Coco Chanel: Ein Leben geprägt von Willenskraft und Stil

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 Im dreiviertel gefüllten Stadttheater wäre noch Platz gewesen, um einmal mehr in das faszinierende Leben der Coco Chanel eintau
Im dreiviertel gefüllten Stadttheater wäre noch Platz gewesen, um einmal mehr in das faszinierende Leben der Coco Chanel eintauchen zu können. (Foto: Tanja Schittenhelm)
Tanja Schittenhelm

Zu dramatisch-intensiven Klaviertönen treibt die elegante Dame mit dem kurzgewellten dunklen Haar wie von Sinnen die Nähmaschine an. Gerade hat Coco Chanel den Tod ihres Geliebten Boy Capel durchlebt – der Liebe ihres Lebens. Sie trauert, lange, doch dann stürzt sie sich wieder in die Arbeit. Mit dem Schauspiel „La vie de Coco Chanel“ hat das Theater Kempten am Mittwochabend im Stadttheater Lindau den Anfang zur neuen Spielzeit gemacht.

Nicht zum letzten Mal treibt sie in Konareks „La Vie de Coco Chanel“ die Pedale der Nähmaschine an. „La vie est trop courte pour être petite“, das Leben ist zu kurz, um klein zu sein, verkündet die resolute Dame gleich zu Beginn. Schon als Kind habe sie begriffen: „Das Geld ist der Schlüssel zur Freiheit“. Und so tut Coco Chanel alles dafür, unabhängig zu sein, in einer Zeit, in der es für Frauen absolut unüblich ist zu arbeiten.

Chanels Bühnenmonolog folgt ihrem Leben chronologisch. 1883 in ärmlichen Verhältnissen geboren und nach dem Tod der Mutter in einem Waisenhaus aufgewachsen, erlernt sie das Nähen in dem Zisterzienserkloster, in das sie der Vater gebracht hatte. Anschließend näht sie in einem Aussteuergeschäft und singt als „Pausenfüllerin“ in einem Varieté in Vichy.

Für die Interpretation von Chanels Lied „Qui a vu Coco?“, das wohl der Grund für Chanels neuen Namen Coco ist, heimst Julia Jaschke Szenenapplaus ein. Auch das anschließende Sammeln in den Reihen des Publikums sorgt für Lacher, genauso wie Chanels altklug vorgetragene Sprüche: „Heiraten Sie nie einen Mann mit einer Börse für Kleingeld!, schon geschehen?, Tja, die meisten Frauen wählen ihr Nachthemd mit mehr Verstand als ihren Mann.“

Julia Jaschke trägt einen schwarzen Jersey-Zweiteiler aus Midirock und Shirt mit Schleife: elegant, schlicht und bequem zugleich. Ein nicht unwesentliches Detail, denn Coco Chanel war es, die in einer Zeit, als die Damen noch Korsett, Reifrock und „Vogelnester“ auf ihren Hüten trugen, in die Schränke ihrer Liebhaber griff und sich von Arbeiterkleidung inspirieren ließ. Sie war der Meinung, die Einfachheit ist der Schlüssel zum Erfolg und gutem Stil. Sie brachte der Damenwelt Hosen, bequeme Hemdblusen, das gestreifte Bretonshirt, das kleine Schwarze und später das berühmte Chanel-Jäckchen aus Tweed. Ein Befreiungsschlag für die Damen.

Stolz und schwierig

Chanel war eine erstaunliche Persönlichkeit, neben ihrem unbedingten Willen zum Erfolg hatte sie einen starken Stolz, war aufmüpfig, widerspenstig, elegant und gleichzeitig burschikos, aber auch zerbrechlich und von einer Sehnsucht nach Liebe geprägt. All das bringt Julia Jaschke mitreißend auf die Bühne.

Sie jauchzt, singt, springt, tanzt und tobt, um im nächsten Moment wieder lakonisch oder schwärmerisch zu werden. In rasanten 95 Minuten ohne Pause reißt sie das Publikum mit. Einzig die Tatsache, dass einige Tanzszenen einer Alten Dame oder die Hollywood-Einlage, etwas skurril und befremdlich wirkten.

Auch die verstörenden Seiten an Chanels Leben spart Konarek in seinem Stück nicht aus. Trocken bezeichnet sich die alte Dame als „Nutznießerin“ des Krieges, die ihre Zeit in Biarritz genießt. Eine neue Schwesterntracht, „das ist mein Beitrag für den vaterländischen Kampf“, sagt sie. Gegenüber ihrer 4000 streikenden Näherinnen, die 1936 für eine 40-Stunden-Woche und bezahlten Urlaub kämpfen, bleibt sie unnachgiebig und entlässt sie allesamt mit Kriegsbeginn 1939. Diesmal will sie selbst keine Uniformen mehr machen. „Sie sind doch Schuld an all den Toten“, empört sich Chanel, die eine Beziehung zu einem hochrangigen deutschen Diplomaten eingeht und für die Nazis ein Treffen mit Winston Churchill einfädeln soll.

Nach dem Krieg knüpft die Stilikone mit harter Arbeit wieder an ihren früheren Erfolg an. Schwerfällig erhebt sich die plötzlich Gealterte, steigt auf ihre Nähmaschine und zeigt sich wieder in Siegerpose. „Jetzt bin ich wieder der Kapitän auf der Brücke meines Schiffes.“ Damit schließt sich der Kreis zu dem, was Chanel zu Beginn des Stückes erzählt hat: Ich habe nie kapituliert.

Der lange Applaus am Ende galt in erster Linie wohl Darstellerin Julia Jaschke, die als die in die Jahre gekommene Coco Chanel überzeugte und in einem packenden Monolog – begleitet von Nataliya Tkachenko am Flügel – die Höhen und Tiefen aus dem Leben der großen Stilikone vor den Zuschauern aufleben ließ.

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