Dem „Glück“ auf die Schliche kommen

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Der tagtäglich erprobte Blick in den Spiegel als Prüfung, ob alles sitzt: Gertraud Zwingel (links) und Doris Maier (rechts).
Der tagtäglich erprobte Blick in den Spiegel als Prüfung, ob alles sitzt: Gertraud Zwingel (links) und Doris Maier (rechts). (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Das kleine Wort „Glück“ ist eines, das sich für die meisten Menschen am schwierigsten realisieren lässt. Am laufenden Band finden sie Gründe, warum es nicht geht. Dagegen helfen die „15 Versuche über das Glück“, die der Theaterclub in seiner Werkschau am Sonntagabend auf die Hinterbühne im Stadttheater brachte. In knappen aufeinander folgenden Szenen unter der Regie von Anja Lorenzen haben die neun Akteure Komisches und Tragisches inszeniert, um dem Glück habhaft zu werden.

Auf den Eintrittskarten ist noch von 17 Versuchen die Rede. Am Abend waren es nur 15 Auftritte. Das, erläuterte Regisseurin Anja Lorenzen vor Spielbeginn, hat sich während der letzten Proben ergeben. Sie seien einfach schneller fertig geworden mit dem Glück, heiterte sie die Stimmung auf unter den dicht besetzten Zuschauerreihen. Mit überaus flexiblen und erstaunlich entspannten Darstellern habe die Theaterpädagogin im vergangenen halben Jahr zu tun gehabt. Selbst kurz vor Schluss eingebrachte Ideen wurden aufgenommen. Das habe ihr imponiert.

Dem lang ersehnten Gut habhaft werden, bloß wie?

Die 15 Versuche boten den Zuschauern einen überaus lustvollen rund einstündigen Abend, in dem sich jeder mehr oder weniger wiederfinden konnte. Bei den eigenen Anläufen, nun endlich dem lang ersehnten Glück auf die Spur zu kommen. „Was muss ich tun um glücklich zu werden?“, fragt sich Gertraud Zwingel, während sie ratlos in den Spiegel schaut. „Ich will dieses satte Lebensglück zurück!“, trauert sie ihrer Jugend nach, um zu erkennen, dass sie dieser Versuch kein Stück weiter bringt. Anders dagegen in der „Tragödie“ nach Somerset Maugham zusammen mit Anahita Morwarid, Sonja und Jörg Rieck, Patrick Hopf und Sebastian Lieberherr. Erzählt wird die Geschichte einer Amerikanerin – erfolgreich, wohlhabend, bewundert und jede Menge Freunde. Glücklich? Nein, eher elend und unzufrieden, denn sie war auf der Suche nach ihrer Tragödie. Erst als ihr junger Flieger tödlich verunglückte, hatte sie, was sie wollte.Das Ensemble improvisierte wunderbar gestisch und mimisch diese Tragödie. Spritzig und originell gab sich der Auftritt von Katharina Keller als harmlose Kundin im Supermarkt, die lediglich eine Dose Thunfisch aus dem Regal wollte. Davor stand aber er. Wenn sich so zwei Stadtneurotiker begegnen, steht das Glück quasi quer im Weg. Auf „Gebrüllt vor Lachen“ von Christopher Durang folgte mit „Ihre persönliche Glücksmelodie“ frei nach Hape Kerkeling ein wahres Bad im Glücksrausch. „Bitte eine Münze einwerfen! Hier erfahren Sie ihre Glücksmelodie“, wiederholt Jörg Rieck nonstop. Solange, bis Sebastian Lieberherr ihm den Gefallen tut und prompt kommt: „Noch eine, bitte!“

Mal zum Heulen, mal zum Lachen

An Sonja Rieck ist es, das kleine Wort „Glück“ auf Herz und Nieren zu testen. „Ich finde, es ist ein Wort zum Lachen und zum Weinen“, wiederholt sie ihren Text in drei, jeweils emotional unterschiedlich gefärbten Betonungen. Das bekommt sogleich unterschiedliche Gewichtungen ähnlich wie im Dialog „Liebesglück“ mit Sebastian Lieberherr. Er hat sie mit Ludmilla betrogen, worin beide zeigen, wie sich ein und dieselbe Situation anders erleben lässt. Mal todernst, mal zum Heulen, mal überaus locker und heiter.

Wie sich Glücksgefühle auf die Schnelle vermiesen lassen, demonstrierte „Bitter Lemon“. Wie Glück mal eben zwischendurch nicht zu haben ist, erlebte die ungeduldige Sabrina Staggl auf dem Flughafen beim Kauf einer japanischen Glückskatze. Zusammen mit Patrick Hopf, der den in sich ruhenden Verkäufer mimte. Zu ihrem Leidwesen. Doris Maier und Gertraud Zwingel waren es schließlich in der letzten Szene, die die Zuschauer mit „Frau im Spiegel“ tief anrührte. Eigentlich ist es ja nur der tagtäglich erprobte Blick in den Spiegel, ob alles sitzt. Doch dann sind die Spuren körperlichen Alterns nicht mehr zu übersehen. Was macht Glück aus und wie es zu fassen ist, hat der Theaterclub mit großer Spielfreude, Witz und Tiefgang, auf die Bühne gebracht.

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