Damit sich die Nazizeit nicht wiederholt

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 Als Überlebende des Warschauer Ghettos warnt Krystyna Budnicka heute junge Menschen vor rechtsradikalen Tendenzen (von links):
Als Überlebende des Warschauer Ghettos warnt Krystyna Budnicka heute junge Menschen vor rechtsradikalen Tendenzen (von links): Ludwig Lau von der katholischen Jugend, Übersetzer Pfarrer Joachim Gaida, Krystyna Budnicka, Cornelia Sechser, stellvertetende Schulleiterin des Marienheims, und Schulleiter Felix Krug (Foto: det)
Denise Tatavitto

Eine Überlebende des Warschauer Ghettos hat im Marienheim von ihrem Leben als jüdisches Mädchen während des zweiten Weltkriegs erzählt. Ihr Ziel ist es zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert.

Dass der Antisemitismus zunimmt und die Grenzen zwischen Patriotismus und Nationalismus immer mehr ineinander verschwimmen, sieht die jüdisch-polnische Krystyna Budnicka als eine gefährliche Entwicklung. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie selbst versteckte sich im Alter von elf Jahren neun Monate lang in einem kleinen Bunker vor den Nazis und erlebte mit, wie ein Familienmitglied nach dem anderen starb. Als einzige Überlebende ihrer Großfamilie macht sie es sich heute zur Aufgabe, über ihre schlimmen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen, um zu verhindern, dass sich der Faschismus wiederholt. Im Marienheim erzählt sie ausführlich und detailreich ihre Geschichte als jüdisches Kind während des Zweiten Weltkrieges und trifft bei den Zuhörern einen Nerv, der Entsetzen und Betroffenheit auslöst.

Budnicka fängt von ganz vorne an und berichtet über ihre Kindheit in einem jüdischen Elternhaus in Warschau, das von Glückseligkeit geprägt war. Sie stammt aus einer religiösen Familie und genoss die Feste, die sie mit ihren sieben älteren Geschwistern und Eltern feierte, sie erinnert sich an die Geschichten, die ihr Vater ihr vorlas, und spielte mit ihrem schönen Spielzeug. Diese Glückseligkeit endete am 1. September 1933. Die damals Siebenjährige hätte an diesem Tag ihren ersten Schultag erleben sollen, stattdessen wurde sie, wie alle anderen Juden in Warschau, von den Nazis in einen Stadtteil gesteckt, der viel zu klein, war um alle Menschen zu beherbergen.

Dabei war die Zwangsumsiedlung in das Ghetto noch nicht einmal das Schlimmste, was die Nationalsozialisten ihnen antaten, es war die Aberkennung der Würde und die Demütigung, die die Menschen ertragen mussten. Alte Menschen mussten sich verbeugen, wenn ein Soldat an ihnen vorbei lief. Gewalt und Schläge bei angeblichem Ungehorsam standen an der Tagesordnung. Die Tagesrationen an Essen beschränkten sich auf 80 Kilokalorien pro Person, sodass sich die Straßen bald schon mit Hungertoten füllten. Diese Tatsache schockierte die Zuhörer, denn 80 Kalorien entsprechen nicht einmal zwei Äpfeln. Vor allem Kinder wie Krystyna wuchsen unter schlimmen Bedingungen auf. Als die Nazis sahen, dass im Ghetto nicht genug Platz für alle ist, haben sie Hunderte Menschen nach für nach rausgenommen und in das Konzentrationslager Treblinka transportiert.

Um diesem Schicksal zu entgehen, versteckten sich viele Familien, unter anderem Krysynas Familie, in selbst gebauten Verstecken in ihren Häusern. Als zwei ihrer Brüder und deren Familien von den Nazis entdeckt worden sind, bauten sie einen Bunker unter dem Boden, mit einem Tunnel, der in die Kanalisation führte. Dies war der einzige Weg, der aus dem Ghetto raus auf die andere Seite führte, doch dort würden sie als Juden auffallen, weshalb sie ihn vorerst nicht verwendeten. Nach dem Aufstand im Ghetto im Januar 1943, in dem Häuser angezündet und die Synagoge gesprengt worden war, fand ihre Familie Zuflucht in diesem Bunker. Da die Deutschen den Fluchtweg über die Kanalisation kannten, begann das monatelange Warten. In diesen Monaten wurde einer ihrer Brüder krank, zwei weitere starben, nachdem unbekannte in den Bunker eingedrungen waren.

Familie zu schwach für die Flucht

Im Jahr 1944 gelang Krystyna nach neun Monaten die Flucht mithilfe einer polnischen Hilfsorganisation. Sie erzählt ausführlich von den Schwierigkeiten und Rückschlägen während der Flucht, dass sie ihre Eltern und ältere Schwester zurücklassen musste, weil diese zu schwach waren, und ihr zwölfjähriger Bruder an einer Sepsis durch verunreinigtes Wasser starb.

Bei Kriegsende war sie die einzige Überlebende der Familie. Ihren Vortrag unterstreicht Krystyna Budnicka mit authentischen Bildern aus dem Ghetto und Zeichnungen des Bunkers und der Kanalisation.

Erst 50 Jahre später begann die Überlebende über ihre Erlebnisse zu sprechen. Sie trat in den Verein „Kinder des Holocausts“ ein, wo sie ihr die Frage stellten: „Was ist geschehen, dass du lebst?“ Sie merkte wie gut es tat, darüber zu erzählen, und erkannte nun den Sinn dahinter, weshalb sie überlebt hat. Sie lebt, um Zeugin zu sein, die darüber spricht, damit das, was sie erlebt hat, kein Kind der Welt erleben muss. Sie dachte, die Menschen hätten gelernt aus diesem Krieg, doch leider geht es weiter so. Menschen werden diskriminiert aufgrund ihrer Hautfarbe und Religion, Kinder auf der ganzen Welt erleben Unrecht und Hunger. Krystyna Budnicka hofft, dass ihr Beitrag hilft, an dieser Situation etwas zu ändern. Die Schülerinnen und Lehrer können im Anschluss ihres Vortrags Fragen stellen. Sie wollten wissen, wie Budnicka an dieser traumatischen Erfahrung nicht zerbrochen ist. Tatsächlich brauchte sie nie einen Psychotherapeuten, wie andere Überlebende, ihr Glauben half ihr und die Flucht vor schlimmen Gedanken. Sie konzentrierte sich auf das Positive in ihrem Leben und hat sich eine Aufgabe gesucht. Sie ging nie zur Schule, also bildete sie sich. Sie hatte sich vorgenommen, mit Kindern zu arbeiten und ihnen zu helfen, wie ihr geholfen wurde. Budnicka wurde Spezialpädagogin für geistig behinderte Kinder. Eine eigene Familie gründete sie nie.

Nach einem siebenminütigen Film bestehend aus Originalaufnahmen aus dem Ghetto und Konzentrationslager, war die Stimmung unter den Zuschauern bedrückt. Sie zeige diesen Film jedoch nicht, um die Schülerinnen traurig zu machen, sondern damit sie nicht vergessen, dass die Welt so ist, wie wir Menschen sie gestalten. Es liege in der Hand eines jeden einzelnen, so etwas zu verhindern.

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