nicht wahr? Springer stürzt sich mit all seiner Leidenschaft in die Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Für den gebürtigen Münchner, der regelmäßig im Satire-Kabarett „Schlachthof“ im bayerischen Fernsehen auftritt, gab es vor einigen Tagen „Springer in Gold“ in Form der Medaille „München leuchtet“ als offizielle Ehrung für besondere Verdienste um München, verliehen durch die Landeshauptstadt. Doch gehen seine Verdienste weit über München hinaus. So gründete er 2012 den Verein Orienthelfer e. V. und reist seitdem zweimal im Monat in den Libanon. Leistet dort in der Syrienkrise Hilfe vor Ort mit Bildungsprojekten und Zeitungsartikeln. „Ich bin ein Hasenfuß, aber ich schreibe mit Mut über Deutschland“, bekannte er am Abend. Was er dort erlebe an Flüchtlingselend, würden die Menschen hier aus den „Tagesthemen“ nicht erfahren. Im Libanon herrsche gerade Regenzeit, die Camps der syrischen Flüchtlinge stünden unter Wasser. Zurück in ihr kriegszerstörtes Heimatland könne niemand, würden beispielsweise junge Männer an der Grenze sofort rekrutiert und als Kanonenfutter verschlissen. Ehrlich, aufrecht und unverdrossen setzt er sich für mehr Menschlichkeit ein, für freie Gedanken als das höchste Gut. So watschte er die Arroganz des Freistaates ab, und auch sein misslungener Eierwurf auf Strauß noch zu Studentenzeiten, der ihn einiges gekostet habe, sind wahre Geschichten.

„Er ist super, wie der das alleine auf der Bühne durchzieht“, begeisterten sich Menschen aus dem Publikum für den Mann, der zu mehr Herz statt Hirn bei den nächsten Wahlen aufrief.

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