Das Rainhaus siecht dahin

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Das Rainhaus siecht dahin (Foto: Christian Flemming)
Jürgen T. Widmer

„Das alte Haus von Rocky Docky hat so vieles schon erlebt. Kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt.“ Was Bruce Low über eine baufällige Western-Immobilie gesungen hat, könnte auch auf das Rainhaus in Lindau zutreffen. Auch das ehemalige Siechenhaus der Stadt hat seit 1586 einiges erlebt. Jetzt zittert und bebt es, weil der Grund, auf dem es steht, sich senkt.

Dabei wirkt das Renaissance-Gebäude von außen ganz schnuckelig, zumal ein gelbes Band auf Höhe des ersten Stocks es fast wie ein Geschenk erscheinen lässt. Doch an dem Band haben Günter Wartig und Johannes Allgaier vom städtischen Bauamt wenig Freude. Denn das optimistisch gelbe Band ist ein Unglücksbote.

„Das Haus könnte auf längere Sicht auseinanderbrechen“, sagt Wartig. Deshalb hat die Stadt alle Mieter umquartiert und sofort mit Sicherungsmaßnahmen begonnen. Das gelbe Band ist das äußere Zeichen, doch wer genauer hinsieht, dem fallen auch die massiven Holzbalken auf, die rings um das Haus in Bodennähe und in einer Höhe von ungefähr sechs Metern angebracht sind. In ihnen sind die mächtigen Stahlstangen verschraubt, die quer durchs Gebäude getrieben sind. Im Erdgeschoss bilden sie in Kniehöhe Stolperfallen. Im Obergeschoss heißt es Kopf einziehen. Die Stangen sollen verhindern, dass die Wände des Hauses weiter auseinanderdriften. „Mit den Stangen ist das Gebäude natürlich unbewohnbar“, begründet Wartig, warum die Mieter ausquartiert und in andere städtische Wohnungen verlegt werden mussten.

Strahlt eine gewisse Hoffnungslosigkeit aus

25 000 Euro hat dies bislang gekostet. „Aber das Haus ist eigentlich ein Fass ohne Boden“, so Wartig. Was an einigen Stellen, an denen der Fußboden fehlt, nahezu wörtlich zu nehmen ist, denn das Innenleben präsentiert sich weitaus desolater, als es die noch vergleichsweise ansehnliche Fassade ahnen lässt. Dunkle Keller im Erdgeschoss, herausgerissene Dielen, in den Bädern sämtliche Kacheltrends seit den 1950er Jahren. In den Wohnräumen laden mehrere Schichten Tapeten an den Wänden zu archäologischen Reisen einige Generationen zurück ein. In anderen Räumen sind die Wände grell getüncht. Das ganze Ensemble strahlt eine gewisse Hoffnungslosigkeit aus.

Hoffnungslos ist auch der bauliche Zustand. „Als das Gebäude im 16. Jahrhundert gebaut wurde, war nicht klar, dass der Baugrund so instabil ist“, sagt Wartig. Kleine Randnotiz. Als dann das Berufschulzentrum gebaut wurde, war dies den ausführenden Architekten wohl auch nicht klar, was einen Endlos-Prozess zur Folge hatte. Von daher ist der desolate Zustand des Rainhauses nicht der Nachlässigkeit der Stadt, sondern dem miserablen Baugrund geschuldet.

In einem sind sich Allgaier und Wartig einig: „Was die Baumeister damals geleistet haben, ist aller Ehren wert.“ Den beiden ist anzumerken, dass ihnen der Zustand des Hauses an die Nieren geht.

Einstelliger Millionenbetrag notwendig

Eigentlich war das Haus, wie der Name sagt, als Siechenhaus gebaut worden. Als die Pest in der Stadt wütete, wurden dort, damals vor den Toren der Stadt, die Kranken untergebracht. Allerdings wohl nur jene, die entsprechend betucht waren. Die breiten Treppenaufgänge und Flure weisen heute noch auf diese Verwendung hin. „In einigen Wänden gibt es Durchbrüche, um die Kranken mit Essen zu versorgen“, sagt Wilfried Vögel, Pressesprecher der Stadt Lindau. Möglicherweise musste auch das Gesinde der Kranken mit ins Siechenhaus ziehen, um die Herrschaft weiter zu bedienen. Später diente es als Schule und auch als Obdachlosenwohnung.

Jetzt siecht das Gebäude selbst vor sich hin. Einen satten einstelligen Millionenbetrag würde es wohl kosten, das Gebäude für eine Nutzung herzurichten. „Angesichts des schwierigen Untergrundes ist dies aber schwer zu schätzen“, sagt Wartig. Zudem stellt sich die Frage, welche Nutzung für das große Gebäude in Frage kommen könnte. „Nur bei einer öffentlichen Nutzung kann die Stadt überhaupt Fördergelder bekommen“, sagt Vögel.

Ein Euro ist GWG zu teuer

Leicht zu verkaufen ist das denkmalgeschützte Gebäude nicht. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG hat schon mal abgewunken. Selbst der symbolische Preis von einem Euro war Geschäftsführer Alexander Mayer zu heiß. Statt in ein solches Prestigeobjekt zu investieren, will er lieber mit dem Geld bezahlbaren Wohnraum in Lindau schaffen. Stellt sich die Frage, wie es überhaupt weitergehen könnte? „Das muss die Politik entscheiden“, sagt Vögel. Ein Verkauf an einen Privatmann wäre eine mögliche Option, doch die Entscheidung müsse der Stadtrat treffen.

Momentan wissen wir nicht, wie die Zukunft des Hauses aussehen könnte“, sagt Vögel. Das alte Haus von Lindau steht also vor einer ungewissen Zukunft. Kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt.

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