Becherattacke: NoFX brechen Auftritt ab

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Punks unter Beschuss: NoFX-Bandchef Fat Mike und Gitarrist El Hefe (links) haben es mit einer Bierbecher werfenden Menge zu tun.
Punks unter Beschuss: NoFX-Bandchef Fat Mike und Gitarrist El Hefe (links) haben es mit einer Bierbecher werfenden Menge zu tun. (Foto: Daniel Drescher)
Schwäbische Zeitung

„Nach elf Jahren sind sie endlich wieder hier“, freut sich Marc. „2000 Besucher, ausverkauft.“ Der braungebrannte Mann mit der wilden Lockenpracht strahlt, während gerade die amerikanische Punkrock-Größe NoFX auf der Bühne neben dem Club unter freiem Himmel steht. Marc ist im Club Vaudeville fürs Buchen der Bands zuständig und hat durch seine Kontakte maßgeblich daran Anteil, dass große Namen in Lindau auftreten.

Doch die Freude währt nicht so furchtbar lange: Fat Mike, Sänger und Bassist der kalifornischen Band, bekommt am Anfang des Auftritts ein paar Bierbecher ab, macht eine deutliche Ansage, verkündet, dass pro Becher ein Song weniger gespielt wird. Nützt nichts. Ein paar Störer in der Menge fühlen sich dadurch eher noch angestachelt, es hagelt Plastikbecher mit Vaudeville-Logo, aus denen die Konzertgänger ihr Bier oder andere Getränke nippen. Ob leer oder halbvoll – das ist den Werfern egal. Weil deutliche Worte nichts nutzen, bittet Mike das Publikum höflich, das zu unterlassen. Keine Chance. Weitere durchsichtige Dinger kommen geflogen. Fat Mike bedankt sich sarkastisch für den ruinierten Abend und redet schließlich nicht mehr mit der Menge. Gitarrist El Hefe versucht zu retten, indem er die Kommunikation mit dem Publikum bestreitet. Plötzlich deutet Fat Mike auf einen Werfer im Publikum, zeigt ihm den Effe, nennt ihn „Pussy“. Die Securitys ziehen den Fan aus dem Verkehr, der schaut etwas verdutzt aus der Wäsche.

Um 21.48 Uhr ist Schluss, nach nur knapp einer Stunde Spielzeit. Die letzten Songs der Setlist fallen dem vorzeitigen Abgang der Band zum Opfer. Die „Zugabe“-Rufe der Fans verhallen ungehört, auch, weil die Stadt dem Club Vaudeville die Auflage verordnet hat, dass die Veranstaltung um 22 Uhr zu Ende sein muss. Buh-Rufe und Pfiffe zum Abschied: So hatten sich Fat Mike und die Fans, denen die Becherwerfer das Konzert ebenfalls versaut haben, den Abend sicher nicht vorgestellt.

Bandboss Mike ist ein aktiver Twitter-Nutzer, schweigt dort aber zu dem missglückten Abend. Dafür erzählt El Hefe seiner Frau via Twitter davon, äußert seine Wut („I wanted to kick some ass“) und schildert, wie der Abend doch noch halbwegs versöhnlich geendet habe, als Mike mit der Akustikgitarre am Zaun noch ein paar Songs für die Fans gespielt hat. Auf dem Open-Air-Gelände gehen die Ansichten auseinander, während mancher den Ärger der Band nachvollziehen kann, machen sich andere über die ihrer Meinung nach empfindliche Reaktion einer Band lustig, die in ihren Songs zu Anarchie aufruft.

Geteilte Meinungen

Auch im Gästebuch des Clubs machen die Nutzer ihrem Unmut Luft: Die Meinungen sind geteilt, die einen schimpfen über die Becherwerfer, andere hätten sich eine deutliche Ansage der Veranstalter gewünscht. Schade, dass es so kommen musste, denn musikalisch sind NoFX über alle Zweifel erhaben. Mit ihrem donnernden melodischen Punkrock bringen sie die Fans zum Pogen, Hüpfen und Ausrasten. Songs älteren Datums wie „The Longest Line“ kommen ebenso zum Zuge wie das für die Spaßpunks erstaunlich ernsthafte „My Orphan Year“, in dem sich Fat Mike mit dem Tod seiner Eltern auseinandersetzt.

Auch die Vorbands – beide auf Mikes Label Fat Wreck Chords vertreten – punkten: Während Strung Out mit ihrem wuchtigen Punkrock für den ersten Circle Pit des Abends sorgen, staunt man über The Flatliners: Die kanadischen Mittzwanziger waren schon auf Tour, bevor sie den Führerschein hatten und bringen ihren rotzig-kompakten Sound sagenhaft euphorisch auf den Punkt. Mehr davon!

Punkrock Holidays unter freiem Himmel – ein cooles Konzept, das Laune macht. Man kann nur hoffen, dass NoFX nach diesem Abend nicht wieder elf Jahre bis zum nächsten Auftritt im Vaudeville verstreichen lassen – gute Erinnerungen nehmen sie leider nicht mit.

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