Böses, Heiteres und Trauriges

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 Chansonnier Tim Fischer (rechts) zelebriert „Die alten schönen Lieder“ im Stadttheater.
Chansonnier Tim Fischer (rechts) zelebriert „Die alten schönen Lieder“ im Stadttheater. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Was soll man da noch sagen – einfach wunderbar, was Chansonnier Tim Fischer zusammen mit Thomas Dörschel am Flügel seinem Publikum am Sonntagabend im Stadttheater geboten hat. „Die alten schönen Lieder“, so der Programmtitel, wieder zu hören von einem derart brillanten Sänger, ist purer Genuss. Die hellen wie die dunklen Seiten des Lebens betreffend. In Thomas Dörschel hat er hierzu einen außergewöhnlichen Pianisten gefunden, der seine Stimme klanglich veredelt.

Ein Klavier, an dem Thomas Dörschel sitzt. Ein Lichtkegel, in dem Tim Fischer steht. Im schwarzen Anzug, später in Weiß gekleidet. Mehr braucht es nicht (mehr) für den 46-jährigen Sänger und Schauspieler, der 2018 zum ersten Mal nach 15 Jahren wieder gemeinsam mit Thomas Dörschel auf der Bühne stand. „Ich freue mich so sehr, dass ich heute Abend hier bin“, sagte er mit diesem umwerfenden Lächeln.

Alles dreht sich um Liebe und Leid

Was es mit dem Titel „Die alten schönen Lieder“ auf sich habe? Gemeint seien eher die bösen Lieder à la Heinrich Heine, die von Liebe und Schmerz, Freude und Tod erzählen. Das sind die großen Themen, mit denen Fischer seit rund 30 Jahren tourt und zum bedeutendsten Chansonnier in Deutschland avancierte. Der Schmelz seiner Stimme geht einem in jeder Tonlage unter die Haut. Fischer inszeniert sich als Ausbund an Energie, quirlig und übersprudelnd, wenn er zum Einstieg sein „Na so was, ich hab mich schief gelacht“ singt. „Wir hatten enorme Lust, das Alte neu zu entdecken und uns unseren Klassikern noch einmal völlig offen zu nähern, uns mit ihrer Form, ihren Figuren und ihrem historischen Kontext auseinanderzusetzen“, sagte er in einem Gespräch über die Beweggründe zur aktuellen Tournee.

„Was willste denn in Wien“, skandiert er aufbrausend, um in einem lustvoll repetierenden Stottergesang die Zeilen aus der Feder von Pigor & Eichhorn in die Länge zu ziehen. Fischer ist Sänger und Schauspieler und so sind seine Performances auch stets darstellerisch bis ins Letzte ausgefeilt. Darin gerät Georg Kreislers „Der Furz“ zu einem ironischen und tragikomischen Abgesang auf die Demokratie.

Als „Gott des Chansons“, als einen, der sprachlos macht und seine Gefühle zeigt, dessen Lieder von Friedrich Hollaender und Bertolt Brecht ein Querschnitt der Gesellschaft sind – ob traurig oder lachend –, so erleben tief berührte Zuschauer Fischers Auftritte. Den eher heiteren Stücken mit zynischem Unterton war der erste Teil des Abends gewidmet. Brechts und Eislers „Mutter Beimlein“ mit ihrem Holzbein, in dem ein Nagel steckt, um dort den Schlüssel anzuhängen, damit sie ihn im Dunklen besser finden kann, wenn wieder ein Freier kommt. Sein radebrechendes „Ich bin verdrießlich, weil ich so verdrießlich bin“ gipfelt in einem befreienden Jodelausbruch. Ist Fischer doch um keine Überraschung verlegen, wenn man gerade noch glaubt, ihn nur vor dem Mikrofon stehen zu sehen. Denn schon nimmt er Anlauf in Richtung der vorderen Sitzreihen, um sein bittersüßes „Ich hab Akne“ so derart charmant unter die Leute zu bringen, dass man ihm nichts, aber auch nichts übel nehmen kann.

Wenn es einen packt und nicht mehr loslässt

Mit dem Lied „Ein Koffer spricht“ der jüdischen Kinderbuchautorin und Dichterin Ilse Weber, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde, stimmten Fischer und Dörschel auf den zweiten Teil ein. Auf die traurigen Lieder, die einen packen und nicht mehr loslassen. Hollaenders „Wenn ick mal tot bin, das wird schön“, dass es einem kalt den Rücken herunter läuft, wie Fischer da ganz in Weiß steht in seiner Selbstverständlichkeit und „Lieschens schönsten Tag“ besingt. Er die ihm von Edith Jeske und Rainer Bielfeldt auf den Leib geschriebene „Rinnsteinprinzessin“ wieder aufleben lässt und mit Ludwig Hirschs „Komm, großer schwarzer Vogel“ kaum verführerischer mit dem Tod ins Gebet geht.

Still ist es. Ergriffenheit macht sich breit beim Ertönen Dörschels glockenreiner Akkorde, die sich in dramatische Höhen schrauben. Zusammen mit einer Lichtinszenierung, die Fischer immer weiter ins Dunkel taucht und dafür den Zuschauerraum erleuchtet. Fischer ist ein Meister im Umswitchen von großer Tragik und Komik. Hin zu „Caprifischer“, um seine „Bella Bella Marie“ unbändig zu dehnen und zu strecken, sie zu überreizen und ihr ein vollkommen neues Timbre zu verleihen. Tim Fischer und Thomas Dörschel sind purer sinnlicher Genuss.

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