Bruder verschollen: Günter Wiegering gibt nicht auf

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Vor 25 Jahren trägt Jürgen Goebel gern Hut.
Vor 25 Jahren trägt Jürgen Goebel gern Hut. (Foto: oh)

Manche sagen, Jürgen sei längst tot. Andere wollen ihn gesehen haben, irgendwo in Afrika. Wieder andere vermuten Jürgen in Nashville, USA. Fest steht: Sein Bruder Günter Wiegering gibt nicht auf. Er will ihn finden, den Bruder, von dem er lange Zeit überhaupt nichts wusste. Den er überhaupt nicht kennt. Dessen Spur sich vor mehr als 20 Jahren in Lindau im Sand verlaufen hat. Mittlerweile wird Jürgen von Menschen auf der ganzen Welt gesucht.

Nachdem die Lindauer Zeitung über Günter Wiegerings verzweifelte Suche nach seinem verschollenen Bruder berichtet hatte, haben sich jede Menge Leute bei ihm gemeldet. „Ich habe über Facebook eine Nachricht von jemandem bekommen, der vor etwa einem Jahr in einem Hotel in Namibia einen Mann mit Allgäuer Akzent getroffen hat. Er hat erzählt, dass er vor 25 Jahren ausgewandert ist“, berichtet Wiegering. Außerdem habe der Mann einen Hut aufgehabt, wie Jürgen ihn auf alten Fotos oft trägt. Weigering ruft in dem Hotel an, doch dort erinnerte sich keiner an den Mann. Er tritt verschiedenen Namibia-Facebook-Gruppen bei, erzählt seine Geschichte, hofft auf eine heiße Spur. Doch sie bleibt aus.

Die Suche nach seinem Bruder nimmt mittlerweile viel Zeit in Wiegerings Leben ein. Dabei weiß dieser wahrscheinlich überhaupt nicht, dass es ihn gibt. Denn Jürgen, der zum Nachnamen Goebel heißt und mittlerweile etwa 53 sein müsste, wurde als Kind zur Adoption freigegeben. „Ich vermute, dass Jürgen, wie ich, in Lindenberg geboren ist“, sagt Wiegering, der ein paar Jahre jünger ist und mit drei Jahren von einer Familie aus Nordrhein-Westfalen adoptiert wurde. Erst als Erwachsener fährt er mit Frau und Sohn zurück ins Allgäu – und erfährt von seinem älteren Bruder.

Jürgen Goebel war das älteste Kind von Fritz Günter und Maria Lydia Goebel, die in Lindenberg gewohnt haben und mittlerweile längst verstorben sind. Das weiß Wiegering von Elisabeth, der späteren Lebensgefährtin seines leiblichen Vaters. Abgesehen von der Tatsache, dass es noch einen älteren Bruder gibt, weiß Elisabeth aber nur wenig über Jürgen. Kontakt zu ihm hat sie nicht.

Lindauer erinnern sich gut an Jürgen Goebel

Über Facebook fand Wiegering schließlich heraus, dass sein Bruder Jürgen einmal bei der Firma „Manfred Schmid“ in der Tobelstraße in Bösenreutin gearbeitet hat. Und tatsächlich: Auf Anfrage der Lindauer Zeitung erinnerte sich Manfred Schmid an einen Jürgen, der den Spitznamen „Der Allgäuer“ trug. Jürgen habe bei einer älteren Dame in Scheidegg gewohnt – vermutlich seine Pflege- oder Adoptivmutter. „Vor 20 Jahren ist er dann nach Südafrika ausgewandert. Seitdem habe ich nie wieder was von ihm gehört“, sagte Schmid im Gespräch mit der LZ vor einigen Wochen. Seine Ausbildung habe Jürgen vor gut 30 Jahren bei der Firma „Hans Schwab Inhaber Luis Diet“ in Aeschach gemacht. Auch dort ist Jürgen bekannt. „Ich kannte ihn gut, unser Seniorchef hat ihn damals ausgebildet“, sagte Otto Rummel, der etwa im gleichen Alter ist wie Jürgen Goebel. „Er war ein lustiger Kerl und hat gut geschafft.“ Auch Rummel hat gehört, dass Jürgen nach Südafrika ausgewandert ist.

Südafrika, das ist auch die letzte Spur, die Sabine Radike von Jürgen Goebel hat. Sie hat nach dem ersten Artikel über Jürgen bei der LZ gemeldet. Sie schreibt. „Jürgen kenne ich seit meiner Jugend. Ich war seine erste Liebe und später waren wir jahrelang in der gleichen Clique.“ Noch immer habe sie einige Liebesbriefe und Bilder von de gemeinsamen Zeit mit ihm. „Jürgen hat damals in Scheidegg bei seiner Oma (es war nicht seine Oma aber er hat sie so genannt), einer gewissen Frau Hauber, gelebt.“ Ihrer Information nach sei Jürgen damals dann nach Durban in Südafrika ausgewandert. „Jahre später habe ich erfahren, dass er gestorben ist. Jürgen war ein ganz toller und lieber Mensch. Natürlich würde ich mich freuen, wenn meine Informationen falsch sind, aber ich habe seit seiner Auswanderung nichts mehr von ihm gehört.“

Dass sein Bruder tot sein soll, glaubt Wiegering nicht

Dass sein Bruder tot sein soll, das hat Wiegering schon von einigen Leute gehört. Doch er glaubt es nicht. Nicht, so lange es keinen Beweis dafür gibt. Beim Einwohnermeldeamt in Scheidegg hat sich Jürgen Goebel am 12. Juni 1989 abgemeldet. Dann muss er nach Südafrika gegangen sein. Mittlerweile weiß Wiegering auch, dass sein Bruder dort anfangs nicht allein war: Eine gewisse Marion hat ihn begleitet, allerdings ist sie nach zwei Monaten wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Wiegering hat Kontakt zu ihr. Doch was aus seinem Bruder geworden ist, das kann auch sie ihm nicht sagen. Vielleicht lebt er mittlerweile in Namibia, vielleicht auch nicht.

Denn vielleicht lebt Jürgen Goebel längst in Nashville, USA. Das zumindest glaubt ein gewisser Rolly, der einst ein enger Freund von Jürgen war. „Er sagt, er könne sich nicht vorstellen, dass Jürgen in Südafrika lebt. Jürgen wollte immer nach Nashville.“ Wiegering weitet seine Suche in Richtung Amerika aus. Ein amerikanischer Fernsehmoderator wird auf seine Geschichte aufmerksam, führt mit ihm ein langes Interview. Doch die heiße Spur bleibt aus.

Und dann gibt es noch alte Freunde von Jürgen, die behaupten, er lebe in Tansania. „Einiges widerspricht sich“, gibt Wiegering zu. Andere, ebenfalls ehemals enge Freunde von Jürgen, würden auf seine Anfragen überhaupt nicht reagieren. „Dabei bin ich doch nicht irgendein Kumpel, ich bin sein Bruder.“ Und genau deswegen gibt Wiegering nicht auf. „Jürgen muss irgendwo seine Spuren hinterlassen haben.“

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