Bei Geld schaltet das Gehirn oft ab

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Bankerin und Psychoanalytikerin Claudia Nagel begeisterte bei der Tiefenpsychologie-Tagung mit ihrem kritischen Vortrag „Macht
Bankerin und Psychoanalytikerin Claudia Nagel begeisterte bei der Tiefenpsychologie-Tagung mit ihrem kritischen Vortrag „Macht und Magie des Geldes“. (Foto: Susi Donner)

Bankerin und Psychoanalytikerin Claudia Nagel ist eine sehr begehrte Referentin zum Thema Finanzmarktkrise. Bei der Tagung der Tiefenpsychologen in Lindau sprach sie über macht und Magie des Geldes.

Die Finanzmarktkrise habe sie 2009/2010 beschäftigt, erklärte sie zu Beginn. Dann habe sie sie ad Acta gelegt: „Weil irgendwie die Gesellschaft so gar nicht therapierbar ist. Jeder Versuch ist vergebene Liebesmühe.“ Die Finanzmarktkrise aus psychodynamischer Sicht werfe grundsätzliche Fragen nach dem Geisteszustand der Gesellschaft auf. Die Bösewichte und ihre Motivation waren schnell ausgemacht: Es waren die Investmentbanker und ihre Gier. Was aber wäre, wenn die Investmentbanker nur ein Symptom wären, für eine grundlegende gesellschaftliche Dynamik?

Die genaue Analyse der Finanzmarktkrise verdeutliche das Zusammenspiel verschiedener psychologischer Mechanismen. Nagel sprach von einer Psychosomatik, die in Anlehnung an klassische Leugnungs- und Spaltungsmechanismen am ehesten mit einer Perversion vergleichbar sei. Das Geld habe in dieser perversen Geistesverfassung der Gesellschaft die Funktion eines Fetisch. Auch ersetze der Wunsch nach Geld mehr und mehr den Wunsch nach Beziehung. Ökonomie beherrsche alles: Egal worum es gehe – man müsse Geld damit verdienen. Jeder müsse also seine eigene innere Haltung und sein eigenes Wertesystem reflektieren.

Der Ursprung des Geldes – das Stieropfer, der Wunsch nach Fruchtbarkeit, Wachstum und Vermehrung – erkläre viel von seiner Faszination und Magie. Bezeichnenderweise habe der Stier vor der Frankfurter Börse ganz blankgeriebene Hörnchen, weil viele Passanten daran reiben. Das soll Glück bei Geldgeschäften bringen. Geld sei ein Instrument zur Wunscherfüllung, verbunden mit der ursprünglichen magischen Symbolhaftigkeit und Versprechungen.

Die Finanzmarktkrise begann in den Vereinigten Staaten: Damit es allen besser geht, sollte jeder ein Haus bauen können. Die Niedrigzinszeit begann. Viele Leute verdienten damit viel Geld. Immer mehr Leute wollten immer mehr Geld verdienen. „Aber das Gehirn schaltet ab, wenn der Mensch die Möglichkeit wittert, mehr Geld zu verdienen“, erläuterte die Expertin. Weder die Banker, noch Kunden oder Aufsichtsbehörden haben die unglaubliche Komplexität der Produkte verstanden. Das hat sich aber niemand eingestanden, denn es passt nicht zum Allmachtsgefühl des glorreichen, unbesiegbaren machtvollen Finanzwesens. Der zentrale Gedanke sei gewesen: „Es wird schon gutgehen!“

2006 wurde klar, dass es nicht gut ging. Dass viele Kunden ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten. Die Häuser verloren an Wert. Das System geriet ins Wanken. Der Markt kippte. Eine Weltmacht und der Weltfinanzmarkt brachen zusammen.

Das eigentlich Fatale sei, dass Moral und Mitgefühl fehlen, wenn es um Geld geht. Es sei kein Geheimnis, dass es Verlierer geben muss, wo es Gewinner gibt. Irgendwo steht also immer ein Mensch, der leidet.

Schuld sind immer die anderen

Was hat die Finanzwelt aus der Finanzmarktkrise gelernt? Die ernüchternde Antwort von Claudia Nagel: „Nichts. Es ist Ihnen sicher nichts Neues, dass wir hier über eine narzisstische Grundkonstruktion unserer Gesellschaft reden, die sich durch einen Mangel an moralischer Urteilsfähigkeit ausdrückt. Schuld sind immer die anderen. Das gehört zum Spiel. Illusionen sind Teil der perversen Dynamik in einer narzisstischen Gesellschaft.“

Was also nun? Nagel: „Ich weiß es nicht. Bereits ein einzelnes Individuum mit einer narzisstisch-perversen Problematik ist schwer therapierbar. Kann man dann ein ganzes Gesellschaftssystem therapieren? Ich bin ratlos und muss ehrlich sagen: Ich glaube es nicht. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass diejenigen, die an den Schalthebeln sitzen sich überhaupt mit der Problematik beschäftigen.“

Dabei gebe es einen Weg, den Nagel selbst beschreitet: Sie ist Gründerin des gemeinnützigen Vereins „Rebuilt Nepal“, der den Wiederaufbau von Nepal nach dem verheerenden Erdbeben vom April 2015 fördert. Soziales Engagement, Mitgefühl und die Frage „wie geht es den anderen durch das, was immer ich auch tue“ wären Instrumente, die eine selbstverliebte, sich selbst überschätzende und unreflektierte Gesellschaft positiv verändern und dem Geld seine Allmacht nehmen könnten.

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