Cavazzen: Eine Uhr zieht um

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Die alte Turmuhr der Stiftskirche von 1751 muss auseinandergebaut werden, um auch sie ins Depot bringen zu können. Hilfe erhält
Die alte Turmuhr der Stiftskirche von 1751 muss auseinandergebaut werden, um auch sie ins Depot bringen zu können. Hilfe erhält der Museumstechniker Wolfgang Kuen dabei von Christian Bandte, Oliver Kunjk und einem Uhrmachermeister. (Foto: Christian Flemming)
Christian Flemming

Der Umzug des Cavazzen-Inventars ist in vollem Gange, alle Exponate dürfen, oder müssen, sozusagen das Feld räumen, um eine grundlegende Sanierung des den Marktplatz prägenden Gebäudes zu ermöglichen. Die Vielfalt der Exponate stellt die Verantwortlichen immer wieder vor besondere Aufgaben, die nur mit besonderen Lösungsansätzen eines gut funktionierenden Teams bewältigt werden können.

Einer, der sich gemeinsam mit der Sammlungsbeauftragten Christina Grembowicz sehr engagiert, ist Wolfgang Kuen. Seit Januar bekleidet er den Posten des Museumstechniker, vorher war er Hausmeister der Dreifachturnhalle und vertrat den Hausmeister des Cavazzen. Dabei fiel er dem Chef des Kulturamts, Alexander Warmbrunn, auf, der ihn schließlich fragte, ob er nicht Lust hätte, vollends ins Museum zu wechseln.

Warmbrunn konnte sich den gelernten Kfz-Mechaniker sehr gut für sein Museumsteam als Ergänzung vorstellen, denn „einen, der anpacken und schrauben kann, mit seiner unaufgeregten Art und der sozial kompetent für eine entspannte Atmosphäre sorgen kann, wollte ich noch für dieses Team, auf das ich so stolz bin“, sagt der Kulturamtsleiter. Außerdem harmoniere er hervorragend mit der Techniktruppe des Stadttheaters, also mit dem ganzen Kulturbetrieb.

Als eine der speziellen Aufgaben wartete nun eine riesige Stadtansicht im Dachgeschoss auf den Abtransport. Mit ihren knapp vier Metern Länge und fast 1,50 Metern Breite passte sie nicht durch das Treppenhaus und das Rätselraten, wie diese Tuschezeichnung aus dem Jahre 1886 überhaupt hier hochgebracht werden konnte, half auch nicht weiter. Christina Grembowicz, die schon mehrmals Erfahrung mit Museumsumzügen gemacht hat, hat gelernt, auch mal „spinnerte“ Lösungen vorzuschlagen in diesem Fall kam die Drehleiter der Feuerwehr ins Spiel. Kuen, der auf unkonventionelle Ideen gerne aufspringt, ist selbst Feuerwehrmann und sprang auch auf diesen Vorschlag sofort an. Die Rücksprache mit dem Kommandanten brachte ein positives Ergebnis, denn trotz der Ausmaße ist dieses Tuschebild, das es in viel kleineren Repliken auch in manchen Lindauer Geschäften zu kaufen gibt, ein Leichtgewicht unter den Exponaten des Stadtmuseums, allerdings ist es nicht im besten Zustand. Der Nürnberger Paul Pfann, ein Schüler von Friedrich von Thiersch, der in Lindau nicht ganz unbekannt ist, hatte die Stadtansicht gemeinsam mit Jakob Egg, dem späteren Stadtbaudirektor, detailgenau angefertigt. Zusammen mit Christian Bandte, dem Theatermeister, gelernten Zimmermann und eifrigem Helfer bei unkonventionellen Lösungen, wurden die Dachfenster ausgemessen und beratschlagt. Das gut eingepackte Bild passte, wie ein Probelauf zeigte, diagonal durch eines der beiden Fenster. Knapp zwei Zentimeter Spiel hatten sie da noch zur Verfügung.

So rückte nach der Mittagspause die Feuerwehr mit der Drehleiter an und baute sich vor dem Cavazzen auf. Werner Stempfle und Andreas Dahlhaus, zwei der Hauptamtlichen, erledigten diese Aufgabe zusammen mit ihrem Kameraden Wolfgang Kuen in wenigen Minuten. Christian Bandte und Christian Schmid warteten bereits oben unter dem Dach auf den Drehleiterkorb mit Dahlhaus und Kuen, schoben das verpackte Bild zum Fenster hinaus, wo es am Korb gesichert wurde und mit der Leiter in die Tiefe entschwebte.

Etwa eine Tonne schwer

Ein weiterer Beweis für die harmonische Zusammenarbeit der Techniker des Theaters und des Museums, in der sich Kuen wie Bandte bewährten, war um einiges schwerer als die Tuschezeichnung: Die ehemalige Turmuhr der früheren Stiftkirche, des heutigen Münsters, die auch unterm Dach aufgehoben wurde. Das eindrucksvolle Eisengerüst, vollgepackt mit Zahnrädern, Hebeln und Stangen dürfte locker eine Tonne Gewicht in den Fußboden stemmen. Im Ganzen herunterzubekommen also ein Ding der Unmöglichkeit. Da glücklicherweise auch ein Uhrmachermeister in der erweiterten Crew im Theater agiert, dort aber eher für feine Tonaufnahmen zuständig ist, brachte Bandte diesen mit, um die Uhr gemeinsam mit Wolfang Kuen auseinanderzubauen.

1751 steht auf einem Messingschild, das an dem Gestell angebracht ist. In diesen Jahren war ein gewisser John Harrison in England damit beschäftigt, den ersten See-Chronografen zu bauen, eine Uhr, die so genau ging, dass sich mit ihr Längengradbemessungen durchführen ließen, für einen gelernten Tischler eine Meisterleistung und eine Meilenstein im Uhrenbau.

Als See-Chronograf lässt sich die Stiftskirchenuhr eher weniger verkaufen, etwas Besonderes ist sie dennoch, abgesehen davon, dass sie bis jetzt in der Nachbarschaft ihrer ehemaligen Wirkungsstätte stehen durfte. Diese Uhr hat ein Ankerlaufwerk, das wesentlich präziser ist als die damals noch üblicheren Spindellaufwerke. Zu der Uhr gehört ein vier Meter langes Pendel, das fein einstellbar einen Zwei-Sekunden-Schlag hat, so es funktioniert.

Dier drei bauten nun die Uhr unter den wachsamen Augen des Uhrmachers auseinander, der alle Teile so beschriftete, dass sie ohne Probleme wieder zusammengebaut werden kann. Mit dabei war auch Oliver Junk, der die wenigen Holzteile der Uhr später in seine Thermobehandlung nahm. Nach einiger Zeit stand nur noch das Gestell, das zwar immer noch schwer genug war, aber von den vieren vom Dachgeschoß heruntergeschleppt werden konnte.

Dabei bestätigte sich das, was Alexander Warmbrunn dazu bewogen hatte, Wolfgang Kuen für sein Team zu gewinnen. Stressfrei und trotzdem schnell und präzise arbeitet das Team zusammen, immer offen für ungewöhnliche Lösungen weiterer Aufgaben, die der Cavazzen noch stellen kann

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