Bitte nicht erschrecken, es geht etwas derb zu

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Unterwegs ans Meer: Das Hamburger Ensemble nimmt die Besucher in Lindau mit auf einen „Roadmovie für die Bühne“. Fotografieren w
Unterwegs ans Meer: Das Hamburger Ensemble nimmt die Besucher in Lindau mit auf einen „Roadmovie für die Bühne“. Fotografieren war an dem Abend nicht erlaubt, darum hier das offizielle Pressefoto zu „Vincent will Meer“. (Foto: anatol kotte)
Babette Caesar

Der Kinofilm „Vincent will Meer“ von und mit Florian David Fitz ist 2010 die erfolgreichste deutsche Kinoproduktion gewesen. Das gleichnamige Theaterstück, das im Januar 2018 in den Hamburger Kammerspielen Premiere feierte, war über Wochen jeden Abend ausverkauft. Mit dieser Inszenierung gastierte das fünfköpfige Hamburger Ensemble am Samstagabend im Lindauer Stadttheater und auch diese Vorstellung spielte vor vollen Rängen. 90 Minuten ohne Pause in einem gewagten Bühnenbild.

„Es geht in diesem Stück etwas derb zu“, sagte Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn und versuchte damit, das Lindauer Publikum auf die sogenannten Tics von Vincent, der unter dem Tourette-Syndrom leidet, vorzubereiten. Mit Schauspieler Till Demtrøder an seiner Seite vor dem noch geschlossenen Vorhang. „Auf diesen Ort habe ich mich am meisten gefreut“, erinnerte sich Demtrøder an die Zeit, als er für den Dreh der TV-Serie „Duell zu Dritt“ in Lindau war. Das Tourette-Syndrom, kurz TS, sei eine angeborene Erkrankung des Zentralnervensystems und äußere sich durch notorische Tics. Unkontrolliert stoße Vincent dabei Laute aus, nicht selten Obszönitäten. „Das ist kein lustiger Regieeinfall, sondern eine ernste Erkrankung. Lachen Sie also nicht über, sondern mit dem Hauptdarsteller“, womit sich der Vorhang öffnete.

Auf Mascha Denekes Bühnenbild, das sich in Gestalt einer über die gesamte Breite hochsteigenden Schräge zu erkennen gab. Überzogen mit einem mäandernden Muster und hinten abgeschlossen durch einen lichten Vorhang, der sich in einzelnen Spielszenen öffnete und Filmsequenzen (Videos: Max Schlehuber und Beatrice Segolini) zeigte. Unter der Regie von Ralph Bridle treffen bei der gewählten Inszenierungsweise aus Schauspiel und Film zwei Formate aufeinander, deren reduzierte Ausstattung einerseits und bildlichen Dominanz andererseits nicht unbedingt zusammen passen und daher auch ohne weiteres zu handhaben sind.

Das Stück, welches sich Komödie nennt, beginnt mit einer feierlichen Sequenz. Vincents geliebte, aber alkoholsüchtige Mutter ist gestorben. Eine Urne prangt auf der Bühne, dazu aus dem Off salbungsvolle Worte, während Vincent (Moritz Leu) auftritt, sich die Urne schnappt und die Asche seiner Mutter fortan in einer Bonbondose bei sich trägt. Mit ihr will er ans Meer, doch in Wirklichkeit will der junge Mann trotz und mit seiner Behinderung viel mehr. Sich und das Leben entdecken. Dabei trifft er auf die magersüchtige Marie (Anglina Häntsch) und den Zwangsneurotiker Alexander (Christopher Ammann), nachdem der Vater Robert (Till Demtrøder) den aus seiner Sicht missratenen Sohn in einem Sanatorium abgeliefert hat. Hier hält Dr. Petrova (Marina Weis) das Zepter in der Hand, mal Verständnis für ihre Zöglinge erregend, mal die Domina mimend passend zum gestrengen Outfit. Ihr Gegenüber ist Robert, ein bayerischer Politiker mitten im Wahlkampf. „Du und deine Mutter. Wenn es dich nicht gegeben hätte, hätte sie nicht gesoffen“, herrscht er Vincent an, der sichtlich unter Stress geraten lautstark reagiert.

Was dem Stück Schub verleiht

Schnell wird klar, wie sich zwei Gruppen herausbilden. Die der drei Jugendlichen stehen den beiden Erwachsenen gegenüber. Wechselweise positionieren sie sich mal oben, mal unten auf der Schräge. Wenn die Drei Petrovas alte Karre klauen, um nach Italien zu kommen. Mit Alex an Bord, der seinem Sauberkeitstick erliegt. Stets mit weißen Handschuhen verweigert er sich jeglichen Berührungen. Komisch wird es, wenn es dann doch zufällig passiert und Roberts Handy unter seinem Hintern brennt. Denn mittlerweile haben sie ihre Verfolger abgehängt und kurven in Papas Karosse gen Mittelmeer. Szenenapplaus gab es für diese gelungene Situationskomik.

Was dem Stück Schub verleiht, sind weniger die auf großer Leinwand eingeblendeten Videoszenen in einer Tankstelle und auf der Autobahn, wenn Robert und Petrova von der italienischen Polizei erwischt werden. Sie wirken eher wie Behelfe, um Filmszenen einzubringen, die diese Art des Schauspiels so nicht leisten kann oder will. Was den Abend zugleich komisch und ernsthaft macht, sind die wie ungewollt scheinenden Pointen und der zunehmend aufrecht-ehrliche Umgang mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen. Petrova, die ihren Stress mittels Kettenrauchen zu bewältigen versucht und daran scheitert. Alex, der Mutters Asche in den Wind bläst, weil er glaubte, in der Dose seien Bonbons. Der sich schließlich fragt, wie es ist, jemanden ohne Handschuhe anzufassen. Marie, die in der Schwebe lässt, ob sie der Liebe wegen mitfährt oder nur an Vincents Seite sterben möchte. An kaum einer Stelle lässt Bridle wahre emotionale Nähe zu. Maximal gen Schluss, wenn sich alle geläutert geben, bei sich selbst angekommen sind und das Leben aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Minutenlanger Applaus für dieses Wagnis aus Schauspiel und Film, doch vor allem für die Schauspieler.

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