Bahn plant jetzt doch zwei Bahnhöfe

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Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Die Manager der Bahn AG haben nach den beiden Bürgerentscheiden zum Lindauer Bahnhof sehr viel Zeit gelassen. Aber offensichtlich hat das Team um Volker Hentschel, Regionalleiter der Bahntochter DB-Netz, die Zeit genutzt, um sich dem Willen der Lindauer anzunähern.

Auf Anfrage der Lindauer Zeitung bestätigte Hentschel gestern, dass die Bahn derzeit zwei Bahnhöfe in Lindau plant. Außerdem mache man sich Gedanken, was aus den frei werdenden Grundstücken auf der Insel und auf dem Festland werden könne – im Sinne der Lindauer und der Bahn AG.

Details wollte Hentschel gestern noch nicht verraten. Das Wirtschafts- und Verkehrsministerium hatte gebeten, damit zu warten, bis am Donnerstag Vertreter von Bahn, Stadt, Ministerium und Bürgerinitiative Hauptbahnhof Reutin an einem Tisch sitzen. Bei diesem Gespräch will Hentschel Pläne vorlegen, wie sich die Bahn AG das in Lindau mit zwei Bahnhöfen vorstellen kann. Außerdem soll es um Kosten, Finanzierung und Zeitpläne gehen.

Zeitdruck verschärft sich

„Wir werden nicht unsere alte Planung Reutin ohne Inselanbindung herausholen, überarbeiten und einbringen“, versprach Hentschel. Man habe die Bürgerentscheide aus dem Dezember und März geprüft und sei zu dem Schluss gekommen, dass die Lindauer auf jeden Fall zwei Bahnhöfe wollen und brauchen. Denn darin seien sich die meisten Lindauer ja einig gewesen. Strittig war lediglich die Frage, wo denn der Hauptbahnhof stehen soll. Dazu ließ sich Hentschel gestern nichts entlocken. Auf die Frage, ob es sich um Bahnhöfe, Bahnstationen oder Bahnhalte handeln werde, sagte der DB-Manager: „Sie können ruhig zwei Bahnhöfe schreiben.“

Hentschel erklärte, dass die Bahner inzwischen „die schwierige Entscheidungslage“ und die besondere Verkehrssituation in Lindau anders sehe als früher. Dazu hat sicher auch der sich verschärfende Zeitdruck beigetragen. Während die Bahn für die Elektrifizierung der Bahnstrecke München-Lindau bis zum Jahr 2020 Zeit hat, soll die Südbahn zwischen Ulm und Lindau schon 2017 unter Strom fahren. Da es aber nur schwer denkbar ist, dass Züge von und nach Ulm dann in Aeschach halten, wo die Oberleitungen der Südbahn in die Stromleitungen der Strecke München-Zürich übergehen, hat es die DB AG eilig.

Vor diesem Hintergrund will Hentschel am Donnerstag einen Vorschlag für zwei Bahnhöfe machen. Dabei werde der Zeitplan eine wichtige Rolle spielen. Zugleich werde er über Kosten reden und darüber, wer diese Kosten tragen soll. Ohne es zu sagen, meint Hentschel damit vor allem die vom Freistaat für den Fall der Kombilösung bereits zugesagten 3,5 Millionen Euro.

Über frei werdende Flächen reden

Wie sich Hentschel den Anteil der Stadt vorstellt, dazu sagte er gestern direkt gar nichts. Allerdings ließ er durchblicken, dass dies in Form von Baurecht geschehen könnte. Immerhin sollen auf der Insel und in Reutin einige Flächen frei werden. Das sei aus Sicht der Bahn die zweite Lektion der beiden Bürgerentscheide gewesen, sagte Hentschel zur LZ: Dass die Bürger nur mitmachen, wenn sie vorab eine Vorstellung bekommen, was auf diesen Grundstücken passieren soll.

Hentschel bestätigte das Interesse der Bahn, diese Grundstücke zu vermarkten, um damit einen Teil der Kosten für die Investitionen von insgesamt über 100 Millionen Euro für zwei Bahnhöfe wieder hereinzubekommen. In Lindau waren deshalb immer wieder Ängste laut geworden, die Bahn wolle alles mit dichter Bebauung zupflastern. Diesen Bedenken will Hentschel entgegentreten, indem er gemeinsam mit der Stadt Vorschläge für städtebauliche Entwicklungen erarbeiten will. Dabei können Lindau und Bahn AG auf Vorarbeiten einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zurückgreifen, die sich bis zu etwa zwei Jahren bereits mit diesem Thema befasst hat.

„Insel braucht einen Bahnhof“

Oberbürgermeister Gerhard Ecker freut sich über diesen Meinungswechsel der Bahn-Manager. Sie hätten begriffen, dass die Insel als touristisches Zentrum eine Bahnanbindung brauche, „wenn wir wollen, dass möglichst viele Gäste mit der Bahn kommen“. Zugleich sei für Lindauer und Bewohner der Nachbargemeinden ein Bahnhof in Reutin sehr viel besser erreichbar. „Wenn jetzt beide zu ihrem Recht kommen“, sei das gut. Gespannt sei er auf die Details, die ihm Hentschel am Donnerstag präsentieren will.

Auch beim Thema Städtebau ist sich Ecker mit Hentschel einig: „Wir wollen Bürger und Stadträte mitnehmen.“ Wenn sich mancher reine Grünflächen wünsche, sei das nicht im Sinne der Stadt. Denn in Lindau fehle vor allem Wohnraum. Das höre er bei Unternehmensbesuchen immer wieder: Firmen hätten Probleme, fähige junge Mitarbeiter einzustellen, weil diese keine passende Wohnung finden. Dabei fehlten günstige Wohnungen ebenso wie solcher im gehobenen Standard. „Wenn die Bahn mit uns gemeinsam Wohnbau planen will”, dann werde er zustimmen.

„Hauptbahnhof soll nach Reutin“

Auch mit Rainer Rothfuß, Sprecher der Bürgerinitiative Hauptbahnhof Reutin, hat Hentschel im Vorfeld bereits gesprochen. Rothfuß hält es zunächst für positiv, dass die Bahn einsehe, dass Lindau neben dem Hauptbahnhof in Reutin noch einen Halt auf der Insel brauche. Ihm sei aber wichtig, dass der Knotenpunkt mit Funktion eines Hauptbahnhofs tatsächlich in Reutin entsteht, denn das habe die Mehrheit im März so gewollt.

Jeder Zug müsse in Reutin halten, lautet seine Forderung. Dafür solle die Bahn unbedingt die Aeschacher Kurve um ein Gleis erweitern, was zudem Voraussetzung sei für den Anspruch auf Lärmschutz der Anwohner in Aeschach.

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