Der Kaiser griff in Lindau ein

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Ein Portrait Daniel Heiders (1572-1647), Valentin Heiders Vater; einflussreicher Syndicus der Reichsstadt Lindau.
Ein Portrait Daniel Heiders (1572-1647), Valentin Heiders Vater; einflussreicher Syndicus der Reichsstadt Lindau. (Foto: Christian Flemming)
Lindauer Zeitung

Im dritten Teil unserer Serie über den Lindauer Valentin Heider, der vor rund 350 Jahren starb, berichtet Stadtarchivar Heiner Stauder über dessen Vater, Daniel Heider.

In der Mitte der 1620er Jahre befand sich Lindau in einer prekären Lage. Die ständigen Truppenbewegungen von und nach Italien wurden zu einer immer größeren Belastung. Dazu kamen innere Spannungen. Sie gingen zurück auf eine damals allerorten zu beobachtende zunehmende Reglementierung des alltäglichen Lebens. Hier war Daniel Heider, Valentins Vater, die treibende Kraft. Er war einer der ersten Juristen in städtischen Diensten und bestimmte als Syndicus die Geschicke der Stadt maßgeblich mit. Er versuchte, die städtischen Einnahmen durch höhere Umlagen, namentlich auf den Weinverbrauch, und andere Maßnahmen zu erhöhen, und trat an die Spitze des Kirchen- und Schulrats, eines einflussreichen Gremiums, das auch Sitte und Moral überwachte. Mehrfach geriet Heider mit dem Senior der Lindauer Geistlichkeit, dem streitbaren und populären Alexius Neukomm, aneinander. Als sich Neukomm der städtischen Anordnung widersetzte, die Ohrenbeichte einzuführen, wurde er seines Amtes enthoben. Daraufhin kam es am 7. November 1626 zu einem Auflauf der Lindauer „Wutbürger“. Handwerkergesellen drangen in die Stefanskirche ein und zerstörten den Kirchenstuhl Daniel Heiders. Nur mit großer Mühe und Not konnten Bürgermeister und Räte diesen Tumult, der auch auf die bäuerliche Bevölkerung des Festlands überzugreifen drohte, beilegen.

Der Kaiser nahm diesen Vorfall zum Vorwand, in die inneren Verhältnisse Lindaus einzugreifen. Als Reichsoberhaupt und damit oberster Herr der Reichsstädte war er dazu befugt. Nun nutzte er die entsprechenden Kompetenzen, um die Position des Hauses Habsburg am östlichen Bodensee zu stärken. Mit der Begründung, die städtische Obrigkeit habe Ruhe und Ordnung nicht aufrecht erhalten können, also versagt, ließ er 1628 eine Garnison in die Stadt legen, die diese zu unterhalten hatte. Ohne den Tross belief sich ihre Stärke zunächst auf 700 Mann, zeitweise stieg sie gar auf 2000 an. Dazu kamen noch Frauen und Kinder, so dass bei maximaler Stärke die Gesamtzahl der Besatzung derjenigen der einheimischen Zivilbevölkerung kaum nachgestanden haben dürfte. Es wurde eng in der Stadt, zumal auch mehrfach die Bauern aus der Umgebung vor den Kriegsläuften Zuflucht auf der relativ sicheren Insel suchten. Die Menschen hausten dicht an dicht, und so war es angesichts der dürftigen hygienischen Verhältnisse nur eine Frage der Zeit, bis sich Krankheiten ausbreiteten. 1629 und 1635 wütete die Pest in Lindau. Bei der Betreuung der Kranken zeichneten sich Jesuiten und Kapuziner aus, die im Gefolge der kaiserlichen Truppen in die Stadt gekommen waren und nun für den Katholizismus warben. Das taten sie auch unter den Bauern auf dem Festland, wo die Stadt ihr wichtigstes Herrschaftsrecht verloren hatte, die Reichsvogtei über die Kellhöfe des Damenstiftes in Oberreitnau, Schönau, Aeschach und Rickenbach. Der Kaiser hatte sie zunächst an den Grafen von Montfort übertragen. 1638 gelangte sie an Erzherzogin Claudia von Medici, der Chefin der Innsbrucker Nebenlinie der Habsburger.

Lindau befand sich somit in existentieller Gefahr. Seine politische und konfessionelle Freiheit stand auf dem Spiel, als Valentin Heider in der ersten Hälfte der 1630er Jahre in den Dienst seiner Vaterstadt trat. Dazu in der nächsten Folge mehr.

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