Damit Lindau eine Region für den Obstbau bleibt

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Damit die Obstbauern auf Dauer in Lindau und Umgebung arbeiten können, brauchen sie eine schützende Hand: Der Freistaat soll be
Damit die Obstbauern auf Dauer in Lindau und Umgebung arbeiten können, brauchen sie eine schützende Hand: Der Freistaat soll bei den Versicherungen gegen Hagel und Frost helfen. (Foto: Illustration: Alexander Stahl)
Schwäbische Zeitung
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„Wir leben für das“, sagt Stefan Haas. Der Obstbauer meint seinen Hof in Selmnau. Auf 40 Hektar baut er Äpfel, Sauerkirschen und Schwarze Johannisbeeren an. Obwohl er eigentlich nie mehr als vier Tage Urlaub im Jahr hat, überlegt er nicht lange: „Wir machen das mit Freude.“ Und das, obwohl der Frust im vergangenen Jahr groß war, als eine Frostnacht im April fast die ganze Ernte zerstört hat.

Ähnlich geht es Martin Nüberlin, dem Sprecher der Lindauer Erwerbsobstbauern: „Wir sind in einem klimatisch herausragenden Gebiet zum Anbau von Äpfeln.“ Um Lindau gebe es gute Böden, es falle genug Regen, es ist warm – ideale Bedingungen für Pflanzenwachstum. Und doch ist das Obstbaugebiet am Bodensee gefährdet.

Der Obstbauer erinnert sich : Nach dem Frost kam der Frust

Die Gründe dafür sind vielfältig. So spüren die Obstbauern den Klimawandel. Weil es vor einem Jahr sehr früh ungewöhnlich warm war, blühten die Äpfelbäume bereits Mitte April. Dann kam es zum Frosteinbruch – und in einer Nacht war ein Großteil der Ernte zerstört. „Da war das ganze Jahr Frust“, erinnert sich Haas.


Die Obstbaufläche ist seit 20 Jahren gleich geblieben, die Zahl der Betriebe aber deutlich gesunken.
Die Obstbaufläche ist seit 20 Jahren gleich geblieben, die Zahl der Betriebe aber deutlich gesunken. (Foto: Gfik: Olivia Kammerlander)

Der umtriebige Landwirt hielt die Untätigkeit nicht aus. Zudem wollte er Bürgern und Politikern vor Augen führen, wie wichtig der Obstbau für die Landschaft am Bodensee ist. Deshalb riss er mit seinem Sohn auf 1,3 Hektar alte Bäume aus und baute dort Mais an. Damit verdiente er sicheres Geld, denn einen Abnehmer dafür hatte er schon, bevor er den Mais überhaupt gesät hatte. Doch im Herzen ist Haas Obstbauer, deshalb hat er auf der Fläche wieder Apfelbäume gepflanzt. „Wir probieren da jetzt neue Sorten aus“, die vielleicht besser mit dem neuen Klima klarkommen.

Haas hat den Hof seines Vaters übernommen, der 1973 in Selmnau mit zehn Hektar begonnen hatte. Im Laufe der Zeit hat er neue Flächen dazu gepachtet und gekauft. Er hat den Hof ausgesiedelt, damit es keinen Ärger mehr mit lärmempfindlichen Nachbarn gibt, wenn er mit seinen Maschinen morgens um 5 Uhr oder nach 20 Uhr am Abend unterwegs ist.

Schlimmer als der Klimawandel ist der gesellschaftliche Druck

Denn das ist für ihn das eigentliche Problem, das vielleicht noch schlimmer sei als der Klimawandel: der gesellschaftliche Druck auf die Landwirtschaft. Haas fühlt sich in einer Zwickmühle: Auf der einen Seite wollen die Menschen möglichst wenig Geld für Lebensmittel ausgeben, auf der anderen Seite beschweren sie sich, wenn Landwirte spritzen, stören sich an Hagelnetzen und wünschen sich Streuobstwiesen mit glücklichen Kühen. Doch Haas weiß, dass kein Landwirt so überleben kann.

Warum Dirk Augustin über den Obstbau schreibt
Mit der Obstblüte stehen die schönsten Wochen am Bodensee bevor. Damit das so bleibt, habe ich einen Lösungsweg für die unter Frost, Hagel und anderem leidenden Obstbauern gesucht.

So sieht es auch Nüberlin. Der Sprecher der Lindauer Obstbauern redet lange über Glyphosat, das für ihn ein Beispiel dafür ist, wie die Politik die Rahmenbedingungen für den Obstbau verschlechtert, weil Menschen sich nicht auskennen und Angst haben. Er verweist auf eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung, das Kochsalz und Kaffee für gefährlicher hält als das umstrittene Pflanzenschutzmittel. Dennoch werde er darauf in absehbarer Zukunft verzichten müssen, ohne dass er eine annähernd gleichwertige Alternative hat.

Deutsche Bauern bieten die saubersten Lebensmittel

Bei allen Problemen sind Nüberlin und Haas dennoch optimistisch. Beide haben Kinder, die ihre Höfe übernehmen wollen. Beide verweisen zudem darauf, dass die deutschen Bauern die am wenigsten belasteten Lebensmittel weltweit produzieren. Deshalb schütteln sie den Kopf, wenn Menschen noch strengere Auflagen fordern, im Supermarkt aber billiges Obst aus Italien, Frankreich oder anderen Ländern kaufen, wo Gesetze viel mehr Pflanzenschutzmittel erlauben als hierzulande.

Von der Politik wünscht sich Nüberlin mehr Rückhalt. Schließlich zeigt ein altes Gemälde, dass seine Vorfahren schon vor 400 Jahren in Rickenbach Obstbäume gepflanzt haben. Gerade jetzt, kurz vor der Blütezeit, mag sich Nüberlin Lindau nicht mit lauter Maisfeldern vorstellen. Immerhin wachsen um Lindau auf etwa 800 Hektar Äpfel, Birnen, Erdbeeren und anderes Obst.

Die Obstbauern hoffen auf eine Hilfe zur Selbsthilfe

Damit das so bleibt, brauchen die Landwirte Hilfen. So lobt Nüberlin die Staatsregierung, die den vom Frost betroffenen Höfen Geld ausgezahlt hat. Das sei für einige Höfe die Rettung gewesen. Damit die Bauern nicht bei jedem Hagelschlag oder Frost um Hilfe betteln müssen, wünscht sich Nüberlin, dass der Staat in Deutschland die Hälfte der monatlichen Prämien für eine Allgefahrenversicherung übernimmt, die verschiedene Anbieter entwickelt haben, die für die meisten Höfe aber zu teuer seien. Nüberlin verweist auf EU-Länder wie Italien, Niederlande oder Österreich, in denen der Staat die Hälfte dieser Kosten trägt. Im Ernstfall seien die Bauern dann versichert, Hilfsprogramme wären nicht mehr nötig.

Stefan Haas mag diese Diskussionen nicht. Er will seinen Betrieb möglichst eigenständig führen: „Ich will so wirtschaften, dass ich ohne Subventionen auskomme.“ Doch dann müsste er Preise verlangen, die kein Kunde bezahlen wolle. Deshalb wäre eine staatliche Beihilfe für eine private Versicherung ein Kompromiss.

In Österreich zahlt der Staat die Hälfte der Versicherung

Neidisch schauen viele Obstbauern aus Lindau über die Grenze. Denn ihre Kollegen in Vorarlberg bekommen seit zwei Jahren einen staatlichen Zuschuss für eine Versicherung.

Ulrich Höfert, der Fachmann für Obstbau bei der Landwirtschaftskammer Vorarlberg, berichtet auf Anfrage der Lindauer Zeitung, dass sich bis vor Kurzem auch in Österreich betroffene Bauern nach Hagelschlag oder großen Frostschäden an den Staat gewandt haben, der dann mit Hilfsprogrammen Höfe gerettet hat – oder auch nicht.


Ulrich Höfert, Fachmann für Obstbau bei der Landwirtschaftskammer Vorarlberg
Ulrich Höfert, Fachmann für Obstbau bei der Landwirtschaftskammer Vorarlberg (Foto: oh)

Zugleich gibt es jenseits der Grenzen schon seit Jahrzehnten die Österreichische Hagelversicherung. Verschiedene Versicherungsunternehmen haben diese 1947 auf Initiative der Landwirtschaft gegründet. In Folge des Klimawandels sind aber nicht mehr nur Bauern in bestimmten Regionen von Unwettern gefährdet. Zudem hat landesweit die Zahl der Schadensfälle deutlich zugenommen, so dass die Prämien deutlich gestiegen sind. Die meisten Betriebe können sich auch in Österreich laut Höfert eine solche Versicherung nicht leisten.

Vor zwei Jahren habe die damalige Bundesregierung deshalb entschieden, dass der Staat die Hälfte der Beiträge zahlt. Im Gegenzug seien alle Hilfsprogramm für solche Unwetterkatastrophen gestrichen worden, sagt Höfert. Denn nach Meinung der Politik sei eine Versicherung nun für jeden leistbar, und diese Eigenverantwortung sei auch jedem zumutbar.

Das ist unter Bauern durchaus umstritten, denn einige sehen darauf schlicht das Schleichen des Staates aus der Verantwortung. Zudem kann ein Bauer eine Frostversicherung nur als Zusatz zur Hagelversicherung abschließen, auch wenn er die wegen eigener Hagelnetze gar nicht braucht. Höfert rät dennoch allen Obstbauern in Vorarlberg zu der Hagel- und Frostversicherung. Denn in diesem Jahr sieht es gut aus, aber ein Frühling wie der vor einem Jahr mit Frostnächten während der Blütezeit werde es sicher wieder geben.

Kommentar: Der Freistaat muss den Obstbauern helfen

Ich freue mich auf die Obstblüte, ich bringe aber die Geduld auf, noch ein wenig zu warten. Die Bäume sollen lieber etwas später blühen, wenn sie dann keine Gefahr mehr gehen, dass der Frost erneut zuschlägt. Ich hoffe mit den Obstbauern auf eine gute Ernte. Denn ich möchte, dass Lindau Obstbauregion bleibt. Die Bäume prägen die Landschaft am Bodensee. Und das sollte so bleiben.


Dirk Augustin
Dirk Augustin (Foto: oh)

Denn die Alternative sind nicht die früher hier verbreiteten Obsthochstämme, wie manch einer träumen mag. Die Alternative wären wohl tatsächlich Maisfelder, mit denen Landwirte gutes Geld verdienen können. Und das fände ich schrecklich. Deshalb ist dieses Jahr mit den Landtagswahlen ein guter Zeitpunkt, um den Freistaat in die Pflicht zu nehmen. Denn unsere Obstbauern haben ein Recht auf die gleiche Unterstützung, die ihre Kollegen ein paar Kilometer weiter in Vorarlberg erhalten. Der Staat muss den Bauern helfen, damit diese sich versichern können.

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