Das Fliegervirus noch immer im Blut

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Helmut Wenk (rechts) feiert seinen 95. Geburtstag. Stadtrat Matthias Hotz gratuliert.
Helmut Wenk (rechts) feiert seinen 95. Geburtstag. Stadtrat Matthias Hotz gratuliert. (Foto: Christian Flemming)
Christian Flemming

Da hat er als einer von wenigen Kriegspiloten überlebt, war jahrelang als Testpilot nach dem Zweiten Weltkrieg in der Luft und nun gab es zu seinem 95. Geburtstag doch noch eine Bruchlandung. Denn just an diesem Tage fiel der Motor seiner Markise aus und die hielt dem Starkregen nicht stand, brach aus der Hauswand und landete auf der Terrasse von Helmut Wenks Haus. Und dies unmittelbar, bevor Stadtrat Mathias Hotz als offizieller Gratulant zu Besuch kam.

Doch dies war neben dem Wetter das einzige, das seine Freude über den hohen Geburtstag trübte. Er war ja auch nicht beteiligt an der Bruchlandung, konnte nur nicht die Steuerung beeinflussen, was mit der alten Markise mit Handkurbel vermutlich so nicht passiert wäre.

Jedenfalls hatten die Steuerknüppel all der Flugzeuge, die Helmut Wenk in seinem Leben durch die Luft bewegte, nie versagt.

Auf einer Insel in den USA geboren, kam Wenk im Alter von zwei Jahren nach Deutschland. Grund für seine Geburt in Übersee war die Annahme, dass das Vermögen einer Tante, die dort gelebt hatte, so für die deutsche Verwandtschaft gesichert werden könne. Ein Trugschluss, wie sich später herausstellte, denn Anwälte hatten es geschafft, dass sie ihr Testament zu deren Gunsten geändert hatte. Nun, das hat dem glücklichen Verlauf Helmuts Leben keinen Abbruch getan, wie er glaubhaft versichert.

In Friedrichshafen hatte er im Zeppelin-Gymnasium, in dem sein Vater Rektor war, ein Notabitur absolviert, landete danach bei der Luftwaffe und wurde dort Kampfpilot und Luftwaffentechniker. „So wurde aus mir doch noch was, obwohl meine Eltern schon verzweifelten, da ich kein guter Schüler war im Gegensatz zu meinem Bruder“, erzählt Helmut. Bruder Peter wurde derweil in Tübingen Professor für Biologie.

Nach dem Krieg legte er die amerikanische Staatsbürgerschaft ab, nach einem Praktikum im Baufach begann er ein Studium und wurde Diplomingenieur im Bauwesen. Bei einer Baufirma im Stuttgarter Raum lernte er seine Frau kennen, mit der er nun 61 Jahre verheiratet ist, zwei Kinder und darüber hinaus zwei Enkel hat. Doch zuvor, in seiner Stuttgarter Zeit, war er nebenbei als Testpilot viel unterwegs. Erst, nachdem die Familie nach Ulm umgezogen war, kehrte diesbezüglich Ruhe ein. Allerdings wurde er das Flugvirus nie ganz los, er prüfte noch Flugzeuge, unter anderem das seines ehemaligen Schulkameraden Franz Thorbecke, dem legendären Lindauer Luftbildfotograf.

In Ulm war Helmut Wenk an vielen Großbauprojekten der Bundeswehr maßgeblich beteiligt. Von dort führte ihn der Beruf nach Friedrichshafen als Amtsleiter für Hochbau. Von dort ging es auf die Ostalb nach Ellwangen als Bauamtsleiter, bis ihn der Ruf aus Lindau ereilte und er dorthin ins Bauamt wechselte. Nach einem Jahr, so erzählt er, wurde Klaus Burger sein neuer Chef und er selbst froh, bei der GWG unterzukommen, „denn noch nie hatte ich eine so zerstrittene Stadtverwaltung samt Stadtrat erlebt“, erinnert er sich. In dieser Hinsicht sei Lindau schon etwas ganz Besonderes gewesen.

Neben einer CD-Serie mit Erzählungen über seine Kriegserlebnisse, Berichten und Erzählungen war das Geburtstagskind auch an einer Reihe von Fachbüchern über die Luftfahrt beteiligt. Noch immer werde er angeschrieben und angefragt, darüber zu berichten als einer der letzten Überlebenden, so gegenwärtig von einem Ingenieurstudent aus China, der über ihn ein Buch schreiben wolle, erzählt Helmut Wenk. Von diesem habe er allerdings auch Neues erfahren, nämlich über die engen militärischen Beziehungen Chinas mit Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg.

Der geistig höchst rege Jubilar liest nach wie vor sehr viel, auch über das aktuelle Politikgeschehen in aller Welt, aber auch das lokale. Wobei, mit der Langenwegunterführung hat er sich noch nicht angefreundet, seine Lösung wäre eindeutig eine Brücke gewesen. Aber mittlerweile wächst entlang der Unterführung längst Gras.

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