Das Thema Wald ins öffentliche Bewusstsein rücken

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 Die Gruppe beim Waldbegang in der Rohrachschlucht.
Die Gruppe beim Waldbegang in der Rohrachschlucht. (Foto: Bund Naturschutz)
Lindauer Zeitung

Knapp 20 Interessierte aus den beiden Verbänden Bund Deutscher Forstleute (BDF) und Bund Naturschutz (BN) hatten sich bei wunderbarer Herbststimmung zum gemeinsamen Waldbegang in der Rohrachschlucht eingefunden. Die Organisatoren hatten sich vorgenommen, verschiedene Waldbilder in der Rohrachschlucht anzuschauen und darüber zu diskutieren.

Anton Specht, beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) zuständig für Schutzwaldmangement, begrüßte als BDF-Vertreter und stellte die Intention für das Treffen vor. So ginge es darum, aufzuzeigen, wo die Gemeinsamkeiten aber vielleicht auch die unterschiedlichen Sichtweisen der beiden Verbände auf den Wald lägen. Er habe die Dienstkleidung absichtlich zu Hause gelassen, da er an diesem Tag nicht als Forstbeamter auftrete, sondern als Verbandsvertreter. Isolde Miller, Gebietsbetreuerin beim BN unterstrich, dass solche Veranstaltungen von beiden Verbänden auf Landesebene angeregt wurden, um im Waldnaturschutz bestmögliche Kooperation zu erreichen. Ziel der Verbände sei es auch das Thema „Wald“ in seinen verschiedenen Facetten mit Positivbeispielen mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Politik zu rücken.

Als erstes wurde ein Waldtyp vorgestellt, mit dem das Westallgäu bayernweit heraussticht – der Plenterwald. Dieser ist ein Mischwald aus mehreren Baumarten mit verschieden alten Bäumen auf derselben Fläche. So steht dort der kniehohe zehnjähige Baumnachwuchs neben 250-Jährigen Riesen. Es ist ein Wald, der stetig extensiv durch die Entnahme einzelner dicker Bäume genutzt wird und sich deshalb sehr gut selbst verjüngen kann. Diese Art der Waldbewirtschaftung hat im Westallgäu und im Bregenzer Wald eine sehr lange Tradition und sei mit eine Ursache dafür, dass es hier noch viele Wälder gebe, die diesen stufigen Aufbau aus verschiedenen Baumarten mit einer teilweise artenreichen Krautschicht vorweisen könnten, erklärte Christian Müller, der zuständige Revierförster für die Rohrachschlucht. Der Grundsatz der Plenterwaldbewirtschaftung ist regelmäßig so viel Holz zu Nutzen wie laufend nachwächst, nie darüber. Sowohl BDF als auch BN beurteilen diese lokale Spezialität ausgesprochen positiv und erhaltenswert.

Dass auch im Westallgäu intensiver Waldbau mit dem „Brotbaum“ Fichte betrieben wurde, konnte auf der nächsten besichtigten Fläche gesehen werden. Eine Fichtenmonokultur, für die der „Waldumbau“ vor einigen Jahren begonnen wurde. Die Waldbesitzerbereinigung Westallgäu (WBV) habe hier Bäume entnommen, um Platz für die Naturverjüngung zu schaffen. Die wenigen vorhandenen Altbuchen wurden gezielt als „Mutterbäume“ erhalten. Dass die Maßnahme erfolgreich war, könne man deutlich an den zahlreichen jungen Buchen und Tannen sehen, die nun, da das Licht bis zum Boden komme, eine Chance haben, freute sich Andreas Täger, der Geschäftsführer der WBV. Der Prozess des Umbaus vom Fichten-Reinbestand zum standortgerechten Mischwald bräuchte allerdings seine Zeit, bis der Generationswechsel vollzogen sei. Absolut einig sind sich BN und BDF darin, dass der Wildstand nicht zu hoch sein darf, damit der Nachwuchs der wichtigen Mischbaumarten nicht aufgefressen wird.

Eine wunderbare Rarität konnten die Teilnehmer am letzten Punkt der Exkursion erleben. Boris Mittermeier stellte diese Fläche, die mittlerweile im Besitz des Landkreises ist, mit ihren Besonderheiten vor. Schon bei der Kartierung für das FFH-Gebiet Rohrachschlucht habe ihn diese Fläche beeindruckt. Es sei ein Glücksfall, dass der Landkreis hier aktiv wurde und die Fläche kaufen konnte. Es handele sich um einen zum Teil über 200-jährigen Weißtannen-Altbestand, wie er so nur äußerst selten zu finden sei. Er habe hier alleine sieben Spechtarten festgestellt. Dies weise auf die hohe Anzahl an Biotopbäumen und Totholz hin. Für einen artenreichen, naturnahmen Wald gehe man von einer Totholzmenge von etwa 30-40 Kubikmeter pro Hektar aus, hier habe er bis zu 100 Kubikmeter auf dem Hektar errechnet. Dies zeige sich auch im Artenspektrum der Käferfauna und der Pilze. Die Regierung von Schwaben hatte diesbezüglich Kartierungen in den Tobelwäldern durchführen lassen, die von Isolde Miller vor Ort begleitet wurden. So wurden auf dieser Fläche eine noch nicht beschriebene Käferart und zwei Urwaldreliktarten gefunden. Auch bei den Pilzen, gebe es erfreuliche Funde. Die abschließende Auswertung der Kartierung stehe aber noch aus. Mittermeier und Miller erklärten, dass gerade diese Urwaldreliktarten sehr wenig mobil seien und deshalb auch langfristig ungenutzte Waldflächen notwendig seinen, um dieses Artenspektrum nicht zu verlieren. Isolde Miller erinnerte an das Naturwaldreservat, das der BN auf seinen Flächen auf der anderen Seite des Rickenbaches in der Rohrachschlucht im Vorjahr eingeweiht habe. „Wir konnten nun ein Grundstück angrenzend an das Naturwaldreservat auf dieser Bachseite als Erweiterungsfläche dazukaufen. Solche Flächen sind wichtig als Trittsteine und Lebensraum für Arten, die eine unberührte Wildnis brauchen.“ Dass auch sie ihren Platz und ihre Funktion im Ökosystem haben, darin waren sich alle anwesenden Fachleute einig.

Ebenfalls einig waren sich die Verbandsvertreter von BDF und BN darin, dass nachhaltige Waldnutzung gut und wichtig sei. Holz als nachwachsender Rohstoff und Energiequelle wird absolut positiv gesehen. Allerdings seien auch totes Holz im Wald, Biotopbäume (zum Beispiel Bäume mit Höhlen) und Naturwaldflächen wichtig, um die Artenvielfalt zu erhalten. Gerade in den Tobeln des Westallgäus seien die Voraussetzungen gut, denn die schwierige und daher extensive Waldbewirtschaftung an den Steilhängen sei ein Garant für den Artenschutz. Dass die Waldbesitzer dafür auch belohnt würden, zeige das Vertragsnaturschutzprogramm Wald, mit dem Totholz, Biotopbäume oder auch ein Nutzungsverzicht finanziell gefördert würden. Die Förderung laufe kooperativ über die Naturschutzbehörde und das Forstamt.

Wie es mit den Westallgäuer Wäldern im Zuge des Klimawandels weitergehen kann, darüber gab es auch Übereinstimmung: Nur gesunde Mischwälder mit mehr Laubholz sind den Herausforderungen der klimatischen Veränderungen gewachsen. Warme Jahre wie 2018 und 2019 würden Schädlinge wie den Borkenkäfer fördern. Deshalb waren sich alle einig, dass der Dialog zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft auch weiterhin notwendig sei. Die Verbände BN und BDF wollen das auch weiterhin in ihrer Öffentlichkeitsarbeit einbringen.

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