Bei Barrierefreiheit auf der Lindauer Insel holpert es

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Urlauber wie Einheimische lieben das Altstadt-Flair der Insel Lindau. Wer jedoch eine Gehbehinderung hat oder gar im Rollstuhl sitzt, der stöhnt, wie etwa Anke Schenk und Tabea Schoch: Sie spüren jeden Pflasterstein, wenn sie durch die Gassen rollen. Stehen auch immer wieder vor Hindernissen. Denkmalschutz und Barrierefreiheit – das geht nicht immer zusammen. Das ist den Mitarbeitern des städtischen Bauamtes bewusst. Die testen die Barrierefreiheit der Insel übrigens persönlich: Sie setzen sich in einen Rollstuhl, um die Grenzen der Bewegungsfreiheit selbst zu erleben.

Ludwigstraße, etwas abseits des Trubels. Diesen Weg ist Ulrike Lorenz-Meyer vor drei Jahren schon einmal in gleicher Mission gelaufen: Die Lindauer Stadträtin ist Behindertenbeauftragte. Seinerzeit hat sie mit ihrem Landkreiskollegen Anton Ziegler, Gehbehinderten und einer Blinden geschaut, wie es um die Barrierefreiheit der Insel steht. Jetzt möchte Lorenz-Meyer schauen, was sich verändert hat.

Eines ist auf jeden Fall gleich geblieben – das alte Pflaster auf den Straßen und Plätzen. Johannes Voit ist Landesverkehrsexperte des bayerischen Blindenbunds. Der Architekt sitzt selbst im Rollstuhl, ebenso Tabea Schoch. Anke Schenk, die Stadtarchiv arbeitet, ist krankheitsbedingt seit diesem Jahr auch immer häufiger auf den Rollstuhl angewiesen. Sie alle seufzen schon nach wenigen Metern: Bewegt sich ihr Rollstuhl über die großen Pflastersteine, spürt nicht nur Tabea Schoch „jeden einzelnen Stein in den Knochen“.

Der leichtere Weg ist immer wieder zugestellt

Doch das Altstadtensemble steht unter Denkmalschutz. Immerhin zieht sich seit einigen Jahren entlang der Ludwigstraße ein Seitenstreifen mit kleineren und damit etwas weniger holprigen Steinen. Doch Christian Weixler muss seine Frau Anke Schenk dann doch wieder übers Kopfsteinpflaster schieben – weil Kübel mit großen Pflanzen wie auch die Ware eines Geschäftes den Weg versperren.

Lorenz-Meyer schüttelt den Kopf – denn die städtischen Mitarbeiter erklären ihr, dass die Geschäftsleute für solche Präsentationen ein Sondernutzungsrecht beantragen können. Genehmigt die Stadt das, „dann stellen die ihre Waren natürlich direkt vors Geschäft.“ Voit schlägt vor, diesen Kleinpflasterweg doch besser in die Straßenmitte zu verlegen.

Ab dem Theater rumpelt es etwas weniger. Immerhin: Der vor drei Jahren kritisierte hohe Bordstein an der Bushaltestelle dort ist jetzt mit gelben Kontraststreifen markiert. „Trotzdem stolpern da auch Menschen ohne Behinderung die Kante runter“, beobachtet Lorenz-Meyer immer wieder. Die Mitarbeiter des städtischen Bauamts, Pius Hummler und Reinhold Pohl, klären sie auf: Der erhöhte Wartebereich sei dem Stadtbus geschuldet, damit die ÖPNV-Nutzer weitgehend ebenerdig einsteigen können.

Wie wichtig solche Kontraststreifen sind, testen die Teilnehmer des Barrierefrei-Spaziergangs vorm Theatereingang: Voit hat Spezialbrillen mitgebracht, die verschiedene Sehbehinderungen simulieren. Die Stadtmitarbeiter, aber auch Lorenz-Meyer und die Behindertenbeauftragte des Landratsamtes, Christina Gentili, probieren diese aus – und sind verblüfft. Denn wer an einer schweren Makula- oder Star-Erkrankung leidet, der würde ohne diese Streifen die Stufen vorm Eingang gar nicht erkennen.

Die Rampe ok, der Weg dorthin beschwerlich

Immerhin gibt es am Seiteneingang des Theaters eine Rampe für Rollifahrer. Hochbaumitarbeiter Hilmar Ordelheide ist mutig: Er setzt sich in einen Gastrollstuhl, um so den Weg zum Nebeneingang zu testen. Und wird gleich erst mal ausgebremst: Die kleinen Vorderräder bleiben in einer leicht abgesenkten Pflasterrinne in der Fahrbahn hängen. Auch er wird durchgeschüttelt, bis er endlich mit seinem Rollstuhl an der Rampe steht. Die leichte Neigung hinauf macht keine Probleme. Wohl aber das Umdrehen vor der Tür: „Ok, jetzt weiß ich, warum Rampen 1,50 Meter breit sein sollten.“ Die Betonbahn hinunter geht es zügig. Dann heißt es wieder mühselig Räder von Hand drehen und übers Pflaster rumpeln – das geht selbst bei Ordelheide ganz schön in die Oberarme.

Er überlässt den Rolli danach seinen Kollegen. Die Schlaglöcher zwischen Bäckergässle und Kirchplatz sind heute einigermaßen eingeebnet. Zwischen Münster und St.Stephan lässt eine Asphaltfläche die Rollstuhlfahrer etwas durchatmen.

Quer über den alten Marktplatz hat die Stadt einen Weg mit glatten kleinen Steinen verlegen lassen. Auch Eltern mit Kinderwagen wissen das zu schätzen. Doch diesen zu erreichen, ist für Gastrollifahrer Pius Hummler schwierig: Ein Van versperrt zunächst den Weg. Wie wichtig dieser Streifen ist, macht der Gast aus Augsburg deutlich: Als Voit nach links schwenkt aufs alte historische Pflaster, blockiert sein Rollstuhl, wäre wohl gekippt, wenn Ordelheide nicht dahinter gestanden und gehalten hätte.

Warten aufs neue Behinderten-WC am Rathaus

Gehbehinderte Rollstuhlfahrer wie auch die Probefahrer aus der Verwaltung sind froh, als sie wieder das Alte Rathaus erreichen. Lorenz-Meyer hofft, dass die Behinderten-Toilette dort bis zum Jahrmarkt fertiggestellt ist. Denn wer in diesem Bereich als Rollstuhlfahrer ein dringendes Bedürfnis verspürt, muss ansonsten bis zum Seehafen weiterfahren, über viele Pflastersteine... Ob das zeitlich klappt, wagt von der Verwaltung derzeit niemand zu sagen.

Anke Schenk und Tabea Schoch sind froh, dass sie das Altstadtpflaster endlich wieder verlassen können. Barrierefrei ist die Insel drei Jahre nach der ersten Rolli-Test-Tour noch lange nicht. „Das braucht ein Gesamtkonzept“, ist Johannes Voit, der rollstuhlfahrende Verkehrsexperte des Blindenbunds, überzeugt. Er verweist darauf, das andere Städte sich sogar ein Gutachten dafür erstellen ließen. Doch selbst dann wäre wirkliche Barrierefreiheit auf der denkmalgeschützten Insel nur „Stück für Stück“ zu schaffen, wie Pius Hummler sagt. Er ist wie seine Kollegen sichtbar froh, dass er den Rollstuhl wieder verlassen kann.

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