Der Körper ist das Universum

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Eine kafkaeske Vision wird zu berückendem Tanz: Giulia Insinna und Pablo Sansalvador in „Drei“, das im Lindauer Theater einen T
(Foto: Hermann Posch)
Jürgen T. Widmer

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. „Drei“ ist auch der Ballettabend überschrieben, mit dem das Ulmer Ballett im Lindauer Stadttheater gastierte. Drei Choreografen zeigen drei unterschiedliche Stücke, die am Ende zu einer Dreieinigkeit finden.

Es ist so schön, dass man heulen könnte. „Und das ist es, warum ich nun weinen kann“, hat Ivan Alboresi seinen Beitrag zu diesem Abend überschrieben. Es ist der letzte Satz aus Thomas Manns Prosaskizze „Vision“. Es scheint, als habe Alboresi sein Bewegungsrepertoire direkt aus Thomas Manns Text übernommen: „Nun ist die Ruhe zum Teufel. Tolle Bewegung in allen Sinnen. Fiebrisch, nervös, wahnsinnig. Jeder Laut keift. Und mit all dem verwirrt steigt Vergessenes auf.“

In diesen Rausch aus fiebriger Verwirrtheit und dem Aufdämmern längst vergessen geglaubter Erinnerungen an eine rasende Liebe reißen die Tänzer das Publikum mit. In einer kafkaesk wirkenden Traumsequenz erzählen die Körper der Tänzer die Geschichte einer Liebe, die entweder keiner Entscheidung bedarf, oder deren Ende noch nicht erzählt ist. Zur Musik von Max Richter und Henryk Górecki steigern sich die Tänzer in ekstatische Kraft. der Körper ist bei allen drei Choreografien des Abends nicht nur Ausdrucksmittel sondern schafft auch Theaterräume, die sich vor allem in der Vorstellungskraft der Zuschauer manifestieren.

Roberto Scafati, der Ulmer Ballettdirektor, hat immer wieder den Mut, seine Compagnie anderen Choreografen anzuvertrauen. So können die Tänzer ihr Bewegungsrepertoire beständig erweitern. Gleichzeitig lernen sie die Handschrift anderer Choreografen kennen. Wie unterschiedlich diese Stile sein können, beweist gleich Scafatis eigener Beitrag zum Abend: „Rot, Rouge, Rosso, Aka, Kirmizi“ beschäftigt sich mit dem weiblichen Zyklus.

Reduziertheit führt zu Intensität

Hier entsteht die Intensität aus der Reduziertheit. Statt überbordendem Tanz zeigen die fünf Tänzerinnen klar geführte, spartanische Bewegungen. Eine Zen-hafte Ruhe wohnt der Choreografie inne, die von Cello und Klavier live begleitet wird.

Auch, wenn alle Tänzerinnen in Blau gekleidet sind (Kostüme Britta Lammers), so zeigt sich in ihren Kostümen doch Individualität. Mädchenhafte Shorts kontrastieren mit fraulichen Kleidern, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Zyklus dient hier der individuellen Frau-Werdung. Charmant löst ein gehauchter Kuss zu einem ironischen „Happy Birthday„ am Ende die elegische Stille augenzwinkernd auf.

Paul Julius setzt dann mit „Misalignment“ den furiosen Schlusspunkt. Das Thema: die Liebe in ihren Spielarten, mit ihren hochfliegenden Hoffnungen und abgrundtiefen Bosheiten.

Es sind aus dem Tritt geratene Paare, die sich nach Erlösung und Erfüllung sehnen. Die Musik treibt die Körper an, bis sie nahezu zu explodieren scheinen, um neue Universen zu gebären.

Erotisch vibrierende Pas de Deux ziehen Akteure und Betrachter in einen Strudel der Leidenschaft, der sich am Schluss mit entschlossener Wucht auflöst

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