Dem Schicksal die Hand reichen

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Giovanni Mail eröffnet mit seinem Vortrag "Schicksal in einer Welt der Entfremdung - Über die heilende Kraft der Annahme seiner selbst" die zweite Woche der Landauer Psychologietagung 2014. Dabei ist die Inselhalle noch voller als sonst schon. (Foto: Christian Flemming)
Schwäbische Zeitung
Bernadette Goebel

„Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen schleift es mit sich“, schrieb der römische Philosoph und Stoiker Lucius Annaeus Seneca in einem Brief. In diesem Zitat zeigt sich das Schicksal als das, was es ist: willkürlich, unsteuerbar, aber vielleicht auch ungeahnt gnädig. Der Philosoph und Mediziner Giovanni Maio, Professor für Bioethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, berichtete in seinem Vortrag „Schicksal in einer Welt der Entgrenzung über die heilende Kraft der Annahme seiner selbst“ von historischen und aktuellen Schicksalsbetrachtungen. Alle diese Sichtweisen wendete er abschließend auf den modernen Menschen an und schlug so eine hilfreiche Brücke ins Fachgebiet der Psychologie.

Die Meinung über das Schicksal hat sich im Lauf der Jahrtausende gewandelt: Einerseits lenken die übermächtigen „Moiren“, die griechischen Schicksalsgöttinnen, noch das Schicksal der höchsten Götter selbst. Andererseits spricht Cicero um 44 vor Christus wieder von einem „bestimmbaren Schicksal“. Das Schicksal behält seinen widersprüchlichen Charakter auch heute. Doch im Gegensatz zur griechisch-römischen Philosophie erlebt der Mensch heute das Leben als eine Fülle aneinandergereihter Möglichkeiten nicht immer zu seinem Besten.

Grenzenlose Möglichkeiten als eine Gefahr

„Leben ist ein Prozess des Sich-Einrichtens“, fasste Maio seinen Gedanken zur Vorgegebenheit schicksalhafter Bedingungen zusammen. Denn nicht alles können wir beeinflussen und nach unseren Wünschen gestalten. „Das Schicksal mischt die Karten und wir spielen“, zitierte Maio den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860). Im Verlauf seines Vortrags spitzte Maio diese Aussage auf den (post-)modernen Menschen zu, der aufgrund seiner immensen Wahlmöglichkeiten sehr oft unentschieden bleibt. Die zahllosen Möglichkeiten, die sich durch die Veränderung der kulturellen und sozialen Regeln ergeben, überfordern die Menschen heute, da sie den Eindruck erwecken, dass eine Steigerung stets möglich sei. „Gibt es nicht noch einen viel besseren Ort als diesen, an dem ich gerade bin?“, sei die das Leben bestimmende Frage der Jetzt-Zeit. „Wir befinden uns durch diese Sichtweise in einem Modus der Vorläufigkeit, immer auf der Suche nach dem perfekten Ort“, beschreibt Maio die bedrückende Unsicherheit einer Zeit voller scheinbar „unbegrenzter Möglichkeiten“.

Im Zentrum des weiteren Vortrags stand deshalb der Gedanke „gesunder Grenzen“. Denn obwohl Grenzen in Frage gestellt werden müssen, um den Spielraum der Möglichkeiten zu erweitern, haben sie doch auch eine wichtige Funktion: Sie formen die Identität der einzelnen Person. „Die Ufer machen den Fluss als Fluss überhaupt erst möglich“, fasst Maio es in einem anschaulichen Beispiel zusammen. Um seine Grenzen erweitern zu können, müsse man sie erst einmal akzeptieren, so Maio. Die Eigenschaft der Besonnenheit hilft dabei besonders: „Es gilt, sich nicht vom Arsenal der Möglichkeiten blenden zu lassen“. Im Gegensatz zum Tier muss der Mensch sein Maß finden, da er nicht durch Instinkte gesteuert sei, sondern in der Lage ist, planvoll und zukunftsorientiert zu handeln.

Neuer Umgang mit dem Schicksal

Maio lud deshalb zum Ende seines Vortrags dazu ein, das Schicksal einmal neu, nämlich als Herausforderung und Einladung zu sehen. „Schicksal als Auftrag“ nannte er die erste Möglichkeit zur Betrachtung des Schicksals. „Mit dem vom Schicksal Geschickten ist noch nichts erfüllt“, ermutigte Maio dazu, zum Beispiel Krankheit als Herausforderung zum Handeln zu sehen. „Schicksal als Freiheit“ zu sehen, ist demnach, die Möglichkeit zum Handeln wahrzunehmen. Um als Mensch zu reifen, sei Schicksal, also das Vorhandensein ungeplanter Ereignisse, auch dringend notwendig. „Wenn es keine unerwarteten Ereignisse gibt, kann sich die Persönlichkeit nicht weiterentwickeln“, sagte Maio.

Mit einer Würdigung der Psychologie schloss Maio seinen anregenden und durchdachten Vortrag: Therapeuten können einem Bedrängten helfen, diesen Weg der Entwicklung zu beschreiten und ihm das Gefühl geben, dem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

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