Damit auch in Lindau jeder in Würde sterben kann

Lesedauer: 6 Min
Lindauer Zeitung
Maja Dornier

Der Hospizgedanke im Überblick

Tod und Sterben als natürlichen Vorgang betrachten und wieder ins Leben integrieren

Sterben weder verlängern noch verkürzen

Keine aktive Sterbehilfe (Töten)

Autonomie des Sterbenden stärken und ihn in seiner Würde bestätigen

Liebevolle bedingungslose Zuwendung

Linderung von Schmerzen und belastenden Symptomen mit moderner Medizin

Spirituellen Bedürfnissen Raum geben

Hilfe bei der Regelung letzter Dinge anbieten

Soziale Umgebung in Fürsorge mit einbeziehen, auch in der Trauer

Seit mehr als 20 Jahren gibt es in Lindau ein stationäres Hospiz. Der Besuchsdienst für Kranke und Sterbende ist schon mehr als 30 Jahre alt. Daran erinnert Vorsitzende Maja Dornier zum Welt-Hospiztag an diesem Samstag, 12. Oktober.

Früher haben die Menschen als Hospiz eine Einrichtung bezeichnet, in der Alten, Kranken und anderen Hilfsbedürftigen Schutz und Pflege zu teil wurden. Heute steht Hospiz für ein würdiges und ganzheitlich begleitetes Sterben. Am Anfang stand die Idee der englischen Ärztin Cicely Saunders, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen geborgen und liebevoll betreut bis zu ihrem Ende leben können. 1967 eröffnete sie das „St. Christopher’s Hospice“, wo sie mit viel Engagement Menschen pflegte und eine schmerzlindernde Therapie entwickelte. Heute spricht man von der Palliativen Medizin. Saunders gab aber auch den spirituellen Bedürfnissen der Gäste und deren sozialem Umfeld Raum. Es zeigte sich, dass bedingungslose Zuwendung und die Wertschätzung durch die Ehrenamtlichen den Sterbenden das Loslassen des Lebens erleichterte.

Ihr Beispiel machte Schule: Es entstand eine Bürgerbewegung, die zunächst England und englischsprachige Länder erfasste, und die sich noch immer ausbreitet. In den 1980er Jahren erreichte sie Deutschland. Hier fand damals der Tod noch hinter verschlossenen Türen statt. Selbst in Krankenhäusern starben Menschen oft in Badezimmern oder Abstellräumen.

Zwei Lindauer Bürgerinnen – Christa Popper und Maja Dornier – wollten etwas für Menschen tun, die in Einsamkeit starben. Entgegen dem herrschenden Tabu wirkte der 1986 ins Leben gerufene Besuchsdienst für Kranke und Sterbende inspirierend auf benachbarte Gemeinden. Dort fanden sich seit den 1970er Jahren ebenfalls vermehrt Menschen zusammen, die Ausgrenzung von Tod und Sterben aus dem Leben und damit auch die der betroffenen Menschen nicht mehr hinnehmen wollten. Noch heute freut sich Dornier, dass sich bis heute ehrenamtliche Begleiter zur Verfügung stellen.

Seit dieser Zeit hat sich insgesamt Vieles zum Positiven verändert. Laut jüngster Statistik gab es vor drei Jahren in Deutschland 234 stationäre Hospize, 1500 ambulante Hospizdienste, 336 Stationen an Kliniken mit palliativer Betreuung und etwa 80 000 Ehrenamtliche. Seitdem dürften die Zahlen weiter gestiegen sein. Deutschland liegt damit im europäischen Vergleich unter 49 Ländern auf Rang 15.

Das Hospiz Haus Brög zum Engel in Lindau war vor 21 Jahren das erste stationäre Hospiz in Bayern. Es ist gänzlich aus dem Ehrenamt entstanden. Viele Bürgerinnen und Bürger haben daran Anteil und unterstützen es. Ein Team aus in Palliativer Pflege weitergebildeten Fachkräften, Angestellten in Hauswirtschaft, Garten und Verwaltung sowie in Sterbebegleitung geschulten Ehrenamtlichen haben dort ideale Voraussetzungen für die Umsetzung des Hospizgedankens. Hausärzte lindern mit Palliativer Medizin Schmerzen und andere körperliche Beschwerden. Seelische Begleitung übernehmen Gemeindepfarrer und andere Betreuer. Öffentlichkeitsarbeit und ein konstantes Bildungsangebot erlauben Interessierten und Hilfesuchenden, sich dem Thema Tod und Sterben in einem geschützten Rahmen zu nähern.

Die hospizliche und palliative Betreuung in Lindau ist besonders gut, weil das Lindauer Hospiz inzwischen mehr Plätze bereithält und der Region weitere stationäre Hospize entstanden sind. Zudem bietet der Besuchsdienst für Kranke und Sterbende seit 33 Jahren Unterstützung für Menschen bereit, die daheim sterben oder deren Angehörige daheim sterben. Die Ehrenamtlichen des Besuchsdienst erhalten seit einigen Jahren professionelle Beratung.

Der Welthospiztag ist vor allem für das Ehrenamtlichen wichtig. Deren tragende Rolle in der Hospizbewegung hat Bestätigung und Anerkennung verdient. Außerdem schweißt die Arbeit im Hospizbereich zusammen wie keine andere. Wir gehören zur großen Hospiz-Weltfamilie. Sie muss weiter wachsen. Auch bei uns in Deutschland. Es gibt noch viel zu tun. Es geht um Menschenwürde: Überall auf der Welt soll ein ganzheitlich begleitetes Streben möglich sein.

Andreas Heller, Professor an der Alpen-Adria Universität in Klagenfurt-Wien-Graz, bezeichnete die Hospizbewegung als erfolgreichste weltweite Bürgerbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg: „Mit ihrem zutiefst humanen Gedankengut des Offenseins und der Akzeptanz und Toleranz füreinander ist sie auch eine Friedensbewegung.“ Mehr Hospiz in der Welt könnte auch mehr Frieden zwischen den Völkern bedeuten.

Der Hospizgedanke im Überblick

Tod und Sterben als natürlichen Vorgang betrachten und wieder ins Leben integrieren

Sterben weder verlängern noch verkürzen

Keine aktive Sterbehilfe (Töten)

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Hilfe bei der Regelung letzter Dinge anbieten

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