Bronzezeit-Boot aus dem Bodensee wird jetzt konserviert

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In Lindau ist das älteste Boot geborgen worden, das je im Bodensee entdeckt wurde. Der Einbaum stammt aus der Bronzezeit.
Hildegard Nagler

Wenn sich Menschen flach auf dem Boden auf den Rücken legen und ehrfürchtig nach oben blicken, muss es eine besondere Bedeutung haben. In Lindau war dies gestern der Fall: Dort wurde, aufgehängt in einem speziellen Gestell, ein 6,80 Meter langer und 1,05 Meter breiter Einbaum erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Experten sprechen von einem „Riesenglück“ und einer „sensationellen Entdeckung“: Bei dem rund 3150 Jahre alten Einbaum handelt es sich um den ältesten Schiffsfund im Bodensee und zugleich Bayerns ältestes Wasserfahrzeug.

Freude allenthalben, besonders Christoph Schmid strahlt. Der 30-jährige Wasserburger hat den Einbaum aus der Bronzezeit „quasi vor meiner Haustür in etwa vier Meter Tiefe beim Schnorcheln entdeckt“. Nicht etwa erst jetzt, wie er erzählt, sondern bereits als Zehnjähriger. Beim Anblick des Schiffswracks habe er damals Angst gehabt, „dass etwas Unheimliches drin ist“, und es mit der Zeit wieder vergessen. 2015 kam Christoph Schmid das Wasserfahrzeug wieder in den Sinn. Er suchte es, wurde fündig. Und meldete er seine Entdeckung den Behörden.

100 Jahre vor der Entstehung der ersten Pfahlbauten

Nach einer ersten Sichtung durch die Wasserwacht und die Wasserschutzpolizei Lindau untersuchten Taucher der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie den seltenen Fund. In sechs Tauchgängen dokumentierten sie die Lage und die Form des Einbaums, entnahmen Proben für die Datierung und prüften Maßnahmen zum Schutz und zur Erhaltung des Wasserfahrzeugs. „Anfangs hieß es, das Wasserfahrzeug könnte 400 Jahre alt sein“, erinnert sich Robert Angermayr von der bereits erwähnten Gesellschaft für Unterwasserarchäologie. „Dann waren es 600 Jahre. Das, was wir heute wissen, dass der Einbaum sogar rund 100 Jahre vor der Entstehung der ersten Pfahlbauten gebaut wurde, ist der Hammer.“

Auch Tobias Pflederer, Vorsitzender der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie, bezeichnet die Datierung des Eichenholz-Einbaums als „phänomenal“. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er den seltenen Fund aus dem Bodensee geborgen. „Man kann sich das schon ein bisschen wie bei den Kindern vorstellen, die im Sandkasten spielen“, erklärt der Experte. Mühsam habe man den Einbaum mit Hilfe von kleinen Schaufeln und eines Unterwasserstaubsaugers vom Sediment befreit, dazwischen kleine Stege stehenlassen. „Das war eine schweißtreibende Arbeit“, sagt Tobias Pflederer rückblickend. Dann habe man Spanngurte mit Polsterung unter dem Einbaum durchgeschoben und ihn vorsichtig gehoben. „Wir hatten Angst, er könnte brechen, was glücklicherweise nicht passiert ist“, so Pflederer. „Dass ich bei der Bergung dabei sein durfte, ist ein Riesenglück. Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen.“

Einst mehr als 600 Kilo schwer

Laut Dendrochronologie-Experte Franz Herzig war der Baum aus einem Auwald rund 200 Jahre alt, als er gefällt wurde, und wog zwischen drei und vier Tonnen. Fertig war der Einbaum 600 bis 700 Kilogramm schwer. Ursprünglich sei er etwa 7,50 Meter lang und 1,10 Meter breit gewesen, schätzt Herzig, Während das Heck nahezu vollständig erhalten ist, war der Bug der Erosion offenbar stärker ausgesetzt – er ist teilweise ausgebrochen. Die Bordwände sind nur noch wenige Zentimeter hoch.

Noch am Donnerstag wurde der Einbaum in einer speziell für ihn gebauten, mit Wasser gefüllten Wanne nach München gebracht. Dort wird er mit einem speziellen Kunstharz konserviert – es verdrängt allmählich das Wasser aus dem Holz und stützt es. Bis zu drei Jahre kann der Vorgang dauern. Wo der Einbaum dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist noch offen.

„Für die Landesarchäologie in Baden-Württemberg hat der Fund große Bedeutung“, sagt Julia Goldhammer, Referentin für Feuchtbodenarchäologie beim Landesamt für Denkmalpflege in Stuttgart. „Vom Bodensee kennen wir bislang nur zwei Wasserfahrzeuge, die sicher als Einbaum anzusprechen sind. Das letzte prähistorische Stammboot wurde vor 90 Jahren gefunden. Es gehört zu den ungelösten Rätseln der Pfahlbauarchäologie, wo die Boote der stein- und bronzezeitlichen Siedler geblieben sind. Wir haben es also mit einer riesigen Forschungslücke zu tun, die mit der Entdeckung von Wasserburg nun etwas kleiner geworden ist. Wir sind gespannt auf die Einzelheiten, die die bayrischen Kolleginnen und Kollegen an dem Neufund ermitteln.“

Und Christoph Schmid, der Finder des Einbaums? Rechtlich gesehen gehört ihm der Einbaum zur Hälfte, die andere gehört dem Freistaat. „Ich bin schon ein kleines bisschen stolz, dass ich das Wasserfahrzeug gefunden habe“, sagt er bescheiden. Große Geldzahlungen wird es für ihn allerdings nicht geben, wie gestern ein Vertreter des Freistaats deutlich gemacht hat. Das erwartet Christoph Schmid offenbar auch nicht. Gegen einen Finderlohn aber, sagt er, „hat man nichts einzuwenden“.

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