Bitterböse „beste“ Freundin

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 Marie wird zum Gespött der Schule. Sie wird gemobbt und denkt sogar an Suizid.
Marie wird zum Gespött der Schule. Sie wird gemobbt und denkt sogar an Suizid. (Foto: Madlen Trefzer)
Madlen Trefzer

Das Stück „Netboy“ von Petra Wüllenweber ist im Lindauer Stadttheater aufgeführt worden. Der Saal war dabei gefüllt mit jugendlichen Zuschauern.

Marie (gespielt von Julia Bogmeier) fühlt sich von den Entscheidungen, die ihre geschiedenen Eltern treffen, ausgegrenzt: Ihr Vater zieht aus der Stadt und ihre Mutter arbeitet ständig. Die Protagonistin sucht Trost, indem sie nach der Schule einen Chatroom aufsucht und jemanden unter dem Pseudonym „Netboy“ kennenlernt. Er hat ein Bild des 15-jährigen Franz Kafka in seinem Profil und zitiert seine mitreißenden Textstellen: „Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden.“ sowie „Liebe ist, dass du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.“ Marie ist fasziniert von den Zitaten und fühlt sich sogleich verstanden. Sie teilt sich mit, doch wird nach und nach von „Netboy“ beeinflusst. Er zeigt ihr, dass sie ihre Umgebung durch Handeln beeinflussen kann und sie geht dem nach, um ihm zu gefallen. Sie wird dazu animiert, ihre Freunde Sarah (gespielt von Clara Schoeller) und Olaf (Markus Braun) manipulativ dazu zu bringen, sich zu küssen. Als sie „Netboy“ von ihrem Erfolg berichtet, geht er einen Schritt weiter und überredet sie dazu, vor die Tür ihrer schikanierenden Chemielehrerin (als Zeichen des Protests) zu defäkieren. Anderenfalls würde er den Kontakt abbrechen. Marie geht dem nach und sobald dies geschieht, fällt ihr auf, dass „Netboy“ Dinge von ihr weiß, die sie ihm im Chatroom gar nicht mitgeteilt hat. Er schickt ihr ein Foto, auf dem sie zu sehen ist, während sie den Akt des Protests vollführt. Daraufhin erpresst er sie finanziell, „ansonsten wird das Bild veröffentlicht“, schreibt er. Marie sieht keinen anderen Ausweg, als ihrer Mutter Geld zu entwenden. Doch das Foto wird trotzdem veröffentlicht (dies brachte laute Empörung in den Saal).

Marie wird zum Gespött der Schule. Sie wird gemobbt und denkt sogar an Suizid. Freund Olaf hält trotz allem zu ihr. Seine Figur erschien den Schülern besonders sympathisch. Sie respektierten ihn für sein Handeln und seine bedingungslose Freundschaft.

Zum Ende des Stückes kam die Wendung: Maries „beste“ Freundin Sarah steckte hinter dem Profil von „Netboy“. Die Zuschauer stellten fest, dass ihr Motiv Neid war. Einige von ihnen hatten bereits den Verdacht, dass Sarah die Täterin sei und ahnten somit das Ende voraus. Überwiegend wurde das Stück als durchaus realistisch eingeschätzt, allerdings nicht von Emil (14): „Ich fand es nicht sehr glaubhaft, dass Marie so etwas machen würde, nur weil ein Fremder im Internet sie dazu überredet“, kommentiert er. Auf die Frage, was er an ihrer Stelle machen würde, antwortet er unserer Zeitung: „Ich würde gar nicht erst auf die Person im Internet so eingehen wie Marie.“

Die Schauspieler luden zu einer Fragerunde ein, die gerne wahrgenommen wurde und ernteten tosenden Applaus. Auch sie konnten noch etwas aus ihrem Stück entnehmen. „Damals war mir gar nicht klar, wie wir unsere Mitschüler behandelten, doch mit diesem Theaterstück verstand ich, dass das Mobbing war“, gesteht Clara Schoeller voller Reue.

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