Fassungslos steht Adnan Wahhoud im Trümmerfeld, dass die Fliegerbomben in Takad hinterlassen haben – nur rund 500 Meter von Wahh
Fassungslos steht Adnan Wahhoud im Trümmerfeld, dass die Fliegerbomben in Takad hinterlassen haben – nur rund 500 Meter von Wahhouds Medical Point entfernt. An die 20 Menschen starben bei dem Angriff, viele Dutzend sind verletzt worden. (Foto: Fotos: Lindauhilfe für Syrien)
Evi Eck-Gedler

Die Folgen des Bürgerkriegs in Syrien für die Menschen in und um Aleppo kennt der Lindauer Adnan Wahhoud nur zu gut. Sie sind für ihn der Auslöser gewesen, im Westen der nordsyrischen Stadt sechs medizinische Ambulanzen aufzubauen. Die LZ-Weihnachtsaktion unterstützt seine Arbeit.

Drei dieser sogenannten Medical Points tragen Lindau in ihrem Namen – weil sie in erster Linie von Spenden aus Lindau getragen werden. Jene in Khan Assal, knapp sechs Kilometer von Aleppo entfernt, hat Wahhoud Ende November schließen lassen. Nun haben Fliegerbomben in Takad eingeschlagen – 500 Meter vom Medical Point entfernt zwischen zwei Moscheen.

Vor wenigen Tagen ist er aus dem Kriegsgebiet heimgekommen

Erst diese Woche ist der Deutsch-Syrer Adnan Wahhoud aus dem Nordwesten Syriens nach Lindau zurückgekehrt. Wenn man mit ihm spricht, bebt Wahhouds Stimme immer wieder. So drastisch, wie während seiner jüngsten Syrien-Reise, hat der gebürtige Damaszener den Bürgerkrieg in seinem Geburtsland bisher noch nicht erlebt.

Die Einreise über die türkische Grenze nach Syrien lief Ende November immerhin problemlos: Ein Visum in Wahhouds Pass weist ihn als humanitären Helfer aus. Er hatte die leise Hoffnung gehabt, die wenige Tage vor seiner Abreise geschlossene Ambulanz in Khan Assal vielleicht doch wieder öffnen zu können. Doch die Realität sehe anders aus, schildert Wahhoud im Gespräch mit der LZ: Eine Nacht hat er dort verbracht. „Stündlich gab es Luftangriffe von Assads Truppen und russischen Kampfjets“, beschreibt er die Situation. Oftmals würden Streubomben abgeworfen, mit einer Vielzahl von Detonationen. „Sehr, sehr schrecklich“ ist Wahhoud jene Nacht in Erinnerung. Wie er die ganze Lage um Aleppo als „schrecklich“ bezeichnet.

 

Da der Medical Point „in der potentiellen Gefahr ist, jederzeit bombardiert zu werden“, bleibe er bis auf Weiteres geschlossen. Man hört, dass diese Entscheidung dem Lindauer sehr schwer fällt. Arzt und Krankenschwester aus Khan Assal verstärken jetzt das Ambulanzteam in Takad, wo Wahhoud einige Tage geblieben ist: „Dort öffnen wir den Medical Point jetzt an sechs statt bisher an drei Tagen.“

Wie wichtig diese Ambulanz für die dort lebenden Syrer ist, zeige der jüngste Angriff, der einen Tag vor Wahhouds Ankunft geschah: Mitten während des Freitagsgebets sei eine Fliegerbombe auf Takad abgeworfen worden. Sie schlug zwischen zwei Moscheen ein – gerade einmal 500 Meter vom Medical Point Lindau Takad entfernt. Was den Lindauer empört: Während die Verletzten geborgen und versorgt wurden, explodierte eine zweite Fliegerbombe an fast der gleichen Stelle. „Es ist durchaus beabsichtigt, die zivile Bevölkerung und Helfer zu treffen“, vermutet Wahhoud.

Auch Pharmaziefabriken sind zerbombt

Er ist froh, dass bis auf zerborstene Fensterscheiben den Menschen in der Ambulanz Takad nichts passiert ist. Aus den Lindauer Spendengeldern hat Wahhoud wieder die Gehälter von Ärzten, weiteren medizinischen Kräften, aber auch den Hausmeistern bezahlt. „Organisatorisch läuft in den fünf Medical Points alles ganz gut.“

Was Wahhoud jedoch Sorgen bereitet, ist die Versorgung mit Medikamenten und Verbandsmaterial: „Vier weitere Pharmaziefabriken sind von Bomben zerstört worden“, berichtet der Lindauer. Das habe den Kauf der erforderlichen Arzneimittel deutlich erschwert. Und die Einkäufe teurer gemacht.

Was Wahhoud auch bedrückt: Noch mehr Menschen, die bisher westlich der umkämpften Stadt Aleppo lebten, sind nach seinen Worten jetzt auf der Flucht. Die Grenze zur Türkei ist für sie dicht. „Sie flüchten vor den Bomben – und wissen doch nicht, wohin.“

Adnan Wahhoud hingegen weiß, wohin seine nächste Reise im Januar führt: Wieder nach Nordsyrien, zu den Ambulanzen zwischen Khan Assal, Takad und Yakobiya.

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