Darum ist lügen in einer Beziehung gar nicht so schlimm

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Jeder tut es, und doch ist es verpönt: Lügen. Doch nicht jede Lüge ist schlecht, sagt Prof. Astrid Riehl-Emde. Im Gespräch mit Redakteurin Yvonne Roither erläutert die Psychologische Psychotherapeutin, was die Kunst des Lügens ausmacht und wo ihre Grenzen liegen. Ihre Botschaft: Lügt, aber lügt gut.

Wann genau beginnt eine Lüge?

Das kommt auf die Definition an. Nach einer sehr strengen Auslegung gehören Halbwahrheiten, Andeutungen, Geheimnisse und sogenannte Höflichkeitslügen auch schon dazu. Die exakte Definition bezeichnet Lügen als die Kommunikation einer subjektiven Unwahrheit mit dem Ziel, einen falschen Eindruck hervorzurufen. Wenn es einen Unterschied gibt zwischen dem, was jemand glaubt, und dem, was er sagt, dann sprechen wir von Lüge.

 Kann denn Lügen Sünde sein? Prof. Astrid Riehl-Emde spricht über Lügen in Paarbeziehung und Paartherapie.
Kann denn Lügen Sünde sein? Prof. Astrid Riehl-Emde spricht über Lügen in Paarbeziehung und Paartherapie. (Foto: Yvonne Roither)

Ein Beispiel: Wenn jemand vergessen hat, seine Uhr auf Sommerzeit umzustellen und dann die falsche Uhrzeit verkündet, ist das keine Lüge. Wenn er aber, aus welchen Motiven auch immer, eine Stunde draufschlägt, lügt er, obwohl er tatsächlich die richtige Uhrzeit sagt. Entscheidend für eine Lüge ist also das, was man subjektiv denkt und die Täuschungsabsicht. Wohldosierte Unwahrheiten können in einer gelingenden Beziehung durchaus ihren Platz haben.

Einen großen Platz: Es heißt, dass wir im Schnitt zweihundertmal am Tag lügen...

Das halte ich für Unfug. Auf diese Zahl kommt man nur, wenn man wirklich jede kleine Höflichkeitslüge und jeden „Guten Tag“ mitzählt, den man dem anderen nicht von Herzen wünscht. Fakt ist aber, dass offenbar niemand ohne Lügen auskommt.

Trotzdem ist Lügen verpönt. Wie passt das zusammen?

In unserer Kultur hat es einen hohen Stellenwert authentisch zu sein. In südamerikanischen Ländern beispielsweise ist ein flexiblerer Umgang mit der Wahrheit üblich. Südamerikaner umschreiben manches einfach charmanter.

Das hört sich ja fast so an, als wären Lügen gut?

Nicht jede Lüge ist schlecht. Man kann mit der Wahrheit auch andere verletzen. Bei den alten Griechen galt Lügen als die Kunst der Weisen. Uns ist diese Kunst verloren gegangen. Denn Lügen ist nicht trivial, sondern auch eine Frage der Intelligenz: Man muss es können, man braucht ein gutes Gedächtnis, muss sich der Anstrengung stellen. Meine Botschaft lautet daher: Lügt, aber lügt gut. Denn schlechte Lügen sind kränkend.

Wo verläuft dann aber die Grenze – wann geht Lügen zu weit?

Wir unterscheiden zwischen der konstruktiven und der destruktiven Lüge. Konstruktiv ist eine Lüge dann, wenn sie dem Schutz der Privatsphäre dient, wenn ich beispielsweise erst mal bestimmte Dinge mit mir selbst ausmachen muss. Wird jemand allerdings aus Machtinteresse zum Lügner, ist dies destruktiv. Ein überschuldeter Mann, der hinter dem Rücken der Ehefrau das gemeinsame Vermögen angreift, lügt über die zuträgliche Dosis hinaus. Destruktive Lügen in einer Liebesbeziehung wiegen sehr schwer.

Was sind die häufigsten Lügen in einer Paarbeziehung?

Am häufigsten wird in Sachen Finanzen, Sexualität, Untreue sowie beruflicher und gesundheitlicher Probleme wie beispielsweise Sucht gelogen.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Der Mann geht fremd – muss er den Seitensprung beichten?

Die Paartherapie in den 80er-Jahren ging noch davon aus, dass jede Außenbeziehung offengelegt werden muss. Heute sieht man das differenzierter. Wenn es ein One-Night-Stand ohne Folgen ist, kann man den für sich behalten. Wenn dadurch aber die Beziehung deutlich zu Schaden kommt, sollte man ehrlich sein.

Das ist weniger eine Frage der Moral als eine Frage der Konsequenzen eines solchen Geständnisses. Auf die Frage, was nutzt und was schadet der Beziehung, gibt es keine klaren Antworten. Wichtig ist aber auch zu hinterfragen, aus welchen Motiven jemand die Wahrheit gesteht: Wenn es nur darum geht, sich selbst zu entlasten, ist das eher schädlich als nützlich. Denn man bürdet dem anderen dadurch enorm viel auf.

Was passiert, wenn man den Partner beim Lügen erwischt?

Das kommt ganz auf die Lüge an und wie der Lügner darauf reagiert. Wenn der Ertappte nach einer Alltagslüge auf den Partner zugeht und sein Fehlverhalten erklärt, ist das eine vertrauensbildende Maßnahme. Wenn der Partner bei einem erwiesenen Treuebruch allerdings weiter lügt, wird die Loyalität in der Paarbeziehung immens verletzt. Manchmal geht es soweit, dass der Betrogene seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut.

Wie lässt sich so ein Vertrauensbruch wieder kitten?

Der „Täter“ muss sich als vertrauenswürdig erweisen, und der Partner muss entscheiden, ob er das verzeihen will. Das braucht manchmal Jahre. Und auch wenn der Fehltritt verziehen wird, wird er unter Umständen nicht vergessen. Verzeihen und Vertrauen wieder aufzubauen ist sehr anstrengend. Einen Schlussstrich sollte man ziehen, wenn die Beziehung sehr destruktiv wird.

Erfordert eine erfolgreiche Paartherapie absolute Ehrlichkeit?

Eine Paartherapie ist nur dann sinnvoll, wenn das Paar ein gemeinsames Anliegen hat. Aber auch hier sagen die Patienten nie alles, auch Therapeuten erfahren Wichtiges oft nicht. Ich höre immer wieder von Patienten, dass sie ihrem Partner hundertprozentig vertraut haben. Vertrauen ist zwar wichtig in einer Paarbeziehung, aber diese Einstellung ist nicht sehr erwachsen: Ein gesundes Maß an Skepsis wäre angemessener.

Gibt es einen geschlechtsspezifischen Unterschied beim Lügen?

Frauen und Männer lügen gleich viel, sie lügen aber anders, sie haben unterschiedliche Motive. Während Männer tendenziell mehr lügen, um sich in ein besseres Licht zu stellen, lügen Frauen tendenziell eher, um Beziehungen zu schützen. Allerdings darf man diese Unterschiede nicht überbewerten, die Geschlechter gleichen sich immer mehr an. Bei der Frage, wer Lügen besser durchschaut, gibt es keinen geschlechtsspezifischen Unterschied. Ich vermute: Menschen, die selber eine gewisse Fantasie fürs Lügen haben, fällt die nötige Spur Skepsis leichter.

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